Innovationsguru: "Freue mich darauf, dass uns Roboter Arbeit abnehmen"

Interview6. September 2016, 07:10
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Es soll uns nichts Schlimmeres passieren, als dass Maschinen unsere Arbeit machen, sagt John Hagel. Der Mensch sei für die heutige Arbeitswelt nicht gemacht

STANDARD: Experten sind gespalten. Die einen rechnen mit einer langen Stagnation der Wirtschaft, die anderen sehen eine Revolution auf uns zukommen, die viele alte Jobs vernichtet. Wo stehen Sie?

Hagel: Ich bin da auf der optimistischen Seite. Ich gehe davon aus, dass es zu einem großen Umbruch kommt, der eine Herausforderung wird. Am Ende gibt es aber eine bedeutende Zahl an neuen Möglichkeiten, es wird durch Erfindungen mehr Wachstum und Jobs geben. Arbeit wird viel eher zufriedenstellender wahrgenommen werden, als das heute der Fall ist.

STANDARD: Was macht Sie da so optimistisch?

Hagel: Im Moment haben wir eine Wirtschaft, die die Menschen sehr stark einschränkt. Jobs sind heute sehr spezifiziert, standardisiert, es gibt enge Abläufe. Wir schreiben Prozesshandbücher, die einem genau sagen, was man wann machen muss. Solche Aufgaben können Roboter aber tatsächlich viel besser. Ich freue mich also darauf, dass uns Maschinen und künstliche Intelligenz diese Arbeit abnehmen werden. Wir können uns dann überlegen, was wir besser können als die Maschinen.

STANDARD: Sie sind nahe dran, arbeiten mit vielen Firmen. Wie schnell erwarten Sie einen Umbruch?

Hagel: Sehr schnell. Das ist meine große Sorge. Wenn man sich den Fortschritt bei Robotern, was Agilität und Mobilität betrifft, ansieht oder bei künstlicher Intelligenz, geht das alles viel schneller voran, als wir noch vor einigen Jahren dachten. Es werden am Anfang vielleicht zuerst die alten Jobs wegfallen und die neuen erst später kommen. Das schafft Risiken.

STANDARD: Wie können wir uns als Gesellschaft darauf vorbereiten?

Hagel: Die Politik muss Aufmerksamkeit dafür schaffen, was da passiert und wie schnell das vor sich geht. Es braucht eine Vision, anstatt es nur als eine Gefahr zu sehen. Was sind die Möglichkeiten, die das alles schafft?

STANDARD: Sie rechnen mit besseren Jobs. Gibt es bereits Beispiele?

Hagel: Es gibt viele kleine Beispiele, wo mit wenig Aufwand etwas passiert. Ein Betreiber von Callcentern hat sich eine Idee vom Spiel World of Warcraft abgeschaut. Jeder Mitarbeiter hat dort ein Performance-Dashboard und bekommt in Echtzeit Feedback. Gleichzeitig wurde ein Online-Forum gegründet, in dem sich die Mitarbeiter austauschen. Wer anderen hilft, wird belohnt. So wurde ein starkes Umfeld geschaffen, in dem Lernen möglich ist.

STANDARD: Revolutionär klingt das noch nicht. Wie viel tut sich wirklich?

Hagel: Wir sind erst am Anfang. Es geht immer schneller, und es gibt, anders als bei der Erfindung der Dampfmaschine oder der Elektrizität, keine Verschnaufpause. Damals hatte man nach der Erfindung Zeit, sich das in Ruhe anzusehen. Bei digitalen Technologien geht das exponentiell.

STANDARD: Ein Beispiel, bitte.

Hagel: Das Internet der Dinge versorgt uns mit unendlich vielen Daten. Das ist schon viel leistbarer. Wichtig sind auch die Analyse-Tools, alleine bringen uns die Daten nichts. Dass Maschinen selbst lernen, verbessert sich exponentiell. Begonnen hat es mit Wearables, jetzt geht es immer mehr in Richtung Implantate. Also Technologie, die wir in den Körper einbauen, um unsere Gesundheit zu überwachen.

STANDARD: Beängstigend.

Hagel: Wir können das erste Mal früh erkennen, ob das Herz oder andere Organe Probleme machen. Das ist positiv. Ich bin Optimist.

STANDARD: Ist das schon in Verwendung?

Hagel: Im übertragenen Sinne. Versicherungen in den USA passen Polizzen mittlerweile an das tatsächliche Fahrverhalten an. Wer unsicher fährt, zahlt mehr. So werden wir hoffentlich bessere Fahrer und zahlen weniger für die Versicherung. (Andreas Sator, 6.9.2016)

John Hagel (65) ist Berater und stellvertretender Geschäftsführer des Center for the Edge bei Deloitte in den USA.

  • Der Roboter "Alter" wird in einem Museum in Tokio ausgestellt. Er imitiert den Menschen nahezu perfekt und passt laufend seinen Gesichtsausdruck an. Deloitte-Experte Hagel erwartet, dass der Fortschritt in der Robotik weiter dramatisch zunimmt und die Wirtschaftswelt auf den Kopf stellt.
    foto: ap / koji sasahara

    Der Roboter "Alter" wird in einem Museum in Tokio ausgestellt. Er imitiert den Menschen nahezu perfekt und passt laufend seinen Gesichtsausdruck an. Deloitte-Experte Hagel erwartet, dass der Fortschritt in der Robotik weiter dramatisch zunimmt und die Wirtschaftswelt auf den Kopf stellt.

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