Orbán: Der Islam ist in Ungarn willkommen

Kommentar der anderen5. September 2016, 17:03
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Ein Facebook-Post, ein Opernsänger, ein Ministerpräsident und ein Shitstorm: Unlängst haben zwei Sätze in Ungarn für gehörigen Wirbel gesorgt – mit unerwartetem Ausgang. Ein Experiment aus unserem Nachbarland

László Ágoston ist ein 30-jähriger ungarischer Opernsänger und hat auf Facebook folgenden Text gepostet:

"Ich denke, ein Leben mit Niveau, Liebe und Glück ist nur in einem Land möglich, wo Respekt zum Kulturgut gehört, folglich ein Ton der Achtung angeschlagen wird. Ungarn sollte der Ort sein, wo man jedem mit Respekt begegnet; auch denen aus der islamischen Welt. Besonders hoch sollte der Islam, die zivilisatorische Wurzel der Muslime und Araber, geschätzt werden. Man müsste den Koran neu lesen. Würden unsere Banker die Vorschriften der Scharia kennen, wären wir schon viel weiter."

Die Reaktionen darauf hielten sich in Grenzen – erzählt Ágoston. "Womöglich sind die Menschen das Thema schon leid. Wer weiß."

Um seinem Experiment auf die Beine zu helfen, hat er Facebook 1500 Forint (fünf Euro) bezahlt, damit sein Text gezielt die "Gefällt mir"-Anhänger von Viktor Orbán erreicht. Ágoston hatte zu dieser Zeit noch nicht verraten, dass diese Sätze aus einer Rede von Viktor Orbán selbst stammen, welche dieser 2015 vor arabischen Bankern hielt.

Ein Shitstorm brach über den Autor (vermeintlich Ágoston, aber doch eben Orbán, Anm.) herein. Man solle ihn auf den Mond schießen, in die Wüste schicken. Es wurde gefragt, ob er noch alle Tassen im Schrank habe. Der Verfasser hätte einen Knall, und so weiter und so fort.

Die Idee hatte ich – erzählt der Sänger -, als ich von einer Muslimin einen Brief bekommen habe, mit einem Bild, auf dessen einer Hälfte sich Donald Trump in die Gunst arabischer Geschäftsleute einschleicht, während er auf der anderen Hälfte die Verweigerung der Einwanderung von Muslimen fordert. "In meinem Browser tippte ich zwei Worte ein: ,Orbán' und ,arab'. Sofort kamen zwei Videos auf Youtube auf. Auf beiden redet Viktor Orbán im Beisein reicher, arabischer Geschäftsleute. Die Zitate aus dem Video habe ich vorerst so gepostet, als wären sie meine eigenen Worte. Ich hatte vor, die Originalvideos dazuzusetzen. In kürzester Zeit kamen mehr als zweihundert Kommentare, und so musste ich für den Schutz meiner Facebook-Freunde früher als geplant mit der Wahrheit herausrücken."

Am nächsten Morgen griffen auch die ungarischen Medien die Sache auf. Der Facebook-Account des Autors war nicht erreichbar. Dabei könnte erhöhter Verkehr eine Rolle gespielt haben, aber verdächtige Zeichen, die auf einen Hackerangriff hindeuteten, waren auch da.

Die Reaktionen auf die Entlarvung waren unterschiedlich. Einige hatten Ágoston verdächtigt, er hätte den Text aus dem Zusammenhang gerissen. Das ist natürlich absurd, denn jedes Wort im Text stammt von Viktor Orbán, und die Aussage des Ausschnitts entspricht genau der Aussage der ganzen Videoaufnahmen. Manche meinten, das Hofieren reicher Araber hätte keinen Bezug auf arme Muslime – was nicht nachvollziehbar sein dürfte, wenn man über eine Religion global spricht. Viele haben gar nicht reagiert – sie könnten diejenigen sein, die sich über die Botschaft dieser Aktion tatsächlich Gedanken machten.

Der beliebte junge Opernsänger beteuerte auf Facebook, seine Absicht wäre nicht, Orbáns Anhänger als Deppen hinzustellen. "Ich wollte nicht beweisen, dass manche blöd sind, sondern dass man uns für blöd verkauft. Mein Vorhaben war nicht, damit die linke Opposition zu unterstützen, vielmehr wollte ich, dass vielen die Augen aufgehen." (László Rab, 5.9.2016)

László Rab (59) ist ungarischer Journalist. Seit 1988 schreibt er für die Tageszeitung "Népszabadság". Dieser Text ist dort am 17. August 2016 erschienen.

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