Der Mensch ist dressurfähig

Essay11. September 2016, 09:00
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Menschen haben eine große Fähigkeit, sich anzupassen, im Nachäffen sind sie viel besser als Affen. Und sie sind empfänglich für Lob und Tadel. Der Mensch ist das vollkommenste aller Haustiere

Wien – Der Gedanke ist keineswegs neu. Schon vor zweihundert Jahren sprach der Göttinger Naturforscher Johann Friedrich Blumenbach über "das vollkommenste aller Haustiere". Gemeint war der Mensch. Und wer soll den Menschen domestiziert haben? Nun, der Mensch selbst. Besonders bekannt wurde die Selbstdomestikation des Menschen durch die Schriften von Konrad Lorenz. Er nannte sie die Verhausschweinung des Menschen.

Nun scheint der Begriff der Selbstdomestikation auf den ersten Blick so paradox wie die Vorstellung von Baron Münchhausen, sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen. Der Soziologe Werner Sombart (1863-1941), der mit den Nationalsozialisten sympathisierte, hielt die Selbstdomestikation für einen Unbegriff. Wo wäre denn, fragt er, der übergeordnete Wille? Aber der ist für eine Zuchtwahl gar nicht notwendig. Dass eine Tierart Zuchtwahl an sich selbst betreibt, ist jedoch gar nicht ungewöhnlich. Seit Darwin ist etwa der Vorgang der sexuellen Selektion wohl bekannt. Das klassische Beispiel ist der Schwanz des Pfauenmännchens: Der dient nicht dem Überleben, sondern dem Erfolg bei Pfauenweibchen. Das männliche Merkmal und die weibliche Präferenz für das Merkmal breiten sich Hand in Hand in der Population aus.

Bereitschaft zur "bedingten Kooperation"

Nun gehört zur Domestikation aber nicht nur die Zuchtwahl einer x-beliebigen Eigenschaft. Diese Eigenschaft muss auch einen wirtschaftlichen Nutzen haben. Welchen Nutzen hat das Haustier Mensch? Es liefert keine Rohstoffe wie Wolle oder Eier, aber Dienstleistungen. Zur Klasse der Dienstleistungshaustiere gehört auch das Pferd (dient als Transportmittel) oder der Hund (dient als Jagdwaffe oder Alarmanlage). Wozu dient der Mensch? Er dient dem Menschen als Partner. Partner ist hier definiert als jemand, der bereit ist zu helfen, aber nur auf Gegenseitigkeit.

Tatsächlich ist ein hervorragendes Merkmal des Menschen seine Bereitschaft zur Kooperation mit Partnern, also zur "bedingten Kooperation". Diese Anlage ist einzigartig. Zwar kooperieren auch Bienen oder Ameisen in großem Maßstab, aber nur innerhalb von Bienenstock oder Ameisenhaufen, also mit ihren eigenen Geschwistern. Wir Menschen können auch kooperieren, wenn wir nicht miteinander verwandt sind.

Keine Grenzen gesetzt

Diese Kooperation ist der Grund für den Erfolg der menschlichen Spezies. Dem Ausmaß unseres gemeinschaftlichen Unternehmens scheint keine Grenze gesetzt. Das ist merkwürdig. Sollte denn die Evolution nicht nur Wesen hervorbringen, die primär ihre eigenen Interessen verfolgen?

Nun kann es durchaus im ureigenen Interesse sein, an einem gemeinsamen Unternehmen mitzuwirken. Aber noch größer wäre der Nutzen, den ein Trittbrettfahrer einheimst. Das ist einer, der weniger als die anderen beiträgt und die Gemeinschaft ausbeutet. Spricht sich das herum, gibt es bald nur mehr Trittbrettfahrer, und das Gemeinschaftswerk scheitert. Derlei kommt vor: Das Eigeninteresse war dann kontraproduktiv. Man nennt das ein soziales Dilemma.

Das Gegenrezept ist klar: Trittbrettfahrer müssen bestraft, also zum Kooperieren gezwungen werden. Einen solchen Zwang auszuüben ist aber kostspielig. Das bietet eine Verlockung: nämlich sich darauf zu verlassen, dass die anderen den Trittbrettfahrer zur Räson bringen. Was hier verlockt, ist Trittbrettfahren für Fortgeschrittene. Mit Spieltheorie, also der Mathematik von Interessenkonflikten, lässt sich zeigen, dass ein Zwang zur Kooperation nur dann funktioniert, wenn das Unternehmen freiwillig ist.

Die Grundlage unserer Gesellschaften

Freiwillige Unterwerfung unter einen Zwang mutet zwar eigenartig an, ist aber die alltäglich erfahrbare Grundlage unserer Gesellschaften. Wir unterschreiben einen Kaufvertrag und gehen freiwillig den Bund der Ehe ein. Auch der Sozialkontrakt der Moralphilosophen beruht auf Freiwilligkeit. "Der Mensch ist frei geboren, und überall ist er in Ketten", so Jean-Jacques Rousseau. Was er meinte: Wir legen uns freiwillig Bindungen auf.

