Vorauseilende Hörigkeit

Userkommentar28. September 2016, 15:26
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Wer ohne Not einen Notstand herbeiredet, hat ein Problem: die Erklärung des Notstands ist selbst der Notstand

Vorauseilende Hörigkeit. Nicht gehorsam. Gehorsam würde bedeuten, dass jemand zwar Vorgaben anderer befolgt, aber zumindest dann und wann die Sinnhaftigkeit der Vorgaben reflektiert. Vorauseilend bedeutet, dass die Vorgaben von den Gehorsamen antizipiert werden, um quasi auch schon vor der Vorgabe entsprechend gehandelt zu haben. Ein höchst unterwürfiges Unterfangen. Hörigkeit bedeutet, von den Vorgaben der anderen, wie absurd diese auch sein mögen, abhängig zu sein. Wenn dann auch noch diese Vorgaben vorauseilend hochgerechnet werden, dann herrscht ein echter Notstand.

Quod erat demonstrandum. Wer ohne Not einen Notstand herbeiredet, nur weil andere höchstwahrscheinlich diesen (nicht realen) Notstand ohnehin als Legitimation für Unmenschlichkeiten verwenden würden, hat ein Problem: die Erklärung des Notstands ist selbst der Notstand.

Agieren wie Blau-Schwarz

Ebensogut könnten morgen Rettungswagen mit Blaulicht herumfahren, ziellos, aber damit sie schon mal unterwegs sind, wenn wirklich was passiert. Die Feuerwehren könnten Hochhäuser von oben bis unten wassern, damit nur ja kein Feuer ausbricht, wenn denn eventuell einmal eines ausbrechen würde. Nur sicherer wird dadurch nichts.

Christian Kern und Reinhold Mitterlehner haben im Regierungsentwurf für die Asyl-Notverordnung antizipiert, wie wohl eine blau-schwarze Bundesregierung agieren würde. Und um Ruhe im Karton zu erreichen, erklären sie eine Unnot zur Not, machen sie aus zu meisternden Aufgaben bedrohliche Probleme.

Getrübter Blick

So geht vorauseilende Hörigkeit. Das jahrelange Schielen in blaue Dumpfheiten trübt nachhaltig den Blick. Eine selbstbewusste, moderne und offene Demokratie geht anders. Sie dürfte weder hörig sein, noch vorauseilend. Sie würde Chancen sehen, statt Bedrohung.

Denn der wabernde Sumpf der Hetzenden sollte dringend trocken gelegt werden. Dass dies mit dem Unterwassersetzen des festen Umlands gelingen soll, ist absurd. Realitätsfern. Und gefährlich. Wie vorauseilende Hörigkeit. (Bernhard Jenny, 28.9.2016)

Bernhard Jenny (60) lebt in Salzburg und arbeitet als Autor, Grafiker, Mediengestalter, Blogger (bernhardjenny.wordpress.com) und Performer.

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    foto: apa/roland schlager

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