Künstliches Licht stört Bestäubung und Samenbildung

12. September 2016, 09:00
1 Posting

Auch Pflanzen leiden unter Lichtverschmutzung während der Nachtstunden

Bern – Dass Lichtverschmutzung der Tierwelt schadet, ist bereits hinlänglich untersucht und vielfach belegt. Nun zeigt eine aktuelle Studie, dass auch die Pflanzenwelt unter künstlichem Licht während der Nachtstunden leidet: Ein Teaum um Eva Knop und Leana Zoller von der Universität Bern konnte am Beispiel der Kohldistel (Cirsium oleraceum) nachweisen, dass Lichtsmog die Bestäubung und damit auch die Samenbildung von Pflanzen stört.

Für ihr Experiment, dessen Ergebnisse auf der Jahrestagung der Gesellschaft für Ökologie in Marburg vorgestellt wurden, stellten die Forscher Straßenlaternen in den Berner Voralpen auf. Dabei zeigte sich, dass Kohldisteln im Lichtkegel der Lampe nachts sehr viel seltener von bestäubenden Insekten besucht werden als solche in Dunkelheit. "Durch das künstliche Licht haben die Pflanzen schlechtere Chancen sich fortzupflanzen", erläutert Knop. Vor allem Nachtfalter und Käfer tragen nachts die Pollen von Blüte zu Blüte und finden die farblich unauffälligen Pflanzen über ihren Geruch. Warum das nächtliche Licht diese Bestäuber auf ihrer Nahrungssuche beeinflusst, erklärt Projektleiterin Knop so: "Wie viele andere Insekten werden die Bestäuber von der Lichtquelle angezogen und so von den Blüten weggelockt."

Die nicht stachelige Kohldistel gedeiht nicht nur in den Alpen, sondern in allen Höhenlagen bis rund 3000 Meter. In die Berge sind die Forscherinnen für ihre Experimente ausgewichen, um absolute Dunkelheit bei Nacht zu finden. "Wir wollten in einer Region arbeiten, die noch keine Lichtverschmutzung aufweist", erklärt Zoller. "In den Städten sind lichtempfindliche Tiere möglicherweise bereits verschwunden." Im Sommer 2015 untersuchten sie insgesamt 100 Pflanzen, die an fünf Standorten mit Lampen sowie fünf Standorten ohne künstliches Licht wuchsen. Die verwendeten LED-Lampen setzt die Schweiz standardmäßig als Straßenlaternen ein.

Um 20 Prozent weniger Samen

Welche Folgen der Rückzug der Bestäuber auf die Fortpflanzung der Kohldisteln hat, bezifferte das Forscherteam am Ende des Sommers: Um rund 20 Prozent geringer ist die durchschnittliche Samenausbeute pro Pflanze durch die nächtliche Beleuchtung. "Die Bestäubung am Tag kann die Verluste der Nacht nicht kompensieren", sagt Knop. Kohldisteln werden sowohl tagsüber als auch nachts bestäubt, wie frühere Pilotstudien gezeigt hatten. Wie viele Arten in welchem Ausmaß von der reduzierten Fruchtbarkeit durch das künstliche Licht betroffen sind, bleibt derzeit noch offen. (red, 11.9.2016)

Share if you care.