Pro & Kontra: Liebesbrief

8. September 2016, 13:42
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Prickeln, Romantik, Gefühl der Ewigkeit oder unnötiges Gekritzel

foto: apa / dpa / peter endig

Pro
von Eric Frey

Meine Allerliebste,

was ich dir heute sagen möchte, habe ich dir schon öfters ins Ohr geflüstert. Ich habe es dich per E-Mail wissen lassen, als SMS geschickt und zuletzt immer öfter über Whatsapp. Aber all das ist so virtuell und vergänglich, vergessen oder längst gelöscht. Wenn Archäologen in ferner Zukunft unsere Kultur erforschen, dann werden sie diese nicht nur für schriftlos halten, sondern auch für herz- und lieblos. Das letzte Mal, dass ich die Zauberworte zu Papier gebracht habe, war vor 25 Jahren mit einer Reiseschreibmaschine.

Der Brief liegt wohl heute noch vergraben in einer Lade. Er mag zwar vergilbt sein, aber du kannst ihn herausziehen und immer wieder lesen. Diesmal hältst du zumindest ein Stück Hochglanzpapier in der Hand. Aber auch einer noch so liebevollen RONDO-Kolumne fehlt das Prickeln, die Romantik, das Gefühl der Ewigkeit. Deshalb verspreche ich dir: Eines Tages liegt, in Handschrift mit Füllfeder auf Büttenpapier gesetzt, ein echter Liebesbrief bei dir im Postkasten. Alles andere ist Schall und Rauch.

Kontra
von Mia Eidlhuber

Die Tatsache, dass – nur als Beispiel – Richard Burton Liebesbriefe an Elizabeth Taylor schrieb ("Meine blinden Augen warten verzweifelt auf deinen Anblick"), verheißt nicht viel Gutes. Wir wissen, wie die Sache nach zwei Versuchen ausging. Auch der Umstand, dass der englische König Heinrich VIII. die Liebe zu seiner zweiten – (er hatte sechs) – Frau Anne Boleyn wortreich bekundete, macht wenig Mut. Er ließ sie später hinrichten. Und bei Ludwig van Beethovens berühmtem Brief an die "Unsterbliche Geliebte" ("Nie eine andere kann mein Herz besitzen, nie, nie") ist bis heute nicht geklärt, welcher der unzähligen Kandidatinnen diese beschwörenden Zeilen eigentlich gewidmet waren.

Ich lausche da lieber gebannt der italienischen Sängerin Mina und ihrem vielsagenden Lied "Parole" oder auch dem schönen Song "Enjoy the Silence" von Depeche Mode, in dem es so treffend heißt, dass Worte – im Zweifel – nur Schaden anrichten: "Words are very unnecessary, they can only do harm" – vor allem diejenigen, die im ersten Liebesrausch auf unschuldiges Papier gekritzelt werden. (RONDO, 9.9.2016)

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