"Endspiel": Echokammer der Abhängigen

5. September 2016, 17:38
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Salzburger Beckett-Inszenierung im Akademietheater

Wien – Es ächzt die Bühne ins Rampenlicht. Sie und ihre Insassen haben den Transport aus Salzburg gut überstanden. Kurz werden der blinde Hamm und sein Diener Clov in ihrer fortwährenden Hölle für uns zur Anschauung nach vorn an die Rampe geschoben. Nach zweieinviertel Stunden sinken sie mit ihrem Gefängnis wieder in die Tiefe des Akademietheaters zurück.

Samuel Becketts Endspiel ist in Wien angekommen. Sein Krankenstuhl ist Nicholas Ofczarek ein Thron in dieser Zelle. Er besetzt ihn wie einer von Francis Bacons Päpsten. Von ihm aus dirigiert er Michael Maertens, der mit steifen Knien (mit anderem Slapstick ist es höchste Körperkunst!) als Clov über die Bühne wuselt. Aus einem Loch im Boden taucht er zudem Dinge herauf in den ansonsten leeren Kasten: eine Leiter, einen Haken, einen Wecker, einen Hund.

Rührendst drückt der Herr diesen an sich, um ihn alsbald wegzuschleudern. In dem Strom aus Gerede und Zeitlosigkeit sind sie Stichwortgeber, Anhaltspunkte, gottlob: etwas Konkretes! So wie man zu Annäherung und Zeitvertreib auch übers Wetter redet. Tagein und tagaus, muss man sich vorstellen, wird hier alles von weißen Tüchern ab- und wieder zugedeckt, als wäre es schon tot.

Doch absurd ist daran nichts, sondern menschlich. In Mülltonnen hält der Wohnzimmerdespot seine Eltern. "Aaach, gestern", da war alles noch besser, seufzt Mutter Barbara Petritsch. Die Boshaftigkeit, die der Sohn dem zahnlosen Vater (Joachim Bißmeier) heute antut, heißt Zwieback. Fein austariert halten Abhängigkeit, Grausamkeit, Lug und Sehnsucht einander die Waage. Nur durch zwei Luken hoch oben in der Wand: ein Blick auf die Welt, die leer ist.

Zwar zieht sich die Vergeblichkeit des Seins hin zum Ende ein wenig. Das – muss es diese Mühsal nicht aber geben? – allerdings virtuos. An ihren Details und Darstellern wächst die Inszenierung Dieter Dorns ins Große. Sie ist am Punkt, führt ihre Späße und Ausbrüche wohl bemessen. Nie kippen sie vom Beckett'schen hinüber in baren Effekt. In dieser Kammer – zudem tatsächlich, d. h. akustisch, ein Echoraum – wird, was wo fällt, andernorts wieder aufgehoben. Selbst die Farben der versifften Kleider (Bühne: Jürgen Rose) verbinden die Verdammten.

Wenn er ihm schon nicht die Hand geben mag, so doch wenigstens den Hund, sehnt Hamm. Mindestens so gut wie im französischen Original sitzt dem Stück die deutsche Sprache. Überhaupt sitzt hier alles. Großer Applaus. (Michael Wurmitzer, 5.9.2016)

  • Nicholas Ofczarek als Hamm (li.), Michael Maertens als Clov.
    foto: bernd uhlig

    Nicholas Ofczarek als Hamm (li.), Michael Maertens als Clov.


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