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Analyse2. Oktober 2016, 11:00

Die arme Odi hat Angst. Mit treuherzigen Augen blickt die schwarze Hündin in die Kamera. Sie fürchte sich vor dem "herannahenden Gewitter", klärt ihr Herrl seine rund 400.000 Facebook-"Fans" auf. Aber er weiß Abhilfe: "Mit einem duftigen Leiberl fühlte sie sich gleich wieder sicher." Das T-Shirt stammt vom Chef der laut Umfragen stärksten Partei des Landes, Odis Besitzer: FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache. Der Einblick in sein Privatleben kommt gut an. "Wer Tiere mag, hat ein gutes Herz", so der aus historischer Sicht wohl diskussionswürdige Kommentar einer Nutzerin. Andere User beginnen, Wortwitze über den Präsidentschaftskandidaten Alexander Van der Bellen zu machen, den Odi doch "verbellen" soll. Freilich werden auf der Seite des blauen Parteichefs nicht nur Hundefotos veröffentlicht: Er propagiert politische Positionen, macht gegen die rot-schwarze Regierung und gegen andere Oppositionsparteien Stimmung und versucht seine Positionen mit Links auf klassische Medien und teils dubiose Blogs zu belegen.

foto: facebook/screenshot
Die italienische Dogge "Odi", Straches Hündin, steht im Zentrum mehrerer Postings.

Das funktioniert so gut, dass Strache der mit Abstand beliebteste heimische Politiker auf Facebook geworden ist. Mit seinen mehr als 400.000 "Fans" liegt er klar vor Außenminister und ÖVP-Kronprinz Sebastian Kurz (rund 300.000 Anhänger), die Seite von Präsidentschaftskandidat Norbert Hofer (FPÖ) hat 270.000 "Gefällt mir"-Angaben. Zum Vergleich: Das Bundeskanzleramt, das offiziell über die Aktivitäten von Christian Kern (SPÖ) informiert, hat weniger als 10.000 "Likes", Kerns politische Facebook-Seite momentan 80.000 Unterstützer.

Ausschlaggebend ist jedoch nicht die Anzahl der Fans allein, sondern das Ausmaß der Interaktion auf Facebook. DER STANDARD hat die rund 3.400 Beiträge, die zwischen Jänner und Mitte September auf der Facebook-Page von Strache veröffentlicht oder geteilt wurden, ausgewertet. Dabei wird klar, dass Straches Seite das Herzstück des freiheitlichen Kommunikationsnetzwerks darstellt. Täglich wurden durchschnittlich 13 Posts veröffentlicht, die im Schnitt jeweils 470 Reaktionen (etwa Likes) und 125 Kommentare auslösten. Fast 400-mal wurde jeder Beitrag im Durchschnitt geteilt – ein sehr starker Wert, der dazu führt, dass die Postings auch mehr Nutzern, die keine Fans von Straches Seite sind, angezeigt werden.

Seit Juni 2016 – also nach der Bundespräsidenten-Stichwahl – nahm die Anzahl der Posts stark ab.

Über Organisation und Abläufe hinter der Facebook-Seite wollte die FPÖ auf Anfrage des STANDARD keine Auskunft geben. "Nur so viel: H.-C. Strache verfasst den überwiegenden Teil der Texte selbst und wählt auch den Großteil der geteilten Inhalte selbst aus", hieß es in einer Stellungnahme von FPÖ-Bundespressereferent Karl-Heinz Grünsteidl. Die Social-Media-Expertin Judith Denkmayr geht von mindestens zwei bis drei Mitarbeitern pro Woche aus, die "relativ viel Zeit" in die Betreuung der Seite investieren müssten.

Denkmayr vermutet, dass neben jahrelanger Aufbauarbeit auch die "totale Konzentration auf eine Person" zum Erfolg der Seite geführt hat. Hinzu komme die "emotionale und authentische Tonalität", etwa die glaubwürdige Verwendung der Ich-Form und die persönliche Ansprache, zum Beispiel mit "Liebe Freunde" oder "Liebe Österreicher". Auch die Bildsprache sei authentisch, statt gestellter Pressebilder setze man auf "In-Action-Shots". Die Posts zeichnet zudem gutes Timing aus: "Sie springen meist optimal in der Frühphase einer Themenentwicklung auf ein Thema auf und verstärken es", sagt Denkmayr, die die Unternehmenskommunikation von Vice CEE leitet. Auch neue Trends erkennt man schnell: Die meistkommentierten Beiträge der Seite sind Facebook-Live-Videos, bei denen die Fans eine Benachrichtigung bekommen und ähnlich wie in einem Live-Chat kommentieren. "Sie sind derzeit einfach der Interaktions- und Reichweitenknüller", sagt Denkmayr. "Strache hat verstanden, wie er den Kanal für sich und seine Zwecke nutzen kann."

