"Das Gestische": Menschliche Pinsel, ungebremste Zeichen

6. September 2016, 17:33
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Ausstellung im Wiener 21er-Haus

Wien – Nur nicht verkopfen, nur nichts konstruieren! Eingebungen volé auf die Leinwand übertragen! Derlei Gebote leiteten den Maler Markus Prachensky, als er das Gemälde Rouges différentes sur noir – Liechtenstein (1956/57) schuf. Großangelegte Pinselstriche in Rot, Braun, Orange prangen spritzerflankiert auf schwarzem Grund. Ungebremst, scheint's, hat Prachensky diese "Zeichen" auf die Leinwand geworfen – mit demselben Schwung, mit dem sie aus der Tiefe des Unbewussten heraufgeplatzt sind.

foto: belvedere
Markus Prachenskys "Rouges différents sur noir – Liechtenstein".

Bestaunen kann man Prachenskys "verschiedene Rottöne auf Schwarz" aktuell im Wiener 21er-Haus. Als kürzlich erfolgte Schenkung an das Belvedere gibt das Werk dort den Anlass für eine Mini-Gruppenausstellung mit dem Titel Das Gestische. An die Seite gestellt hat ihm Kurator Severin Dünser aber nicht etwa andere, bekräftigende Vertreter formloser Malerei, sondern eher solche Arbeiten, die Ideen wie Authentizität und Spontaneität ironisch bis skeptisch betrachten.

Etwa ein Bild aus Roy Lichtensteins Serie Brushstrokes: Der Pop-Art-Künstler goss die wilden Pinselstriche, die sich manche seiner Zeitgenossen auf der Suche nach unerhörtem Ausdruck aus dem Innersten gerissen hatten, in cleane Comic-Bilder. Noch die spontanste Geste ist pop- und damit kommerzfähig – so mag man die nüchterne Botschaft von Lichtensteins Little Big Painting Reproduction (1968) lesen.

foto: © belvedere, wien
Roy Lichtenstein, Little Big Painting Reproduction, 1968.

Über die Fremdeinflüsse auf Maler bei ihrer Arbeit reflektiert der Performancekünstler Christian Falsnaes. Und zwar ein bisschen plakativ: Unter dem Titel Existing Things verwandelt er sich in einen menschlichen Pinsel. Auf den Händen seines Publikums nach Art von Rockstars "crowdsurfend", lässt sich Falsnaes die Haare mit Farbe überschütten und seinen Kopf über die Leinwand schleifen. Aufgeführt wird Existing Things heute auch zur Ausstellungseröffnung.

Das Highlight unter den insgesamt acht Arbeiten der Schau ist indes Roman Signers Video Punkt (2006): In einem bestechend reduzierten Versuchsaufbau sitzt der Schweizer Künstler erhobenen Pinsels vor einer Leinwand, bereit für die große Eingebung. Selbige kommt per Knall. Als hinter seinem Rücken ein Sprengkörper explodiert, erschrickt Signer und setzt beim Zusammenzucken einen schwarzen Tupfer auf die Leinwand – mustergültig unverkopft: Der Künstler kann nicht so schnell schauen, wie sein Bild fertig ist. (Roman Gerold, 6.9.2016)

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