Wie Kinder Gefühle durch Körpersprache zeigen

Rezension8. September 2016, 14:35
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Kindliches Lebensgefühl drückt sich auch nonverbal aus, zeigt Samy Molcho in "Körpersprache der Kinder". Ein neuaufgelegtes Plädoyer für elterliche Gelassenheit

Die Schultern des dreijährigen Buben hängen herunter. Er zieht seinen Kopf ein. Der Vater schimpft und will den Sohn zwingen, ihm einen entwendeten Gegenstand zurückzugeben. Der Bub verbirgt sein Gesicht hinter seinen Händen. Er wünscht sich, an der Situation nicht beteiligt zu sein. Der Vater macht ihm Vorwürfe. Der Bub steckt einen Finger in den Mund und zieht den Kopf noch ein bisschen weiter ein.

Diese Szene stammt aus "Körpersprache der Kinder", dem 1992 erstmals veröffentlichten Buchklassiker des international tätigen Pantomimen Samy Molcho. Darin beschreibt Molcho, der heuer 80 Jahre alt wurde, alltägliche Auseinandersetzungen zwischen Eltern und Kindern. In 250 von Nomi Baumgartl schön fotografierten Schwarz-Weiß-Bildern veranschaulicht der Autor, wie sich Kinder durch nonverbale Kommunikation ausdrücken.

Das Buch vermittelt Grundlagen zur emotionalen Entwicklung von Kindern – von der pränatalen Phase über die Geburt bis zum Schulalter. Es zeigt, wie Kinder sich schrittweise die Welt zu Eigen machen, und ist nun in einer Neuauflage erschienen.

Ein Nachschlagewerk

"Kinder wollen verstanden werden und nicht nur versorgt sein", schreibt Molcho. Nur so könnten sie sich zu selbstbewussten und ausgeglichen Menschen entwickeln. Denn außer zu schreien bleibe einem Kleinkind nur die Körpersprache, um seine Bedürfnisse zu artikulieren. Wenn Kinder ohne physischen Grund schreien, dann machen sie das deshalb, weil sie der Umstand frustriert, dass sie nicht verstanden werden, sagt Molcho. Emotionen drücken sich in der Körpersprache der Kinder aus: "Die Haltung des Kindes signalisiert seine Einstellung zur Welt."

Molcho zeichnet nach, wie sich parallel zu den Entwicklungsschritten der Kinder ihre Ausdrucksmöglichkeiten erweitern. "Körpersprache der Kinder" ist so etwas wie ein Nachschlagewerk. Es lohnt sich, im Bedarfsfall nachzulesen. Einzelne Kapitel widmen sich den Altersstufen und erzählen von den dazugehörigen Gefühlswelten wie Neugierde, Angst, Unsicherheit. Molcho interpretiert die kindlichen Signale und zeigt Wege, wie Erwachsene darauf antworten können.

Ungeteilte Aufmerksamkeit

Es ist Molcho ein Anliegen, den Rhythmus des Kindes zu respektieren – darauf weist er im Buch immer wieder hin. Mitunter würden Eltern möglichst viele Aktivitäten in einen gemeinsamen Nachmittag mit den Kindern "hineinquetschen" und dabei zu viel Tempo vorgeben. Was dagegen zähle, sei die Qualität der Zuwendung, schreibt Molcho. Für Kinder sei wichtig, dass man sich mit ungeteilter Aufmerksamkeit auf sie einlässt: "Was dem Kind hier an hundertprozentiger Akzeptanz zuströmt, gibt ihm ein erstes Selbstvertrauen in das eigene Wesen oder zumindest in sein Dasein, so wie es ist."

Beim Umarmen locker bleiben

Kinder sollten auch ihren eigenen Umgang mit negativen Gefühlen wie Trauer oder Enttäuschung finden dürfen, lautet sein Plädoyer. Sie selbst bestimmen, ob sie es zulassen, getröstet zu werden oder nicht. Deshalb sollten Eltern sie nicht umklammern, sondern in ihrer Umarmung "locker bleiben", damit es den Kindern möglich ist, sich zu entziehen.

Spannend zu lesen sind die Passagen dazu, warum ungebetene Hilfe seitens der Erwachsenen Kinder mehr hemmt als unterstützt: Nur in der Selbstständigkeit können Kinder die Grenzen ihres Könnens und ihrer Kräfte ausloten. Allzu schnell herbeieilende Eltern würden verhindern, dass Kinder das innere Alarmsystem trainieren und auf die eigene Stimme hören. Diese elterliche Überfürsorge wirke auf das Kind "entmündigend", schreibt der Autor.

Fehler der Eltern: Eine Wohltat

Auch vorgespielte Perfektion der Eltern wirke auf Kinder irritierend, ist Molcho überzeugt. "Vollkommene" Eltern erscheinen ihnen unerreichbar und würden Kindern das Gefühl vermitteln, unterlegen und "minderwertig" zu sein. Molcho: "Deshalb ist eine Mutter, die auch einmal schreit, weint und einen Flecken aufs Tischtuch macht, für das Kind eine Wohltat." Denn: Fehler machen gehöre dazu – auch bei den Eltern.

Samy Molcho spricht aus Erfahrung. Gemeinsam mit der Gastronomin Haya Molcho hat er vier Söhne großgezogen. Als international gefeierter Pantomime wurde er 1977 Professor am Max-Reinhardt-Seminar in Wien. Er hielt in den vergangenen Jahrzehnten unzählige Seminare und Vorträge zu Körpersprache ab. Viele seiner Bücher zum Thema sind längst Standardwerke. "Körpersprache der Kinder" ist eine lesenswerte Wiederentdeckung für alle, die Kinder besser verstehen wollen. (Christine Tragler, 8.9.2016)

  • "Kinder wollen verstanden werden und nicht nur versorgt sein", schreibt Pantomime Samy Molcho in seinem Klassiker.
    foto: peter m. mayr

    "Kinder wollen verstanden werden und nicht nur versorgt sein", schreibt Pantomime Samy Molcho in seinem Klassiker.

  • Samy MolchoKörpersprache der KinderAriston Verlag 2016 (Neuauflage)192 Seiten, 15,50 Euro
    foto: ariston verlag

    Samy Molcho
    Körpersprache der Kinder

    Ariston Verlag 2016 (Neuauflage)
    192 Seiten, 15,50 Euro

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