Ein Post auf der Facebook-Page selbst erklärt den Erfolg folgendermaßen: "Wir haben über die modernen Kommunikationsebenen einen unabhängigen und vor allem direkten Zugang – abseits der veröffentlichten Meinung und Zensur – gefunden." Strache misstraue "den herkömmlichen Medien nicht grundsätzlich", immer mehr Bürger würden sich aber von ihnen abwenden und "wollen neben den gefilterten Medienberichten einer oftmals veröffentlichten Einheitsmeinung auch andere, zusätzliche Meinungen und Informationen lesen".

Straches liebste Quelle ist allerdings die meistgelesene Zeitung Österreichs: die "Kronen Zeitung" (siehe Grafik). Zählt man sowohl Links als auch abfotografierte oder per Screenshot geteilte Beiträge der "Krone", kommt man auf mindestens 430 Beiträge in achteinhalb Monaten. Im Durchschnitt werden auf der Seite also täglich ein bis zwei Beiträge der "Kronen Zeitung" geteilt. Darauf folgen "Österreich" (273-mal geteilt) und erst weit dahinter Qualitätsmedien wie "Die Presse" (137) und der ORF (79). DER STANDARD schafft es mit 25 geteilten Beiträgen nicht in die Top Ten.

Die geteilten "Krone"-Inhalte umfassen hauptsächlich Artikel, Kolumnen und Leserbriefe, hin und wieder auch nur einzelne Headlines (zum Beispiel "Vergewaltiger will Asyl in Österreich" oder "Österreich völlig dichtmachen!"). Die meisten Posts auf der Strache-Facebook-Seite werden kommentarlos oder mit nur wenigen Worten wie "unfassbar", "bezeichnend" oder "zur Info" versehen. Viele Beiträge aus der "Krone" werden allerdings mit einem Extralob wie "Exzellent auf den Punkt gebracht!", "Wort für Wort richtig!" oder "Großen Respekt vor dem Redakteur. Exzellent und treffend auf den Punkt gebracht!" veröffentlicht.

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Zum Teil werden auch nur einzelne Headlines der "Kronen Zeitung" geteilt.

In den "Krone"-Beiträgen, die auf der Strache-Seite geteilt wurden, wird nicht nur in Meinungselementen und Leserbriefen oftmals direkt Stimmung für die FPÖ gemacht, auch in Berichten lässt die "Krone" oft ausschließlich FPÖ-Politiker zu Wort kommen: etwa in Artikeln wie "Dschihad-Rückkehrer dürfen nicht hier leben" oder "Polit-Wirbel um Polizeieinsätze bei den vielen Asylunterkünften".

Krone.at-Chefredakteur Richard Schmitt rechtfertigte in einem Interview mit dem Magazin "Fleisch" die verstärkte Präsenz von Politikern der FPÖ damit, dass diese sich bei der "Krone" einfach um einiges häufiger meldeten als jene anderer Parteien. Außerdem habe nur der Facebook-Auftritt Straches eine brauchbare Reichweite. "Wenn Strache einen normalen Bericht von uns auf Facebook teilt, dann merken wir, das haut die Quote auf das 1,5-Fache hoch", sagte Schmitt. Das sorgte für Aufregung und Vorwürfe, die "Krone" würde Berichte auf Strache zuschneiden. Das sei definitiv falsch, sagt Schmitt im Gespräch mit dem STANDARD: "Wir stehen nicht auf und überlegen uns, wie wir es schaffen, auf Straches Seite zu landen." Schmitt wäre es "auch recht, wenn uns Christian Kern öfter verlinken würde". Beschimpfungen im Netz, auch wegen einer vermeintlichen FPÖ-Nähe, täten Schmitt "natürlich weh". "Meine Frau ärgert sich aber mehr", so der Krone.at-Chef.

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Beiträge der "Krone" werden besonders häufig und mit Extralob geteilt.

