Serbien: Im Warteraum der Balkanroute

Reportage7. September 2016, 06:00
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Die Balkanroute ist dicht. Rund 200 Flüchtlinge schaffen es trotzdem täglich illegal nach Serbien. Das Geschäft der Schlepper boomt

Die Menschlichkeit im Westen ist in Bezug auf Flüchtlinge voll ausgeschöpft, meint der Helfer und schüttelt den Kopf. Rührende Flüchtlingsgeschichten wolle niemand mehr hören oder lesen, so der Mann, der für eine Hilfsorganisation in Serbien arbeitet. Seinen Namen kann er nicht sagen, sonst bekommt er Ärger mit seinem Arbeitsgeber. Aber seinen Frust darüber, dass selbst allein reisende Kinder in Serbien stecken bleiben, will er nicht verschweigen.

Foad und Amir (Namen geändert) sind Kinder, die allein vom Krieg geflohen sind. Die dreizehnjährigen Freunde stammen aus einem Dorf im Norden Afghanistans. Foads Vater wurde bei einem Überfall getötet. Amirs Eltern sind gestorben. Ihre Familien sammelten Geld, um die zwei ältesten Söhne nach Deutschland zu schicken, wo Amirs Cousin seit zwei Jahren lebt. Man machte ein Deal mit Schleppern vor Ort: Wenn die Buben in Deutschland ankommen, könnten ihre Komplizen 7.000 Euro abheben.

Mit dem besten Freund

Vor etwa drei Monaten brachen sie auf. "Ich musste stark sein", erzählt Foad. Die Reise in die Ungewissheit fiel ihm leichter, weil er seinen "besten Freund" an einer Seite hatte. Er müsse auf Amir aufpassen, weil er "schwächer und zierlicher ist" und ihn die Reise mehr erschöpfe, sagt Foad.

In einem Auto kamen sie nach Pakistan. Dann waren sie mit einer Gruppe von zwanzig Menschen zehn Tage lang zu Fuß unterwegs. "Wir spürten, was Tod ist. Einige fielen in Ohnmacht, und die Schlepper ließen sie einfach liegen", erzählt Foad. Zu Fuß oder mit Autos schafften sie es via Iran und Türkei nach Bulgarien. Dort fasste sie die Polizei, sie wurden verprügelt, für Wochen eingesperrt. Nach ihrer Freilassung kamen sie nach Belgrad.

Von Polizeihunden verletzt

Hier schlafen sie seit einem Monat in einem Park bei der zentralen Bushaltestelle. Über Smartphone nehmen die Schlepper immer wieder Kontakt mit ihnen auf. Viermal versuchten sie die ungarische Grenze zu passieren und wurden jedes Mal gefasst. Letztes Mal, erzählt Foad, hetzten ungarische Grenzpolizisten Hunde auf ihre Gruppe. Amir hatte so schwere Bisswunden, dass er drei Wochen im Spital sein musste.

In ein Flüchtlingsheim wollten sie nicht gehen, weil sie schnell reagieren müssen, wenn sich Schlepper bei ihnen melden. Nahrung und Kleidung bekommen sie in dem naheliegenden Flüchtlingszentrum Miksaliste.

Tausende Wartende

Laut UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR befinden sich in Serbien rund 4.400 Flüchtlinge, für den Winter sollen die Kapazitäten auf 6.000 erweitert werden. Obwohl Serbien, wie aller Länder der Region, wegen der Flüchtlinge Polizei- und Armeetruppen an seinen Grenzen verstärkt hat, schaffen es rund 200 Flüchtlinge täglich, illegal ins Land zu kommen. Ungarn lässt 30 Flüchtlinge am Tag passieren, aufgrund von Listen, die serbische Behörden zusammenstellen. Ende Juli verkündete das serbische Innenministerium 31 Schlepper gefasst und den illegalen Grenzübergang von 4.500 Flüchtlingen verhindert zu haben.

"Die Zahlen sind geschrumpft, und so wird der Eindruck erweckt, dass die Krise vorbei sei. Doch die, die es nach Serbien schaffen, sind in einem viel schlechteren Zustand als früher", sagt Tatjana Ristic von Save the Children. Denn sie kämen ausschließlich mit Schleppern und legten riesige Strecken zu Fuß zurück, nachdem die Balkanroute geschlossen sei.

Foad und Amir sind entschlossen, das Ziel Deutschland für ihre Familien zu erreichen. Zigtausende Kinder aus Syrien oder Afghanistan würden nachziehen, trotz "ausgezeichneter" Zusammenarbeit aller Länder der Region in der "Bekämpfung des Flüchtlingsandrangs" und trotz der Sicherheitspolitik Europas, ist man sich beim UNHCR-Serbien sicher. Die Frage ist nur, wie – und wie viele dabei sterben werden. (Andrej Ivanji aus Belgrad, 7.9.2016)

  • Im Juli marschierten rund 300 Flüchtlinge von Belgrad Richtung Ungarn. Sie wollten nicht mehr auf die Öffnung der Balkanroute warten.
    foto: apa/afp/oliver bunic

    Im Juli marschierten rund 300 Flüchtlinge von Belgrad Richtung Ungarn. Sie wollten nicht mehr auf die Öffnung der Balkanroute warten.

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