Polen will seine Bürger in Großbritannien besser schützen

8. September 2016, 11:44
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Nach der Brexit-Abstimmung häufen sich die polenfeindlichen Vorfälle in Großbritannien

Warschau/London/Wien – Die Welle fremdenfeindlicher Vorfälle seit dem Brexit-Referendum in Großbritannien, die sich vor allem gegen im Land lebende Polen richtet, hat zwischen beiden Ländern Debatten über verstärkte Sicherheitsmaßnahmen ausgelöst. Erster konkreter Beschluss: Die polnische Polizei wird einen Beamten nach Harlow in Südostengland schicken, der eine Woche lang seine britischen Kollegen bei Streifengängen unterstützen soll.

Die Entscheidung sei am Dienstag bei einem Treffen hoher Polizeibeamter aus Essex und aus Polen getroffen worden, wie die polnische Nachrichtenagentur PAP am Mittwoch berichtete. Der Polizeichef von Essex, Stephen Kavanagh, habe darüber hinaus versprochen, mit Vertretern der polnischen Community in Harlow verstärkt zusammenzuarbeiten.

In der nordöstlich von London gelegenen Stadt war am Samstag vor einer Woche ein polnischer Fabriksarbeiter getötet worden. Er wurde auf einem Markt angegriffen und erlag später seinen schweren Kopfverletzungen. Die polnische Regierung wertet das als fremdenfeindliche Tat. Die britische Polizei ermittelt gegen sechs Jugendliche. Auch die polnischen Behörden haben Ermittlungen eingeleitet.

"Dringlichkeitsreise"

Am Sonntag wurden in Harlow erneut zwei Polen angegriffen. Dabei erlitt einer von ihnen einen Nasenbeinbruch, ein anderer eine Schnittwunde am Kopf, wie die örtliche Polizei mitteilte. Der Vorfall ereignete sich in den frühen Morgenstunden vor einem Pub.

Am Montag reisten nun gleich zwei polnische Kabinettsmitglieder – Außenminister Witold Waszczykowski und Innenminister Mariusz Blaszczak – nach London, um einen besseren Schutz ihrer Landsleute zu fordern. Die Regierung in Warschau hatte den Besuch als "Dringlichkeitsreise" angekündigt. "Polnische Immigranten haben sich sehr gut in die britische Gesellschaft integriert, sie verdienen Respekt", sagte Waszczykowski nach einem Gespräch mit seinem britischen Amtskollegen Boris Johnson. Dieser erklärte, es gebe "absolut gar keinen Platz für Fremdenhass in unserer Gesellschaft".

In Großbritannien leben und arbeiten hunderttausende Polen, die nach dem Votum der Briten für einen EU-Austritt um ihre Zukunft dort bangen. Johnson war einer der Vorkämpfer für den Brexit, mit dem dessen Anhänger auch den Zuzug von EU-Bürgern nach Großbritannien beschränken wollen. Da sich die fremdenfeindlichen Vorfälle gegen Polen just seit dem Votum am 23. Juni häufen, gilt das Referendum als Auslöser für eine nationalistische Stimmung im Land – und für anschließende Gewaltakte.

Kein Mandat für May

Für Debatten sorgt das Brexit-Votum nach wie vor in Schottland. Regierungschefin Nicola Sturgeon erklärte am Mittwoch im Parlament in Edinburgh, die britische Premierministerin Theresa May habe kein Mandat, "irgendeinen Teil Großbritanniens aus dem EU-Binnenmarkt zu nehmen". Die Schotten hatten sich mehrheitlich für den Verbleib in der EU ausgesprochen. (schub, red, 8.9.2016)

  • Spontanes Gedenken in Harlow: Der 40-jährige polnische Fabriksarbeiter Arek Józwik wurde Anfang September auf einem Markt getötet.
    foto: afp / justin tallis

    Spontanes Gedenken in Harlow: Der 40-jährige polnische Fabriksarbeiter Arek Józwik wurde Anfang September auf einem Markt getötet.

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