Kommunikationswissenschafter und Kulturhistoriker Walter Ötsch kritisiert im Gespräch mit dem STANDARD die "kontinuierliche und forcierte Kontaktpflege" der FPÖ mit der "Kronen Zeitung". Dieses Zusammenspiel sei demokratiepolitisch problematisch. Die Pressekonzentration in Österreich sei "einmalig", in keinem anderen Land der westlichen Welt gebe es die Dominanz eines Mediums "in dieser Größenordnung", so Ötsch, der unter anderem an der Johannes-Kepler-Universität in Linz lehrte. Der jüngsten Media-Analyse zufolge kommt die Boulevardzeitung auf 32 Prozent Reichweite beziehungsweise 2,3 Millionen Leser. "Die 'Kronen Zeitung' ist eine ungeheure Macht, die nie reflektiert wird", sagt Ötsch.

DER STANDARD ist bei seiner Recherche auf Falschinformationen gestoßen, die ursprünglich aus der "Kronen Zeitung" stammen und von der Strache-Seite geteilt wurden. Ein Beispiel von Ende August: ein Artikel mit dem Titel "So viel kostet die Asylkrise wirklich", der auf der Strache-Facebook-Seite in Form eines FPÖ-Sujets geteilt wurde. Als Basis für die Berechnung wird davon ausgegangen, dass jeder Asylberechtigte den Maximalsatz von 837,76 Euro Mindestsicherung erhält. Tatsächlich gilt diese Summe nur für Alleinstehende. Die zweite Person in einer Partnerschaft sowie Kinder erhalten eine niedrigere Summe. Strache teilte den Beitrag am 28. August und fügte hinzu, dass das "noch lange nicht alle Asyl-Kosten" seien. Obwohl SOS Mitmensch auf den Fehler hinwies, gab es keine Richtigstellung.

Auch der Inhalt mancher geteilter Leserbriefe an die "Kronen Zeitung" entspricht nicht den Fakten. Mitte Jänner wurde der Leserbrief "Keine Islamisierung?" mit den dabeistehenden Worten "Danke SPÖ, ÖVP und Grüne!" geteilt. Darin wird behauptet, der Anteil der Muslime in Österreich betrage 13 Prozent – eine Quelle für die Zahl wird nicht angegeben. Die Islamische Glaubensgemeinschaft schätzte 2016 allerdings, dass in Österreich rund 600.000 Muslime leben, was einen Anteil von rund sieben Prozent an der Gesamtbevölkerung ergäbe.

Unzensuriert.at: Infobrief wird Webseite

Auf der Facebook-Seite Straches werden auch oft Meldungen des Portals unzensuriert.at veröffentlicht, das als FPÖ-nah gilt, sich selbst aber nicht als FPÖ-Medium bezeichnet wissen will. Freilich entstand unzensuriert.at 2009 aus einem Internetblog des damaligen Dritten Nationalratspräsidenten Martin Graf (FPÖ), der bereits 1994 und danach 1996 im Wiener Wahlkampf Zeitungen unter dieser Marke verschickt hatte. Später wurden daraus regelmäßige "Infobriefe", dann entstand der Web-Auftritt, der von Grafs Mitarbeitern betreut wurde.

Wer heute bei unzensuriert.at mitarbeitet, ist nicht bekannt. Laut Angaben des Onlinemagazins sind bis zu 25 Personen "ehrenamtlich" als Redakteure tätig. Angaben zu den Namen der Mitarbeiter will Geschäftsführer Walter Asperl, der hauptberuflich als Referent im FPÖ-Klub arbeitet, "aus Datenschutzgründen" nicht machen. Auch Chefredakteur gebe es keinen, sagt Asperl dem STANDARD. "Man muss sich das einmal durch den Kopf gehen lassen: Unzensuriert.at wirft vielen Journalisten vor, nicht sauber und transparent genug bei der Recherche zu sein. Selbst gibt man jedoch nicht einmal an, wer einen Artikel verfasste", kritisiert die "Profil"-Journalistin Ingrid Brodnig, die sich in den vergangenen Monaten mit der Seite beschäftigt hat.

"Unzensuriert.at wirft vielen Journalisten vor, nicht sauber und transparent genug bei der Recherche zu sein. Selbst gibt man jedoch nicht einmal an, wer einen Artikel verfasste."

Prominent wird bei unzensuriert.at vor allem über vermeintliche Ausländerkriminalität und politische Gegner der FPÖ berichtet. Durch die Flüchtlingskrise nahm unzensuriert.at Fahrt auf. Teilweise wurden in Rankings der meistgeteilten Medien auch Onlineportale der Traditionsmedien überholt. Auch Straches Facebook-Seite dürfte dabei als Katalysator für unzensuriert.at gewirkt haben. "Die Social-Media-Aktivitäten sind ein strategischer Bestandteil der Zeitung", sagt der unzensuriert.at-Geschäftsführer. Das Wachstum liege "leicht über den Planungen", und man schätzt, "zu den hochsubventionierten 'unabhängigen' Medien" aufgeschlossen zu haben.

