Erdoğan-Flüchtlinge kommen nach Europa

5. September 2016, 17:35
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Journalisten setzten sich als Erste nach Europa ab

Ankara/Athen – Noch ist es ein kleiner Kreis, doch der Trend scheint deutlich: Vor allem Journalisten, Hochschullehrer und Schriftsteller dürften das Gros der neuen politischen Flüchtlinge aus der Türkei in die EU werden. "Ich habe immer noch keine Idee, wessen ich beschuldigt werde", schrieb Yavuz Baydar dieser Tage in einem Beitrag für die britische Tageszeitung "The Guardian". Der Anwalt des angesehenen türkischen Kolumnisten hatte keinen Einblick in die Akte seines Mandanten erhalten – sie ist geheim. Baydar ist nun irgendwo in Europa.

Ebenso Abdullah Bozkurt, Chef des Hauptstadtbüros der englischsprachigen Ausgabe von "Zaman", bevor der Verlag im Frühjahr dieses Jahres zunächst unter Zwangsverwaltung gestellt und nach dem gescheiterten Putsch vom Juli dann geschlossen wurde. Bozkurt gelang Ende Juli die Flucht mit seiner Familie.

Wohnungstüren aufgebrochen

Eyüp Can, ehemals Chefredakteur der liberalen, mittlerweile eingestellten Tageszeitung "Radikal", hat in einer Mitteilung im Kurznachrichtendienst Twitter wissen lassen, dass er nun bei Familienangehörigen im Ausland lebt. Can ist wie Baydar, einst Ombudsmann der seinerzeit politisch liberalen Zeitung "Milliyet", von den türkischen Behörden zur Fahndung ausgeschrieben. Die Türen zu ihren Wohnungen hat die Polizei vergangene Woche aufgebrochen. Vor dem Putsch vom 15. Juli waren sie alle – in recht unterschiedlichem Maß – Kritiker der türkischen Regierung. Jetzt gelten sie als "Terroristen".

Vertreter der Säkularen

115 Journalisten sind in der Türkei laut Zählung der Istanbuler Journalistenplattform P24 seit der Verhängung des Ausnahmezustands mittlerweile in Haft. Das wären mehr als in jedem anderen Land der Welt. Unter den neuen Inhaftierten sind erfahrene Journalisten wie Lale Kemal, die mehrfach über die schrittweise Entmachtung des türkischen Rechnungshofs berichtet hatte. Wie Baydar schrieb auch sie Kolumnen in der Zeitung "Zaman", einst Flaggschiff der Bewegung des Predigers Fethullah Gülen. Beide Journalisten gelten als Vertreter einer säkularen, demokratischen Türkei, ebenso wie Can Dündar, bis vor kurzem Chefredakteur von "Cumhuriyet", der nun wichtigsten Oppositionszeitung. Dündars Frau wurde am Wochenende die Ausreise aus der Türkei untersagt.

Ausreiseverbote gelten weiterhin für Lehrkräfte an den Universitäten. Die Säuberungen gehen mittlerweile über angebliche Gülen-Anhänger hinaus. Premier Binali Yildirim kündigte die Suspendierung von 14.000 Lehrern im kurdischen Südosten an. (Markus Bernath, 5.9.2016)

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