Wenn das Smartphone zur Belastung wird

7. September 2016, 13:00
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Beherrschen wir das Smartphone oder das Smartphone uns? Und falls Letzteres gilt: Wie gelingt ein vernünftiger Umgang mit digitalen Technologien?

Es gibt genug Bücher, die voll sind mit Hiobsbotschaften über die Auswirkungen digitaler Medien und Geräte. Facebook macht dumm und Smartphones depressiv? Dass es nicht so schwarz-weiß ist, wie in vielen solcher Bücher beschrieben, ist offensichtlich.

Fest steht, dass es viele Menschen gibt, denen die ständige Erreichbarkeit zusetzt und die ihr Smartphone am liebsten an die Wand schmeißen würden. In Zeiten ständiger Erreichbarkeit, in denen man die Arbeit auch mit ins Bett nimmt, verwundert das nicht. Oft ist nicht klar, ob wir das Smartphone beherrschen oder das Smartphone uns. Wann schlägt die Emotion um von der Freude über die Praktikabilität in ein "zu viel"? Wann sollte man sich Sorgen über den Umgang mit dem Smartphone machen? Psychologin Sarah Diefenbach sagt, spätestens dann, wenn das Verhalten zulasten der direkten Kommunikation und der Umwelt geht, und natürlich dann, wenn man die eigenen Bedürfnisse vernachlässigt und keine Zeit mehr zum Durchatmen bleibt.

Wenn es zu viel wird

Auch Diefenbach hat ein Buch geschrieben. In "Digitale Depression. Wie neue Medien unser Glücksempfinden verändern" sei es ihr und Mitautor Daniel Ullrich, beide unterrichten an der LMU München, aber nicht darum gegangen, neue Medien zu verteufeln. "Aber wenn sich etwas verselbständigt, wenn man den eigentlichen Sinn eines Verhaltens aus dem Auge verliert, kann es problematisch werden", sagt Diefenbach in einem Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung".

Als Beispiel nennt sie Instagram: Jemand tritt bei, weil er gerne fotografiert und seine Fotos mit anderen teilen möchte. Auf der Plattform merkt er schnell, dass es vor allem um Likes geht. "In so einem Umfeld ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass Sie diese Verhaltensweisen schnell übernehmen und ebenfalls auf die Jagd nach Likes gehen. Das ursprüngliche Ziel – fotografieren und Bilder teilen – gerät in den Hintergrund."

Für diejenigen, die sich wirklich ganz ausklinken wollen aus der digitalen Welt, gibt es bereits eigene Camps. Unkomplizierter und schneller geht es mit diesen zwölf Tipps aus Diefenbachs Buch:

1. Bewusster wahrnehmen

Fotos sind wunderbar, der ungestörte Blick aber wichtig für eine intensive Erinnerung. Eine kleine Übung wäre es, zumindest ein paar Sekunden bewusst wahrzunehmen – und dann erst zum Smartphone zu greifen.

2. Lautlos unterwegs sein

Schon der Eingangston einer Nachricht ist eine Unterbrechung – wer konzentriert arbeiten möchte, eine ungestörte Unterhaltung führen will oder einfach nur ein paar Minuten Ruhe genießen will, sollte öfter auf lautlos stellen.

3. Richtig urlauben

Von Kommunikationsflut auf völliges Abschalten zu wechseln ist nicht leicht und erfordert Zeit. Im Urlaub bietet sich die Gelegenheit dafür.

4. Mitmenschen nicht vergessen

Für alle erreichbar – nur das Gegenüber am Esstisch hat niemals die ungeteilte Aufmerksamkeit? Das tut keiner Freundschaft gut. Manche Bars und Restaurants verkünden deshalb bereits: "No Wifi. Talk to each other."

5. Leerräume im Alltag genießen

Auch hier: dem automatisierten Griff widerstehen und das Smartphone gelegentlich in der Tasche lassen. Einfach mal an der Bushaltestelle stehen und "nichts" tun, die Umgebung bewusst wahrnehmen. Das ist schwieriger als angenommen.

6. Nichterreichbarkeit trainieren

Wer nicht erreichbar ist, hat einen guten Grund: Man war im Museum, auf einem Spaziergang oder sonst wo auch ohne Smartphone glücklich. Das werden andere verstehen.

7. Das Glück selbst bestimmen

Nur man selbst weiß, was wichtig ist und was Spaß macht. Nicht die Likes auf Facebook, nicht die Follower auf Instagram oder die Anfragen auf Linkedin.

8. Freunde fragen

Noch eine Aufgabe: Bevor man sich wegen eines Problems von Forum zu Forum und Video zu Video klickt, einfach Freunde oder Familie anrufen, diskutieren, voneinander lernen.

9. Langsamkeit akzeptieren

Parallel in zehn Gruppenchats verfolgen, an welchen Projekten Arbeitskollegen arbeiten und was man anderswo verpasst? Irgendwie ärgerlich, wenn man darüber nachdenkt. Und am Ende verpasst man noch, was vor der eigenen Nase passiert.

10. Langeweile genießen

Ja, gelegentlich keine Pläne, Meetings oder Geschäftsessen zu haben ist auch okay. Das wird zwar kein interessanter Facebook-Post oder ein vielfach geteilter Tweet, aber dafür ein entspannter Abend.

11. Sich Zeit nehmen

Wenn blaue Haken auf Whatsapp für Stress sorgen, ist es Zeit für ein kleines Training: Mindestens zehn Minuten mit einer Antwort warten. Wahrscheinlich noch besser: die Benachrichtigungen ganz abstellen.

12. Glücksmomente bewahren

Glück muss nicht über Twitter oder Facebook geteilt werden, damit es real wird. Was passiert ist, ist passiert – mit oder ohne Selfie, Hashtag und Post. Manche Momente werden noch schöner, wenn man sie für sich behält. (lhag, 7.9.2016)

Sarah Diefenbach, Daniel Ullrich
Digitale Depression
Wie neue Medien unser Glücksempfinden verändern
mvg Verlag 2016
240 Seiten, 16,99 Euro

  • Für alle erreichbar – nur das Gegenüber am Esstisch hat niemals die ungeteilte Aufmerksamkeit? Für Sarah Diefenbach kann das ein Zeichen dafür sein, dass man sich Sorgen um seinen Umgang mit digitalen Medien machen sollte.
    foto: urban

    Für alle erreichbar – nur das Gegenüber am Esstisch hat niemals die ungeteilte Aufmerksamkeit? Für Sarah Diefenbach kann das ein Zeichen dafür sein, dass man sich Sorgen um seinen Umgang mit digitalen Medien machen sollte.

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