Verleumdungsprozess: Die erfundene Vergewaltigung

9. September 2016, 06:00
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Eine 19-Jährige hat einen Bekannten der Vergewaltigung beschuldigt. Nun ist sie selbst vor Gericht – sie hat nämlich mehrmals gelogen

Wien – Vergewaltigungsvorwürfe gehören zu den schwierigsten Delikten, mit denen sich Exekutive und Justiz beschäftigen müssen. Notgedrungen gibt es keine Zeugen, und wenn Verletzungen oder zumindest DNA-Spuren fehlen, ist der Zweifelsfreispruch für den Mann praktisch fix.

Im Fall von Frau H. ist es anders. Die 19-Jährige sitzt mit dem Vorwurf der Verleumdung und falschen Beweisaussage vor Richter Andreas Hautz. Sie hatte im Frühjahr 2015 behauptet, von einem Kollegen aus einem AMS-Kurs vergewaltigt worden zu sein. Das Problem: Sie hat im Lauf des Verfahrens so oft gelogen, dass man ihr auch nun kaum mehr Glauben schenken kann.

Auch in diesem Prozess hat sie einen schlechten Start. "Wie war Ihr Verhältnis zu Herrn H.?", fragt Hautz. "Freundschaftlich", lautet die Antwort. Der Whatsapp-Verkehr, der von der Polizei ermittelt wurde, zeigt ein anderes Bild. "Ich hab Dich lieb", "Ich wollte Dich auf den Mund küssen", "Außerdem will ich was von Dir", findet sich beispielsweise.

Kommunikation abgestritten

"Das schreibt man sich doch nicht, wenn man nur befreundet ist", wundert sich der Richter. "Das war mehr aus Spaß", hört er. Bei der Polizei hatte die junge Frau zunächst überhaupt abgestritten, dass die Kommunikation von ihr stamme.

Den angeblichen Tattag schildert sie so: Sie sei zehn Minuten vor Kursbeginn in den Raum gekommen, Herr H. sei dort gewesen. Dann habe er sie vergewaltigt, sie habe laut um Hilfe geschrien. Offen bleibt, warum aus dem Nebenraum, wo ein Yogakurs stattfand, niemand zu Hilfe kam.

Bei der Polizei sagte sie zunächst, sie habe danach den Raum fluchtartig verlassen. Hautz hält ihr vor, sie habe noch die Anwesenheitsliste unterschrieben. "Ja, weil ich das Geld gebraucht habe", ist die Erklärung dafür. Sie sei aber nach einer halben Stunde gegangen. Die Unwahrheit habe sie gesagt, da sie Angst hatte, niemand würde ihr glauben.

Lüge über Spermaspuren

Am Abend habe sie ihrem Ex-Freund von der Sache erzählt, der habe sie zu ihrer Mutter geschickt. Am nächsten Tag sei man ins AKH gefahren. Die nächste Ungereimtheit: Einer Psychologin erzählte sie danach, es seien Spermaspuren auf ihrer Kleidung gefunden worden. Was laut einer Sachverständigen nicht stimmt.

Herr H. gibt zu, von Frau H. etwas "gewollt" zu haben. Doch vergewaltigt habe er sie nie. Im Gegenteil, als er mit dem Vorwurf konfrontiert wurde, ging er zur Polizei, um eine Verleumdungsanzeige zu erstatten. Die Konsequenz für ihn war dennoch, dass er aus dem Kurs geworfen wurde und nervlich wochenlang am Ende war.

Auftritt eines Sozialarbeiters. Frau H. behauptet, ihm schon vor dem angeblichen Vorfall gesagt zu haben, dass sie sich von Herrn H. belästigt gefühlt habe. "Nein, sie hat sich nicht an mich gewendet", beteuert der Zeuge. Würde er so etwas erfahren, würde er es sofort Vorgesetzten melden.

Kicherndes angebliches Opfer

Die Kursleiterin kann sich nicht mehr exakt erinnern, wie lange Frau H. noch in dem Raum gesessen ist. Bei der Polizei konnte sie vor eineinhalb Jahren noch berichten, dass die unbescholtene Angeklagte damals neben Herrn H. gesessen und rot im Gesicht gewesen sei, als ob sie verlegen wäre. Sie habe noch einen Witz gemacht, Frau H. habe gekichert.

Privatbeteiligtenvertreter Johannes Wolf fasst es in seinem Schlusswort zusammen: "Sie haben den wahren Opfern von Sexualdelikten einen wahren Bärendienst erwiesen." Derartige Geschichten seien schuld daran, dass Frauen in dieser Situation Misstrauen entgegengebracht werde.

Richter Hautz sieht das offensichtlich eben so. Er verurteilt Frau H. rechtskräftig zu sechs Monaten bedingt – die nicht in der Strafregisterauskunft aufscheinen – und unbedingt zu einer Geldstrafe von 180 Tagessätzen à vier Euro.

Richter völlig überzeugt

"Man könnte es sich auch leichtmachen und sagen, es gibt kein logisches Motiv für die Verleumdung, und im Zweifel freisprechen", begründet der Richter seine Entscheidung. "Aber so einfach kann man es sich nicht machen. Es hat sich alles als falsch herausgestellt, was Sie gesagt haben. Ich bin zu 100 Prozent überzeugt, dass Sie das erfunden haben."

Aus diesem Grund sei auch eine komplett bedingte Strafe nicht infrage gekommen. Zusätzlich ordnet Hautz Bewährungshilfe an. "Ich habe den Eindruck, dass Sie ein wenig Hilfe in Ihrem Leben brauchen können." (Michael Möseneder, 9.9.2016)

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