Womit wir bei dem Rezept angelangt sind, das hinter unserer Selbstdomestikation steht. Unser Sozialleben beruht auf Moral. Menschen haben einen Moralinstinkt, genauso wie sie einen Sprachinstinkt haben. Natürlich ist uns nicht eine Sprache angeboren, sondern die Anlage, eine Sprache zu lernen. Ebenso ist uns nicht eine Moral angeboren, sondern die Anlage, eine moralische Norm zu übernehmen.

Dazu gehört unsere hohe Bereitschaft, eine Autorität anzuerkennen und uns an Vorschriften zu halten, auch wenn sie widersinnig sind. Es gehört dazu eine große Fähigkeit zur Anpassung – im Nachäffen sind wir viel besser als jeder Affe. Dieser Nachahmungstrieb hilft beim Lernen. Wir sind dressurfähig. Wir lieben es, zu dressieren, zu lehren und insbesondere zu belehren, wie keine andere Tierart. Wir sind empfänglich für Lob und Tadel. Und wir empören uns gern über die Fehltritte anderer und schämen uns – weniger gern – über die eigenen.

Reputationssysteme

Ein bedeutender Teil unseres täglichen Informationsflusses besteht aus Tratsch: Wir bewerten die anderen. Solche Reputationssysteme sind entscheidend für die Wahl unserer geschäftlichen und geschlechtlichen Partner. Unsere Wirtschaft beruht auf Vertrauen, und die sicherste Methode, als vertrauenswürdig zu gelten, ist es, tugendhaft zu sein, bereit, gesellschaftliche Normen dermaßen zu verinnerlichen, dass sie nicht mehr als Zwang oder Pflicht wahrgenommen werden. Solche Tugenden haben wir uns selbst anerzogen. Dazu gehören Mitgefühl, Verständnis für andere und Sinn für Fairness.

Moralische Normen sind kulturelle Produkte; aber es kann vorkommen, dass Gene sich den kulturellen Umständen anpassen. So haben sich, seit wir sesshaft wurden, unsere genetischen Anlagen zur Verdauung von Stärke- und Milchprodukten sehr geändert – und, wie bei Kurt Kotrschals Hund & Mensch nachzulesen, auch die beim Hund. Die Anlagen für unser Verhalten werden durch die kulturelle Entwicklung geprägt. Auch beim Hund haben wir Tugenden gezüchtet – die Menschenliebe insbesondere. Dreißigtausend Jahre Mensch & Hund GmbH haben in unseren Genomen Spuren hinterlassen.

Wir kennen kein Gen für Tugend; es gibt Gene für gewisse Störungen des Sozialverhaltens. Wieder ist die Parallele zum Sprachinstinkt hilfreich: Wir kennen auch kein Gen für die Sprache, wohl aber Gene für gewisse Sprachdefizite. Und dass uns die Hilfsbereitschaft angeboren ist, legen Experimente wie jene an Schimpansen und Menschenkindern eindrücklich nahe.

Somit ist durchaus möglich, dass Konrad Lorenz mit seiner These von der Selbstdomestikation des Menschen richtig liegt. Und doch sah er es völlig verkehrt. Schon sein Wort von der Verhausschweinung klingt denkbar abschätzig (und wie kommt das Hausschwein dazu?). Lorenz entwickelte seine Idee in einer Zeit, als er einigermaßen infiziert war von Nazi-Gedankengut. Er insinuiert einen Widerspruch zu edlen Wilden und ähnlicher Tarzan-Romantik. Seine Belege für die Selbstdomestikation (das fliehende Kinn, die lang hinausgezogene Unreife, die Neigung zum Fettansatz) sind allesamt negativ, und am meisten beklagt er – ausgerechnet – den moralischen Verfall.

Genau das Gegenteil ist der Fall. Indem wir uns selbst domestizierten, züchteten wir uns zur einzigen moralischen Spezies auf dem Planeten. Dass wir dabei unsere Aggressivität nicht losgeworden sind, soll nicht unerwähnt bleiben. Aber wie bei Kotrschals Mensch & Hund nachzulesen, ist uns das auch bei den Hunden nicht restlos geglückt. (Karl Sigmund, 11.9.2016)


Der Spieltheoretiker Karl Sigmund hält im Rahmen des 3. Biologicums Almtal "Fressen und gefressen werden" (6. bis 9. Oktober) einen Vortrag zum Thema "Das vollkommenste aller Haustiere".

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Biologicum Almtal

  • Leben und kooperieren in Reih und Glied mit anderen Menschen – im Bild eine kalifornische Reihenhausanlage mit Blick auf San Francisco.
    foto: picturedesk / danita delimont / jim goldstein

    Leben und kooperieren in Reih und Glied mit anderen Menschen – im Bild eine kalifornische Reihenhausanlage mit Blick auf San Francisco.

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