"Don't Breathe": Sicko auf wenigen Quadratmetern

6. September 2016, 07:35
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Der Film von Fede Alvarez verspricht Drastik mit Könnerschaft

Wien – Detroit, diese verwahrloste Ruinenbrache des Spätkapitalismus, bietet mit ihrem Sozialapokalypsen-Chic die derzeit dankbarste Kulisse für Horror- und Thrillerfilme der mittleren Preisstufe. Schon Ryan Goslings Lost River und David Robert Mitchells Arthousehorror-Sensation It Follows (beide 2014) machten sich die Tristesse der verlassenen Wohngebiete für atmosphärische Impressionen zunutze, bei denen es Fede Alvarez allerdings nicht belässt. Für den uruguayischen Regisseur, seit seinem geglückten Remake von Sam Raimis Splatterklassiker Evil Dead unter Freunden filmischer Drastik als vielversprechendes Talent gehandelt, begreift die Gebiete als Paradies für Einbrecher, die sich beim Einstieg in die wenigen verbliebenen bewohnten Häuser darauf verlassen können, von Außenstehenden nicht behelligt zu werden.

foto: sony pictures
Stephen Lang (re.) hat jugendliche Einbrecher im Haus.

Gute Bedingungen also für die als Einbruchteam gut eingespielten Kids (Jane Levy, Dylan Minnette, Daniel Zovatto), die über Equipment zum Deaktivieren von Hightechalarmanlagen verfügen und einen Hinweis erhalten haben, dass in dieser posturbanen Einöde ein blinder Kriegsveteran (Stephen Lang) mit einer beträchtlichen Summe Bargeld einsiedelt. Doch die Abgeschiedenheit inmitten von Wohnruinen erweist sich als Bumerang: Das vermeintlich leichte Opfer ist ein Meister der Innenverriegelung, der sein Haus im Nu hermetisch versiegelt, und als skrupellose Nahkampfmaschine mit bissigem Hund an der Seite. Bald schwant den Kids: In Detroit hört dich keiner schreien.

Kein Gramm Fett liegt auf diesem Film – sehr zu seinem Gewinn. Nach Evil Dead erweist sich Alvarez in diesem hocheffizienten, ökonomisch eleganten Film erneut als Meister der räumlichen Konzentration: Weite Panoramaaufnahmen Detroits zu Beginn weichen rasch einer Ästhetik begrenzter Sichtbarkeiten – schmale Schärfebereiche, nahe Einstellungen (Kamera: Pedro Luque) bestimmen das Geschehen, bedingen eine latent klaustrophobische, ins Paranoide spielende Atmosphäre, in der man sich nach der Erlösung des nächsten, Übersicht stiftenden Gegenschusses sehnt.

sony pictures entertainment

Aus seinen Limitierungen bezieht der Film beträchtliche Suspense: Die Blindheit des Gegenspielers gestattet genüsslich ausgekostete Versteckspiele auf wenigen Quadratmetern, bei denen der Filmtitel zur überlebensnotwendigen Maxime wird. Zumal wenn – kein Spoiler – nach dem ersten Toten für den blinden Mann buchstäblich nicht ersichtlich ist, wie viele Leute sich noch in seinem Haus befinden. Zum Glück ist Alvarez ein selbstbewusster Regisseur mit Gespür für Timing und Dynamiken einer Spannungsinszenierung: Stille Passagen hält er genauso aus, wie er in turbulenten Momenten nicht die Gäule mit sich durchgehen lässt.

Er befolgt eine essenzielle Tugend des Inszenierens: Er kommuniziert auf Augenhöhe mit dem Publikum. Er zeigt den beschränkten Raum in einer langen Plansequenz, legt wichtige Informationen (und Glasscherben) ersichtlich aus und bespielt damit souverän die Dynamiken zwischen Konzentration und Schrecken, ohne sich dabei bloß auf Jump-Scares zu verlassen. Und je tiefer es in den Keller geht, als umso verstörender erweisen sich die Geheimnisse des Veteranen. Fast spielend rückt Alvarez zu geschätzten Sicko-Klassikern wie Texas Chain Saw Massacre auf. Don't Breathe, diese meisterliche Minimalismusmeditation, dürfte in einigen Jahren einen ähnlichen Rang genießen. (Thomas Groh, 6.9.2016)

Ab 9.9. im Kino

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