Der iranische Dudelsack und Popmusik

11. September 2016, 12:00
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Ethnomusikologe Babak Nikzat erforscht die Bandari-Musik aus dem Südiran

Nach der Revolution war Musik im Iran verboten – auch traditionelle Musik, wie beispielsweise die südiranische Dudelsackmusik Bandari. "Die Religionspolizei schlitzte Dudelsäcke auf, verbrannte und zerstörte Instrumente, während die Musiker zusehen mussten", erzählt der Ethnomusikologe Babak Nikzat, der in seiner Dissertation an der Kunst-Uni Graz den Weg des Bandari in die iranische Popmusik nachzeichnet.

Zwar wurde das komplette Musikverbot nach wenigen Jahren zurückgenommen – so ohne Nationalhymne stand man bei Fußballübertragungen komisch da, auch im Radio mussten die Pausen gefüllt werden -, und es gab schrittweise Erleichterungen, dennoch unterlagen und unterliegen iranische Musiker vielen Beschränkungen und riskieren häufige Verhaftungen oder Berufsverbot.

Besonders schwer hatten es die iranischen Popmusiker. Manche blieben in Teheran und betreiben Untergrundstudios; andere entschieden sich für das Exil, gingen nach Los Angeles, in verschiedene europäische Städte. "Sie machten weiterhin Pop", so der Ethnomusikologe, "gleichzeitig waren sie aber auf der Suche nach ihrer iranischen Identität – auch, damit sich Iraner mit ihrer Musik identifizieren." Daher begannen sie, Elemente regionaler Musik zu integrieren, etwa aus dem Bandari.

"Das war aber nicht gerade einfach", sagt Nikzat. Einerseits, weil viele dieser Exilmusiker selbst wenig Erfahrung mit dem traditionellen südiranischen Bandari hatten; andererseits, weil Pop und Bandari musikalisch unterschiedlichen Gesetzen gehorchen: Iranischer Pop gleicht der westlichen Musik – mit dem temperierten Tonsystem und den gängigen Rhythmen -, "hingegen ist Bandari eine mikrotonale Musik, Intervalle und Rhythmus sind anders, es gibt viel Mikrotiming, Verzierungen", sagt Nikzat, der selbst im Südiran aufgewachsen ist.

Pop und Bandari vereint

Damit also Pop und Bandari zusammenpassten, wurden in den Studios in Los Angeles und Teheran nachträglich Rhythmen und Intervalle manipuliert, man verzichtete auf einzelne musikalische Elemente, aber alles, ohne es zu stark zu verändern: "Es musste immer noch als Bandari erkennbar sein." Wobei: Was bei Konzerten in Europa oder auch in der Türkei und in Dubai – dorthin reist auch die heutige iranische Jugend, da Exilmusiker nicht im Iran auftreten dürfen – als "total Bandari" empfunden wird, hat für viele traditionelle Musiker aus dem Südiran "mit ihrer Musik nichts mehr zu tun", sagt Nikzat.

Er selbst forschte für seine Dissertation sowohl im Südiran als auch in Studios in Teheran und außerhalb des Irans. Zusätzlich untersuchte er den traditionellen wie auch Pop-Bandari mithilfe verschiedener Klanganalyseprogramme. Er entwickelte auch ein Transkriptionssystem, um die Verzierungen und Mikrotöne des Bandari aufzeichnen zu können.

2003 war Nikzat, der im Iran Computeringenieurwesen und Querflöte studiert hatte und als Musiker tätig gewesen war, nach Graz gezogen, um Musikwissenschaft und später Ethnomusikologie zu studieren: "Die erste Zeit war sehr hart – ich musste Deutsch lernen, arbeiten und studieren." Mittlerweile ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Ethnomusikologie, mit einer Österreicherin verheiratet und Vater einer zweijährigen Tochter, "die zweisprachig aufwächst". (Heidemarie Weinhäupl, 11.9.2016)

  • Babak Nikzat, der im Iran Ingenieurwesen und Querflöte studierte, zog 2003 nach Graz.
    foto: privat

    Babak Nikzat, der im Iran Ingenieurwesen und Querflöte studierte, zog 2003 nach Graz.

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