Griechenland: Geflüchtete Kinder in Polizeizellen

9. September 2016, 02:01
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Das Land hat keinen Platz für 1.500 Kinder, die allein gekommen sind. Sie werden deshalb für Wochen eingesperrt

Athen/Wien – Selbst die griechischen Polizisten sind der Meinung, dass Polizeizellen kein Ort sind, an dem Kinder eingesperrt sein sollen – vor allem wenn diese nichts verbrochen haben. "Wir tun alles, was möglich ist, aber dieser Ort ist ungeeignet für Kinder", sagte der Polizeikommandant an der Grenzwache in Mygdonia zu Human Rights Watch. 23 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge leben dort derzeit in einer für zehn Personen geplanten Zelle. Griechenland ist überfordert. Gerade einmal knapp 800 Plätze gibt es für Minderjährige, die allein auf der Flucht sind, laut Hilfsorganisationen warten an die 1500 Kinder auf eine passende Unterkunft.

Die Inhaftierung der Kinder erfolgt laut griechischen Behörden zu ihrem eigenen Schutz und übergangsmäßig. Das ist auch sowohl im internationalen wie griechischen Recht geregelt. Laut Letzterem dürfen Kinder bis zu 25 Tage in Haft gehalten werden, wenn sie auf eine neue Unterkunft warten – in extremen Ausnahmefällen kann diese Inhaftierung auf 45 Tage ausgedehnt werden. Doch die Minderjährigen sitzen länger in den Zellen, wie die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch in ihrem am Freitag veröffentlichten Report berichtet. Dieser basiert auf 42 Interviews mit Kindern, die sich in Haft befunden haben oder befinden und Besuchen in Polizeistationen und Haftanstalten. 19 der Kinder verbrachten bereits mehr als 25 Tage in Haft, inklusive neun, die die 45-Tage-Grenze überschritten haben.

Lange Dauer, kein Übersetzer

Die Inhaftierungen selbst sind nicht neu, erzählt die Koautorin des Berichts, Rebecca Riddell, überraschend waren die lange Dauer und die schlechten hygienischen Umstände, unter denen die Kinder untergebracht sind. Auch Apostolos Veizis von Ärzte ohne Grenzen in Griechenland ist "extrem besorgt, welche psychologischen Auswirkungen die Inhaftierung auf die Kinder hat". Kein interviewtes Kind bekam Hilfe von einem Übersetzer oder wurde aufgeklärt, dass es einen gesetzlichen Vormund zugeteilt bekommen muss. "Das System funktioniert nicht", sagt Riddell: "Diese Kinder werden sich selbst überlassen." Eigentlich ist das Jugendamt zuständig, doch laut Human Rights Watch hatte es in keinem Fall die Möglichkeit, mit den Minderjährigen in Kontakt zu treten.

Oft werden die Flüchtlinge – obwohl zweifelsfrei feststeht, dass es sich um Kinder handelt – gemeinsam mit Erwachsenen untergebracht, obwohl dies gegen internationales und griechisches Recht verstößt. Die griechischen Behörden weisen diesen Vorwurf von sich. Doch auch Veizis berichtet von 1225 Minderjährigen, die gemeinsam mit Erwachsenen in die Camps auf dem Festland gebracht wurden: "Diese Kinder sind extrem gefährdet und Ausbeutung, Misshandlung und Menschenhandel ausgeliefert", so der Arzt.

Umstrittene Altersfeststellung

Die Methode, mit denen die griechischen Behörden das Alter bei Flüchtlingen feststellt, denen sie ihre Angaben nicht glaubt, ist umstritten. Das Röntgen des Mittelhandknochens weist laut Experten eine Schwankungsbreite von bis zu zwei Jahren auf. Laut Richtlinien des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR soll nicht nur die physische Erscheinung, sondern auch die psychologische Reife miteinbezogen werden. Im Zweifel soll für das Kind entschieden werden. Alle Interviewten gaben an, bei der Altersfeststellung keine Informationen oder Übersetzer erhalten zu haben und dass nur ihre Hand geröntgt wurde.

Für die Helfer steht fest, dass sowohl Griechenland als auch die Europäische Union versagt haben. Seit im September 2015 das Programm zur Umsiedlung von Flüchtlingen in Kraft trat, wurden 49 unbegleitete Minderjährige aus Griechenland in ein anderes EU-Land gebracht. Auch in Italien ist man mit dem Problem konfrontiert. Seit Jänner sind 121.000 Personen in Italien eingetroffen – davon 11.797 Minderjährige. Die Regierung will für sie verstärkt spezielle Einrichtungen schaffen.

Weltweit sind laut einem neuen Unicef-Bericht rund 28 Millionen Kinder auf der Flucht, elf Millionen von ihnen im Ausland. Kinder stellen ein Drittel der Weltbevölkerung, aber die Hälfte der Flüchtlinge. (Bianca Blei, 9.9.2016)

Hinweis:

Der Begriff "Kinder" bezeichnet Menschen unter 18 Jahren.

Link:

Human Rights Watch Bericht: "Why Are You Keeping Me Here?"

  • Rund 1500 Flüchtlingskinder warten in Griechenland auf eine Unterbringung in einer adäquaten Unterkunft.
    foto: apa/afp/louisa gouliamaki

    Rund 1500 Flüchtlingskinder warten in Griechenland auf eine Unterbringung in einer adäquaten Unterkunft.

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