"Die Regierung hat ein Umsetzungsproblem"

Interview8. September 2016, 08:00
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Die Koalition verliere bei der Bildungsreform an Glaubwürdigkeit, sagt Christoph Neumayer, Generalsekretär der Industriellenvereinigung

Wien – Ein "echtes Umsetzungsproblem", stellt Christoph Neumayer, Generalsekretär der Industriellenvereinigung, bei der Bundesregierung im Interview mit dem STANDARD fest. Die Bildungsreform müsse in den nächsten Wochen beschlossen werden, sonst büße die Koalition von SPÖ und ÖVP weiter an Glaubwürdigkeit ein.

In einer Studie zum Fachkräftebedarf anhand einer Befragung von 85 Unternehmen hat die Industriellenvereinigung vor allem Rekrutierungsprobleme in den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik festgestellt. Neumayer schlägt deshalb mehr Studienplätze in dem Bereich sowie eine stärkere Frühförderung im Kindergarten vor. Für Zugangsbeschränkungen beim Informatikstudium zeigt er dennoch Verständnis.

STANDARD: Laut einer neuen Studie der Industriellenvereinigung gibt es Probleme, Arbeitnehmer aus dem Bereich Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik zu rekrutieren. Die Technische Uni Wien hat im Herbst Zugangsregeln eingeführt. Ein Fehler?

Neumayer: Das Positive ist, dass die Unternehmen nach wie vor Mitarbeiter suchen. Die negative Nachricht ist, dass sie die nicht am Arbeitsmarkt bekommen – jedenfalls nicht so, wie sie das möchten. Die begrenzten Plätze für Informatik sind ein Signal, das dem entgegenstehen könnte. Ich habe dafür Verständnis, aber man muss genau hinschauen, dann hier geht es ja auch um Qualitätssicherung und eine möglichst geringe Zahl an Studienabbrüchen. Gleichzeitig sollte aber die Zahl der Absolventen steigen.

STANDARD: Was ist der Grund für die Rekrutierungsprobleme?

Neumayer: Wir haben grundsätzlich zu wenig Absolventen technischer und naturwissenschaftlicher Fächer. Wir brauchen mehr Studienplätze, eine bessere Berufsorientierung, und Kinder sollten schon ganz früh in diesem Bereich gefördert werden.

STANDARD: Die Digitalisierung wird den Arbeitsmarkt verändern. Bundeskanzler Christian Kern fürchtet einen Verlust von Arbeitsplätzen. Wie sollte man darauf reagieren?

Neumayer: Die Digitalisierung ist in der Produktion schon jetzt sehr stark spürbar. Die Frage ist, ob es tatsächlich zu Jobverlusten kommt und damit zu weniger Einnahmen für den Wohlfahrtsstaat, wie Kanzler Kern sagt. Bislang ist das Gegenteil der Fall. Die Einnahmen steigen, und auch die Beschäftigung nimmt kontinuierlich zu.

STANDARD: Trotzdem ist die Arbeitslosigkeit auf einem Rekordhoch.

Neumayer: Das liegt nicht an der Digitalisierung. Mangelnde Qualifikation ist ein Faktor, und die starke Zuwanderung wirkt sich aus. Wir werden Berufsbilder verlieren, manche werden sich ändern, neue hinzukommen. Aber wenn wir es geschickt anstellen, können wir das positiv begleiten.

STANDARD: Was soll mit jenen passieren, deren Jobs verschwinden?

Neumayer: Diese Menschen muss man umqualifizieren und weiterbilden. Das machen die Unternehmen schon jetzt.

STANDARD: Im November wurde ein Entwurf für eine Bildungsreform präsentiert. Wie zufrieden sind Sie mit der Umsetzung bisher?

Neumayer: Nur sehr bedingt. Die Bundesregierung hat grundsätzlich ein echtes Umsetzungsproblem. Im Bildungsbereich gibt es eine Reihe positiver Signale wie den Ausbau der Ganztagsschulen. Trotzdem gibt es schön langsam ein Glaubwürdigkeitsproblem, denn die Umsetzung fehlt – das muss in den nächsten Wochen beschlossen werden.

STANDARD: Wo hakt es, dass es immer nur bei Ankündigungen bleibt?

Neumayer: Politisch gesehen, ist das Problem, dass der Bund Vorschläge macht, die dann von den Ländern oft nicht mitgetragen werden. Die haben es leicht, Sand hineinzustreuen.

STANDARD: Die nächste Regierung könnte eine blau-schwarze sein. Würde sich die leichter tun?

Neumayer: Gerade das Bildungsthema ist ideologisch hochaufgeladen. Wir brauchen einen sachlichen Blick. In dieser Konstellation wäre das wahrscheinlich schwierig. Es bedürfte einer Anstrengung aller Parteien gemeinsam. Auch alle Oppositionsparteien haben sich beim Bildungsthema bisher engagiert. (Lisa Kogelnik, 8.9.2016)

Christoph Neumayer (50), geboren in Wien, ist seit 2011 Generalsekretär der Industriellenvereinigung.

  • Christoph Neumayer zur Digitalisierung am Arbeitsmarkt: "Wir werden Berufsbilder verlieren, manche werden sich ändern, neue hinzukommen."
    foto: standard/cremer

    Christoph Neumayer zur Digitalisierung am Arbeitsmarkt: "Wir werden Berufsbilder verlieren, manche werden sich ändern, neue hinzukommen."

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