Nick-Cave-Doku: Nackte Lieder über den Schmerz

5. September 2016, 17:23
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Trauerarbeit in Venedig: Andrew Dominiks bewegende Doku "One More Time with Feeling" über das neue Nick-Cave-Album und das Nachkriegsdrama "Frantz" von François Ozon

In der Nacht fielen die ersten Regentropfen. Der kurze Wetterumschwung am Lido von Venedig, der den Himmel in trübes Grau umfärbte, fügte sich seltsam stimmig in das Gefühl der Trauer, das sich in Andrew Dominiks Dokumentarfilm One More Time with Feeling über einen kreativen Schaffensprozess legt, ja diesen essenziell mitbestimmt.

Den Hintergrund bildet eine familiäre Tragödie. Nick Caves 15-jähriger Sohn Arthur verunglückte nach einem Selbstversuch mit LSD im Juli vergangenen Jahres. Die Lieder seines neuen Albums hatte Cave zwar schon davor geschrieben, doch die Aufnahmen begannen erst danach. In der nackten, rohen Qualität der Songs, sagt Cave im Film, sei Arthur durch und durch zu spüren.

nick cave & the bad seeds
Andrew Dominiks Nick-Cave-Doku "One More Time with Feeling" wird hierzulande am 8.9. in ausgewählten Kinos einmalig zu sehen sein.

Andrew Dominik hat Caves Aufnahmesessions mit den Bad Seeds für Skeleton Tree (erhältlich ab 9.9.) im Studio begleitet. Die in 3-D gedrehten Schwarz-Weiß-Aufnahmen begleitet Cave selbst mit einem inneren Monolog. Zunächst wird der Tod des Sohnes gar nicht erwähnt. Cave erzählt von den Schwierigkeiten, nach "dem Trauma" weiterzumachen, da ihm jedes Gefühl von Kontinuität abhandengekommen sei. Die "unbekannte Person", die er von einem Tag auf den anderen geworden ist, gibt ihm Rätsel auf.

"Life is not a story", sagt er später in einem Interview, das den Film durchzieht. Umgekehrt ist sich der glaubensfeste Musiker jedoch sicher, dass Ereignisse nicht zufällig geschehen. Die Frage, wie sich dieser Zusammenstoß widersprüchlicher Kräfte bewältigen lässt, führt auch zum Selbstverständnis seiner Kunst – und zu jener des Films, der Musikaufnahmen, Gespräche oder Szenen mit Caves Ehefrau Suzie in fließende Rhythmen übersetzt.

Dominiks Film ist ein Drahtseilakt, er sucht die Balance zwischen den Bekenntnissen Caves und der probaten Distanz eines Besuchers. Die Suche nach dem passenden Tonfall wird, mitunter sogar mit Witz, selbst zum Thema. Zentrale Ausdrucksfläche bleibt jedoch die Musik. Das Studiosetting, in dem Cave mit seinem engsten Mitstreiter Warren Ellis in Improvisationen nach Nuancierungen sucht, ist einerseits Labor. Andererseits werden die Songs auch in voller Länge gespielt (und inszeniert).

Etliche der acht Lieder, etwa das hypnotische Jesus Alone oder I Need You, in dem Caves Stimme schon mehr wie ein Flehen wirkt, vermitteln in ihrer zurückhaltenden Instrumentalisierung hohe Intimität – eine Reduktion, die dem Album eine besondere Fragilität verleiht. Dominiks visuelle Einfälle, etwa eine Kreisfahrt entlang des am Piano sitzenden Cave, sind beinahe schon zu aufwendig. Das ist wohl als Versuch zu werten, die Lücken des Lebens mit Musik zu füllen.

Wandlung und Neuerfindung

Im Wettbewerb von Venedig sorgte unterdessen ein weiterer Schwarz-Weiß-Film für eine kleine Überraschung. Der wendige Franzose François Ozon hat eines der seltenen Dramen von Ernst Lubitsch, Broken Lullaby, für eine weitere stilistische Wandlung genutzt.

Frantz erzählt von einem deutschen Paar im Quedlinburg des Jahres 1919, das ihren einzigen Sohn im Ersten Weltkrieg verloren hat. Eines Tages taucht der Franzose Adrien (Pierre Niney) vor dem Grab des Gefallenen auf und gibt sich als dessen enger Freund aus Paris aus. Die Familie, vor allem Frantz' Verlobte Anna (eine Entdeckung: Paula Beer), vermag durch die Erzählungen des Fremden ihre Trauer zu kurieren.

Doch der in behutsamen, ruhigen Szenen komponierte Film entpuppt sich als ein Verwirrspiel. Täuschung wird jedoch nicht als dramatischer Selbstzweck eingesetzt, sondern als Mittel, um zu einer Form von Versöhnung zu finden. Ozon geht es um die Neuerfindung der jüngeren Generation, die eine Fluchtlinie aus starren Fronten sucht – zur Not geht das auch mit einer Lüge. (Dominik Kamalzadeh, 5.9.2016)

"Skeleton Tree" ist ab 9. September im Handel erhältlich. Am Tag davor wird der Film in ausgewählten Kinos in Österreich einmalig zu sehen sein.

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