"Mediziner sind nicht nur der Notfallversorgung verpflichtet"

Interview8. September 2016, 07:00
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KAV-Chef Udo Janßen sieht durch den Ärztestreik in Wien Patienten gefährdet

STANDARD: Ihr Personalchef hat die Abteilungsleiter darüber informiert, dass Streiken einer Dienstrechtsverletzung entspricht. Welche Konsequenzen erwarten die streikenden Ärzte?

Janßen: Es geht nicht um arbeitsrechtliche Konsequenzen, sondern um unseren Versorgungsauftrag gegenüber der Bevölkerung. Streik ist ein legitimes Mittel, aber nur, wenn es einen Grund gibt. Wir erfüllen den Vertrag, die Kammer bricht ihn. Jeder Streik sorgt für eine Beeinträchtigung der Patientenversorgung.

STANDARD: Die Ärzte streiken ja, weil sie die Patientenversorgung gefährdet sehen.

Janßen: Jeder Arzt wird von uns bezahlt, im Gegenzug schuldet er uns Arbeitsleistung. Was passiert, wenn er diese nicht erfüllt, muss im Einzelfall bewertet werden.

STANDARD: Sie wollen die Kommunikation mit den Ärzten verbessern. Eine Meldepflicht für Streikteilnehmer trägt nicht dazu bei.

Janßen: Es ist keine neue Situation. Es ist uns völlig egal, aus welchem Grund sie nicht zum Dienst erscheinen. Wir müssen den Betrieb dennoch aufrechterhalten.

STANDARD: Streik ist laut Europäischem Gerichtshof für Menschenrechte ein Menschenrecht.

Janßen: Auch Ärzten ist ein Streikrecht zuzugestehen. Aber es darf die Patientenversorgung nicht zu Schaden kommen. Hier wird zulasten der Patienten eine Gefährdung verursacht. Das muss die Ärztekammer verantworten. Jeder Arzt muss sich fragen, was der Gegenwert für die Gefahren für Patienten ist.

STANDARD: War der Brief mit der Aufforderung, streikende Ärzte zu melden, dann eine Drohung?

Janßen: Nein. Der KAV hat die Pflicht zu informieren. Es ist wichtig, dass Ärzte wissen, welche Position der Arbeitgeber einnimmt. Es ist ein Unterschied, ob Autos nicht produziert oder Patienten nicht versorgt werden.

STANDARD: Sie haben gesagt, ein Streik wäre unmoralisch. Bleiben Sie dabei?

Janßen: Mediziner sind nicht nur der Notfallversorgung verpflichtet. Das widerspricht dem medizinischen Ethos. Es muss jeder Patient abgeklärt werden. Ich appelliere an die Ärzte, dass sie sich bewusst machen, welche Zeichen sie durch einen Streik setzen. Das fördert das Vertrauen in die Mediziner nicht.

STANDARD: Bleibt es dabei, dass in allen Stationen flexible Arbeitszeitmodelle eingeführt werden?

Janßen: Wir haben das mit der Kammer und der Gewerkschaft vereinbart. In manchen Abteilungen ist die Umsetzung schwieriger. Dort werden wir noch Gespräche führen.

STANDARD: Kann es mit Ärztekammer-Präsident Szekeres eine Lösung geben?

Janßen: Ich bin sicher und erwarte auch, dass die Position der Ärztekammer reflektiert wird. Man manövriert sich nicht in eine Situation und sagt, Streik ist das einzige Instrument.

STANDARD: Gibt es noch Gespräche mit der Ärztekammer?

Janßen: Wir haben einen aufrechten Vertrag, der nicht verhandelbar ist. Wir werden mit unseren Ärzten innerhalb des KAV – davon haben viele Kammerfunktionen – Probleme besprechen und lösen.

STANDARD: Ein Primar des KH Floridsdorf hat gekündigt, weil durch Personalreduktion eine Gefährdung der Patienten "nicht mehr ausgeschlossen werden kann". Ist der Primar mit seiner Kritik zuvor auf Sie zugekommen?

Janßen: Wir kommentieren keine Beweggründe eines Mitarbeiters, nicht mehr im KAV tätig sein zu wollen. Ich kann Ihnen nur versichern, dass wir überhaupt keine Mangelversorgung im Bereich der Medizin am Standort Floridsdorf haben – und auch nicht hatten.

STANDARD: Laut diesem Primar soll während Nachtstunden nur noch ein Turnusarzt für mehr als 100 Patienten zur Verfügung stehen.

Janßen: Es stimmt schlicht nicht.

STANDARD: Also lügt der Primar?

Janßen: Er hat vielleicht nicht alle Informationen vorliegen gehabt, um das so zu beurteilen.

STANDARD: Dieser Primar hat in Floridsdorf gearbeitet.

Janßen: Spekulation ist fehl am Platz, wieso er das so gesehen hat.

STANDARD: Er hätte die Leitung der Chirurgie im neuen KH Nord übernehmen sollen. Wann steht eine Nachfolge fest?

Janßen: Die Ausschreibung wird folgen. Wir müssen intern eine Übergangslösung überlegen.

STANDARD: Wann wird das KH Nord eröffnet?

Janßen: Ich gehe von der baulichen Fertigstellung Ende 2017 aus.

STANDARD: Ist Vollbetrieb 2018 möglich?

Janßen: Ich gehe davon aus, dass die Inbetriebnahme und der Patientenbetrieb 2018 erfolgen.

STANDARD: Der Bau des KH Nord wird von signifikanten Kostensteigerungen begleitet. Im November 2015 wurden 1,1 Milliarden Euro genannt. Bleibt es dabei?

Janßen: Das ist unser derzeitiger Stand. (Marie-Theres Egyed, David Krutzler, 8.9.2016)

Udo Janßen (48) ist seit November 2014 Generaldirektor des Wiener Krankenanstaltenverbunds. Der KAV beschäftigt 3.600 Ärzte.

  • "Mediziner sind  nicht nur der Notfallversorgung verpflichtet. Das widerspricht dem medizinischen Ethos", sagt KAV-Chef Udo Janßen.
    foto: robert newald

    "Mediziner sind nicht nur der Notfallversorgung verpflichtet. Das widerspricht dem medizinischen Ethos", sagt KAV-Chef Udo Janßen.

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