Wehsely will mit Gesprächsangebot an Ärzte Streik abwenden

8. September 2016, 14:58
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Betriebsinterne Gespräche sollen Abteilungen besser auf Umstellungen vorbereiten, die Wiener Gesundheitsstadträtin schlägt eine Rufbereitschaft vor

Wien – Das Verhältnis von Sonja Wehsely (SPÖ) und Thomas Szekeres bleibt zerrüttet: Am Montag wollen die Ärzte streiken, nun ist die Wiener Gesundheitsstadträtin einen Schritt auf die Ärzte zugegangen und will Gespräche führen. Auch wenn Wehsely keine "unüberbrückbaren Differenzen" sieht, der Wiener Ärztekammerpräsident will dennoch streiken.

Wehsely wähnt durch die Standesvertretung das Instrument des Streiks missbraucht, die Kampagne habe zudem massiven Schaden im Wiener Gesundheitssystem angerichtet. Die Operationskapazität für Montag wurde um 80 Prozent reduziert, die Verunsicherung bei den Patienten sei groß. "Die Patienten können nicht so einfach ausweichen", sagt die Ressortchefin. Die Ärzte würden sich damit aus der Solidarität gegenüber anderen Berufsgruppen und den Patienten verabschieden.

Verhandlungen für Rufbereitschaft

Dieser Zustand der Eskalation sei schwer zurückzuholen, mittels verbesserter Kommunikation innerhalb des Krankenanstaltenverbunds (KAV) wolle sie es dennoch versuchen. Deswegen hat die Stadträtin dem Krankenanstaltenverbund den Auftrag erteilt, innerbetriebliche Gespräche aufzunehmen. Dabei soll es um die geplante Reduktion der Nachtdienste und die Einführung neuer Dienstmodelle gehen. Generaldirektion, Primare und gewählte Personalvertreter sollen erörtern, wie die neuen Dienstzeiten an den Abteilungen angepasst werden können. Dass an allen Stationen 12,5-Stunden-Schichtdienste eingeführt werden, hält sie für ein "bewusst gestreutes Angstszenario" der Standesvertretung. Das sei nicht geplant und auch nicht geplant gewesen. Die Zahl der Nachtdienste sei von 368 auf 348 reduziert worden, 40 sollen gestrichen werden, das geschehe nicht "überfallsartig".

Rufbereitschaft ist bis dato für die Mediziner der Wiener Gemeindespitäler verboten. Wehsely lädt dazu die Ärztekammer und andere Spitalsträger, bei denen diese Form schon etabliert wurde, ein, das auch für die KAV-Ärzte zu prüfen, damit eine Gesetzesänderung herbeigeführt werden könne. Außerdem will sie mit der Standesvertretung über Hausarztmodelle und den Ausbau des Ärztefunkdiensts weiter verhandeln.

Streit um Kündigungsbrief

Ärztekammerpräsident Szekeres sieht im STANDARD-Gespräch keinen Grund, den Streik abzusagen. Die Gesprächsoffensive im KAV wertet er als Eingeständnis, dass bisher zu wenig mit der Belegschaft kommuniziert wurde. Eine Rufbereitschaft sei bisher kein Thema gewesen, dafür zeigt sich Szekeres aber offen. Unterstützung bekommen die Ärzte von ÖVP-Gesundheitssprecher Erwin Rasinger. Der Frust sei enorm, der Streik sei beschlossen. Die KAV-Führung sei ein einziges Fiasko.

Empört reagierte Wehsely auf den Vorwurf einer "mangelhaften Versorgung und Gefährdung der Patienten" im Krankenhaus Floridsdorf, die ein Primar des Spitals in seinem Kündigungsschreiben angeführt hatte. Der Chirurg hatte behauptet, nur ein Turnusarzt sei in den Nachtstunden für 100 chirurgische Patienten zuständig.

Patienten sagen Operationen ab

Das stimme nicht, bestätigt auch Patientenanwältin Sigrid Pilz dem STANDARD: "Wenn mir über die Medien ausgerichtet wird, dass Patienten gefährdet sind, muss ich mir das anschauen", sagt Pilz. Ihr habe sich ein ganz anderes Bild geboten, die ehemaligen Kollegen des Primars haben ihr gegenüber Unverständnis darüber geäußert, warum der Chirurg seine Bedenken nicht kommuniziert habe. "Die Kollegen wirken gekränkt, weil sie von ihren Patienten gefragt werden, ob das Spital überhaupt sicher sei."

Die Chirurgie im Krankenhaus Floridsdorf sei auf Rektaloperationen spezialisiert, die vor allem von Darmkrebspatienten benötigt werden. Zwei Patienten hätten laut Pilz' Informationen nach den Medienberichten über das Kündigungsschreiben des Primars dringende Operationen abgesagt. (Marie-Theres Egyed, 8.9.2016)

  • Sonja Wehsely lenkt ein. Die Gesundheitsstadträtin hofft, dass die Ärzte ihren geplanten Streik am Montag absagen. Die Ärztekammer bleibt bei ihrer Kampfansage.
    foto: apa/neubauer

    Sonja Wehsely lenkt ein. Die Gesundheitsstadträtin hofft, dass die Ärzte ihren geplanten Streik am Montag absagen. Die Ärztekammer bleibt bei ihrer Kampfansage.

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