Ich bin eine strenge Mutter

Blog18. September 2016, 08:00
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Meine Kinder sagen, ich bin streng. Vielleicht bin ich das. Kürzlich habe ich den kleinen Lukas kennengelernt – er und ich hätten es in der Tat nicht leicht miteinander

Es war ein lauer Sommerabend, und wir saßen nach einem Kindertheaterstück irgendwo im hinteren Waldviertel unter Nussbäumen. Eine Kellnerin servierte am Nebentisch den gut gelaunten Großeltern zwei Gläser Weißwein, während die genervt aussehende Mutter in der Sonntagszeitung blätterte. Sie waren ausgesprochen geschmackvoll gekleidet, ihr Habitus, ihre Gesten sagten ein Wort: Geld.

Zu diesen drei Erwachsenen gehörten zwei Buben, einer vielleicht fünf, der andere in etwa neun. Der Ältere war in sein Handy versunken. Der jüngere Bub, dem niemand Beachtung schenkte, war es, der mich faszinierte. Er starrte nämlich schon geraume Zeit auf die Wasserflasche eines meiner älteren Kinder. Und dann auf mich. Und ich saß da und beobachtete.

Kinder sind einfallsreich …

Ich saß da und beobachtete, während er hin und her wippte, unruhig herumrutschte, aufstand und auf den Vorplatz der Einfahrt ging, dann wieder zurück, dabei irgendetwas in seiner Tasche befühlte. Ich war wirklich neugierig geworden, und jetzt war ich es, die meine eigenen Kinder ignorierte, ich war ganz auf diesen fremden kleinen Buben fixiert. Und er traute sich nicht näher, weil ich ihn dauernd ansah. Seine Großeltern, sein Bruder und seine Mutter – zeitungslesend, essend, handyspielend –, keiner von ihnen beachtete ihn.

Der kleine Bub nutzte einen kurzen Moment der Unaufmerksamkeit, dann war er schon bei uns am Tisch und versuchte, ein Kieselsteinchen in die Wasserflasche zu werfen. Der Versuch misslang, weil ihn plötzlich alle Menschen an unserem Tisch ansahen. Schnell setzte er sich zur Seite. Und wir haben ihn weiter alle angesehen und ihm gesagt, dass das nicht okay ist. Er wirkte seltsam vergnügt, so als ob er sich freuen würde, dass überhaupt jemand mit ihm spricht. Wir wiederholten dieses schöne Spiel noch drei weitere Male, bis ich tatsächlich wütend wurde. Ich musste nicht einmal etwas sagen, er hat es auch so verstanden und ging an den Tisch seiner Familie zurück.

… wenn sie beachtet werden wollen

Was ich dort beobachten durfte, das war dann überaus aufschlussreich. Wiederum holte er kleine Kieselsteine, wieder versenkte er sie – dieses Mal erfolgreich, dieses Mal in Weingläsern. Dieses Mal beobachtet von seiner Familie. Keiner sprach ein Wort, keiner verbot ihm sein Handeln. Einzig der Bruder kommentierte, nicht vom Handy aufsehend, ob denn der Lukas schon wieder Blödsinn machen würde. Und der kleine Bub, der wurde irgendwie immer verzweifelter. Weil das Weinglas schon voller Steine war und er noch immer ignoriert wurde.

Es geht um Respekt füreinander

"Wenn das einer oder eine von euch machen würde", begann ich meinen Satz. "Ja, Mama, du bist halt supersuperstreng." Ich weiß nicht, ob ich supersuperstreng bin. Ich bin nur ein respektvoller Mensch. Ein Mensch, der vor anderen und deren Arbeit Respekt hat. Zum Beispiel vor der Arbeit des Weinbauern, der Kellnerin, des Gärtners oder des Hausarbeiters, der die Kieselsteine auffegen muss. Und ich habe Respekt vor mir selbst. Schlicht aus Respekt vor ihm selbst und vor seiner Umgebung wäre es notwendig gewesen, dem kleinen Lukas in einfachen Worten zu erklären, dass sein Handeln unmöglich ist.

Das Problem ist nur, es hat keiner getan. Ich frage mich, was Lukas mit fünfzehn tun wird oder mit zweiunddreißig. Und ob ich ihn dann gerne kennenlernen würde. (Sanna Weisz, 18.9.2016)

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    foto: getty images/istockphoto/oneblink-cj
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