Das ignorierte Leiden psychisch kranker Kinder

5. September 2016, 22:50
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Steiermark: Nur ein Drittel junger Psychiatriepatienten wird adäquat behandelt. Volksanwaltschaft spricht von "Menschenrechtsverletzung".

Graz – Volksanwalt Günther Kräuter nennt es eine "schwere Menschenrechtsverletzung", was Kindern und Jugendlichen in der Steiermark, die dringend psychiatrische Behandlung bräuchten, zugemutet werde. Sie würden seit Jahren vom medizinischen Versorgungssystem "übersehen", viele von ihnen, die unter schweren suizidalen Krisen, an Magersucht oder Depressionen leiden, kämen in keine Behandlung – weil keine vorhanden sei.

Es gebe in der Steiermark keinen einzigen Kassenarzt für Kinderpsychiatrie. Nur ein Drittel der betroffenen Kinder und Jugendlichen könnten adäquat versorgt werden, sagte die Psychiaterin Gabriele Fischer, die eine von der Volksanwaltschaft eingesetzte Expertenkommission in Sachen Kinderpsychiatrie geleitet hatte, am Montag in Graz.

Fischer inspizierte mit einem Expertenteam die steirischen Einrichtungen. Sie sei "erschüttert" gewesen über die psychiatrische Versorgungssituation für Kinder und Jugendliche. Die Zentren in Graz und Leoben seien hoffnungslos überlastet. Am Land fehle weitgehend die medizinische Infrastruktur für jugendliche Psychiatriepatienten. Von den rund 2500 Kindern und Jugendlichen, die in psychiatrischer, stationärer Behandlung sind, sei lediglich ein Drittel auf einer entsprechenden kinderpsychiatrischen Einrichtung. Ein Drittel werde in der Erwachsenenpsychiatrie behandelt, ein weiteres Drittel auf psychosomatischen Stationen "geparkt", kritisiert Fischer. Kräuter erinnerte in diesem Zusammenhang an einen Suizid eines Jugendlichen in Wien. Der Auslöser: Der junge Patient wurde in der Erwachsenenpsychiatrie behandelt. Vor Augen, wie eine Krankheit verlaufen könnte, sei eine Behandlung auf Erwachsenenstationen fatal, sagte Fischer.

Vorbild Niederöstereich

Unter allen Bundesländern sei die Steiermark im Bereich der Kinder und Jugendpsychiatrie jedenfalls absolutes Schlusslicht. Das Positivbeispiel: Niederösterreich: Das Bundesland verfüge bereits über sieben Kassenärzte und sei auf eine regionale Versorgung, weg von den zentralen Spitalseinheiten, eingeschwenkt. Die Ortsnähe der Behandlung spiele speziell bei jungen Psychiatriepatienten eine wichtige Rolle, sagte Fischer. Offensichtlich sei man in der Steiermark der Meinung, die Kinder und Jugendlichen hätten eine "minderwertige Erkrankung". "Ich mache da die Politik explizit dafür verantwortlich", sagte Fischer.

Gesundheitslandesrat Christopher Drexler (ÖVP) will gar nicht leugnen, dass die Steiermark in der Kinderpsychiatrie einen eklatanten Aufholbedarf habe: "Gewisse Kapazitätsmängel ergeben sich bedauerlicherweise jedoch aus der Tatsache, dass vonseiten der Sozialversicherung bis dato kein Kassenvertrag im Bereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie für die Versorgung im niedergelassenen Bereich zur Verfügung gestellt wurde, weshalb die Ambulanzen in Graz und Leoben die einzige Versorgungsschiene ohne Selbstbehalt darstellen."

Verbesserungen am Standort Graz seien auf Schiene: Derzeit befänden sich sieben Turnusärzte in Ausbildung zum Facharzt für Kinderpsychiatrie. Darüber hinaus sei die tagesklinische Versorgung ausgebaut worden. (Walter Müller, 6.9.2016)

  • Psychiaterin Gabriele Fischer und Volksanwalt Günther Kräuter Kräuter üben scharfe Kritik an der steirischen Politik.
    foto: volksanwaltschaft

    Psychiaterin Gabriele Fischer und Volksanwalt Günther Kräuter Kräuter üben scharfe Kritik an der steirischen Politik.


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