Auf Straches Facebook-Seite wurden nachweislich Falschinformationen von unzensuriert.at übernommen. In dem Beitrag "CDU-Politiker schlägt Alarm: Polizei verheimlicht ausgehobene Waffenlager von Dschihadisten", der am 2. August auf der Seite Straches geteilt wurde, heißt es, in Nordrhein-Westfalen sei ein Waffenlager mit "schweren Kriegswaffen" nahe einer Moschee ausgehoben worden. Der Unzensuriert.at-Beitrag zitiert Artikel der "nicht gleichgeschalteten System-Medien" "Anonymous News" und "Epochtimes", in denen der hessische CDU-Abgeordnete Ismail Tipi von einem "Top-Secret-Einsatz" spricht. Tipi hat seine eigenen Angaben allerdings Mitte Juli bereits korrigiert und auf seiner Website als "nicht bestätigt" bezeichnet. "Wenn etwas tatsächlich falsch ist, dann korrigieren wir es", sagt Asperl, der vom STANDARD auf den Fall angesprochen wird, "Propaganda von Medien, die nicht wahrhaben wollen, was Fakt ist, übernehmen wir klarerweise nicht."

Gerüchte über Wahlmanipulationen

Strache und sein Team teilen auch oft Sujets der Seite "FMpolitics". Die stark ausländerfeindliche Facebook-Page fragte etwa: "Wenn die Empfehlung von Selbstmord gesetzlich verboten ist, warum ist es dann erlaubt, 'links' zu sein, Masseneinwanderung und Islamisierung gut zu heißen?" "FMpolitics" hat mit rund 9.000 "Likes" eine relativ geringe Reichweite – doch unter den Unterstützern befindet sich auch die Facebook-Seite von Strache. Durch dessen Shares erweitert sich die Reichweite von "FMpolitics" um das 40-Fache.

Ende Mai wurde auf Straches Facebook-Seite ein "FMpolitics"-Sujet mit dem Titel "Kleine Übersicht" geteilt, das über angebliche Manipulationen bei der Bundespräsidentenstichwahl informieren will. Zwei Beispiele für Unregelmäßigkeiten werden angeführt: Waidhofen an der Ybbs und Linz. Im ersten Fall steht der Vorwurf im Raum, die Wahlbeteiligung sei bei fast 147 Prozent gelegen, es hätten also mehr Menschen abgestimmt, als wahlberechtigt gewesen seien. Tatsächlich handelte es sich um einen Tippfehler: In die Spalte für das Briefwahlergebnis wurde versehentlich das Gesamtergebnis eingegeben.

Auch beim Beispiel Linz, wo es um einen "Sondersprengel" geht, stehen weitaus weniger Wahlberechtigte (3.518) den abgegebenen Stimmen (21.060) gegenüber. "Sondersprengel" umfassen unter anderem "fliegende Wahlkommissionen" in Spitälern. Wahlkartenwähler fallen aber zugleich nicht unter die Kategorie "Wahlberechtigte", da sie bei der Ergebnisermittlung nicht gewissen Sprengeln zugewiesen werden. Obwohl Klarstellungen dazu schon am 24. Mai die Runde machten, wird das "FMpolitics"-Sujet auf der Strache-Seite einen Tag später mit dem Zusatz "Viele Fragen bleiben offen!" geteilt und auch später keine Korrektur veröffentlicht.

Teilweise werden Medien auch einfach falsch zitiert: So heißt es in einem Post vom 5. August, dass die ARD-"Tagesschau" berichtet habe, der Amokläufer von München habe Anweisungen von jemandem aus Saudi-Arabien erhalten. Das hatte die "Tagesschau" in ihrem Bericht allerdings nie behauptet. Nach Stand der Ermittlungen hat der Amokläufer von München nichts mit Islamismus zu tun, gemeint war wohl der Attentäter von Ansbach. Eine Richtigstellung blieb auch in diesem Fall aus.

Auf Straches Facebook-Seite waren in den vergangenen Jahren mehrmals sogar Satiremeldungen für bare Münze genommen worden. Im Juli 2014 teilte Strache einen Scherz des Satiremagazins "Der Postillon", dass die USA der EU mit Sanktionen drohten, wenn diese ihre Sanktionen gegen Russland nicht verschärfe, mit den Worten: "Wer gießt hier Öl ins Feuer?" Außerdem empörte sich Strache über ein "Panierverbot der EU", das sich als Aprilscherz der "Presse" entpuppte.

Ähnliche Horrormeldungen

"Die FPÖ würde sich argumentativ selbst schaden, würde sie stets ansprechen, dass eine verbreitete Behauptung dann doch nicht stimmt", sagt Brodnig, die auch das Buch "Hass im Netz" veröffentlicht hat. Richtigstellungen gebe es oft nur dann, wenn Politiker geklagt wurden. "Viele Bürger bekommen online immer wieder ähnliche 'Horrormeldungen' eingeblendet und denken sich dann: 'Ich habe das schon so oft gelesen, da muss doch etwas dran sein'", befürchtet Brodnig. "Eine falsche Information wird zwar nicht wahrer, wenn sie wiederholt wird, sie fühlt sich für viele Menschen aber wahrer an."

"Fakten spielen keine Rolle mehr", sagt auch Kommunikationswissenschafter Ötsch. Soziale Medien seien eine Gegenwartskultur, es gehe "nur um das Jetzt, Jetzt, Jetzt", so der Autor des Buches "Haider light. Handbuch für Demagogie". "Dass vorgestern genau das Gegenteil gesagt wurde, interessiert gar nicht mehr." Notwendig seien eine Reflexion über diesen Umstand sowie eine sehr schnelle Überprüfung der Fakten: Portale wie mimikama.at und "FPÖ Watch" decken etwa solche Falschinformationen auf. Zudem sei es nicht zu spät für andere Parteien und Politiker, aufzuschließen und in eine professionelle Facebook-Präsenz zu investieren.

"Fakten spielen keine Rolle mehr."

Derzeit gibt es allerdings unterschiedliche Strategien: "Die normale Politik ist faktenbasiert und sachorientiert; was Rechtspopulisten machen, gefühlsbasiert und personenorientiert", sagt Ötsch. Andere Parteien würden in sozialen Medien "wie Institutionen kommunizieren", sagt Denkmayr. "Weniger persönlich, mehr auf Themen fokussiert, daher auch weniger emotional und komplexer." Auch Krone.at-Chef Schmitt findet, dass Politiker im Netz etwas "Persönliches hergeben müssen, auch wenn es sie angreifbar macht". Den Erfolg Straches erklärt sich Schmitt auch damit, dass der FPÖ-Chef sehr früh in sozialen Medien präsent war.

Selbstbestätigung

Die Facebook-Seite Straches sei für die Anhänger kein Parteimedium, "sondern eine der wenigen Seiten, wo sie sich mit ihren Werten, mit ihrem Weltbild und ihrem Informationsansinnen abgeholt fühlen", sagt Denkmayr. Die Seite fordere die User nicht, "sie bestätigt sie, unterhält sie und gibt ihnen so ein angenehmes Gefühl, nicht alleine mit ihrer Meinung zu sein". Zugleich hat sie über die österreichischen Landesgrenzen hinaus Erfolg: Mehr als 15 Prozent der Strache-"Fans" kommen aus Deutschland.

Jedoch stößt auch die Facebook-Seite Straches an ihre Grenzen. Mit mehr als elf Posts pro Tag müssten derzeit zu viele Inhalte "über diesen zentralen Hub" an die Zielgruppe herangetragen werden, sagt Denkmayr. "Das schadet der Seite langfristig gesehen." Sollte die FPÖ zudem einmal Regierungsverantwortung auf Bundesebene übernehmen, müsste sie inhaltliche Botschaften – und damit die eigenen, vielleicht unpopulären Regierungsentscheidungen – verkaufen. Kommunikationsexperte Ötsch glaubt, dass man dann einen Außenfeind schaffen müsste, der angegriffen werden kann.

"Ja unsere Hunde, das sind die treuesten Weggefährten des Menschen", schrieb Strache in einem Beitrag über seine "Odi". Wie treu die Facebook-"Fans" des Oppositionspolitikers Strache bleiben, wird sich spätestens bei einer Regierungsbeteiligung der FPÖ zeigen. (Text: Noura Maan, Fabian Schmid, Datenauswertung: Markus Hametner, Mitarbeit: Sebastian Fellner, Julian Ausserhofer, Cornelius Puschmann, 2.10.2016)

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Dieser Beitrag entstand in Kooperation mit Wissenschaftern des Alexander-von-Humboldt-Instituts für Internet und Gesellschaft in Berlin im Rahmen eines von der Volkswagenstiftung geförderten Forschungsprojekts zu "Wissenschaft und Datenjournalismus".

Titelbild: APA/Herbert Neubauer