Prozesse um Widerstand: Das fiebernde Kind und der Stuhldrang

6. September 2016, 07:00
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Zwei Prozesse, ein Delikt: Eine Arbeitslose und ein Mediziner sind vor Gericht. Die Strafen fallen höchst unterschiedlich aus

Wien – Melanie B. und Johannes K. trennen gesellschaftlich Welten. Die 36-Jährige ist arbeitslos, die Obsorge für ihre Kinder hat derzeit das Jugendamt, und sie hat zwei Vorstrafen. Der 56-Jährige ist Facharzt mit eigener Praxis und unbescholten. Was sie eint: Beide sind wegen versuchten Widerstands gegen die Staatsgewalt angeklagt.

Den Fall der Frau verhandelt Richter Stefan Romstorfer. Sie schluchzt und schnieft praktisch während des gesamten Verfahrens, die Reumütigkeit nimmt man ihr aber durchaus ab – auch wenn diese wohl mit der Strafandrohung bis zu drei Jahren Haft zusammenhängt.

An den Vorfall vom 2. Juli kann sie sich nur noch grob erinnern. Eine halbe Flasche Wodka habe sie intus gehabt, sagt sie. Warum die Rettung in ihre Wohnung, in der auch die Schwiegereltern waren, gekommen ist, bleibt etwas nebulös.

Kind hatte über 40 Grad Fieber

Ein Sanitäter sagt als Zeuge, man sei zunächst wegen einer angeblichen Unterzuckerung der Angeklagten gerufen worden und habe erst dort ein fieberndes Kind in einem Zimmer entdeckt, dessen Körpertemperatur bei über 40 Grad lag.

Man lud das Kind in den Krankenwagen, der Schwiegervater fuhr mit. B. wollte das auch, die Sanitäter verweigerten das aufgrund Platzmangels und ihrer Alkoholisierung. Die Folge: Dem einen gab sie einen Rempler, dem zweiten drehte sie die Hand um. Als die Polizei eintraf, versetzte sie einer Beamtin einen Schlag gegen die Brust, biss einen in den Finger, als sie schon zu Boden gebracht worden war.

"Trinken Sie regelmäßig?", fragt der Richter. "Damals schon." – "Und wie schaut's jetzt aus?" – "Ich mache eine ambulante Therapie. Ich will meine Kinder zurück und mir eine Teilzeitarbeit suchen. Ich möchte mir mein Leben zurückerkämpfen, ich weiß, dass ich es schaffe, ich hatte früher nie Probleme."

Wodkaflasche um 5,49 Euro

Ganz so ist es nicht: 2011 erhielt sie eine Geldstrafe, da sie einen Justizwachebeamten angegriffen hatte. 2014 wurde sie wegen eines versuchten Diebstahls zu bedingter Haft verurteilt. Dieses Delikt kommt auch diesmal dazu: Am 16. Juli wollte sie in einem Penny-Markt eine Flasche Wodka im Wert von 5,49 Euro stehlen.

B.s Schlusswort: "Sie werden ganz bestimmt nichts mehr von mir hören, wenn Sie mir noch eine Chance geben", verspricht sie Romstorfer. Der sie rechtskräftig zu einem Jahr bedingt verurteilt. "Das ist ziemlich viel, aber Sie haben bei beiden Delikten einschlägige Vorstrafen. Aber eine Haft ist nicht nötig – wenn Sie nochmals die Kurve kratzen, dann jetzt. Ob Sie es betreiben, vom Alkohol wegzukommen, ist Ihre Entscheidung", stellt er noch in den Raum.

Kurz darauf führt Christian Böhm mit einer ihm anzumerkenden gewissen Erheiterung den Prozess gegen den Herrn Doktor. Der hat die Amtshandlung ausgelöst, als er am 16. Mai um 1.30 Uhr in der Nacht der Polizei davongefahren ist, nachdem er die Straßenverkehrsordnung übertreten hatte.

Mit 0,6 Promille Alkohol am Steuer

"Warum sind Sie weitergefahren?", fragt ihn Böhm. "In der Hoffnung, mich in der Nebenfahrbahn irgendwie in Sicherheit zu bringen", sagt er leicht zerknirscht. Dass er 0,6 Promille Alkohol im Blut hatte, wird den Fluchtreflex wohl befeuert haben.

Er hielt schließlich an und eröffnete den beiden Beamten: "I geh jetzt scheißn!", wie die im Protokoll festhielten. "Ich musste wirklich dringend die Toilette aufsuchen", sagt er zunächst, fügt dann aber dazu, es "im doppelten Wortsinn" gemeint zu haben. "Ich dachte mir, jetzt ist es Aus."

Er sei in einer Ausnahmesituation gewesen, entschuldigt sich der 56-Jährige – zuvor hatte er mit einer Freundin gestritten und war auf dem Weg zu ihr, um die Sache zu klären. Er beruhigte sich bei der Polizeikontrolle nicht; als ein zweiter Streifenwagen angefordert wurde, sagte er zu einem Beamten Dinge wie: "Buhuuu, jetzt kommst Du dir stark vor!" und "Du kannst mir sowieso nichts machen!"

Stoß mit der Faust auf Schulter

Schließlich gab er einem der Polizisten einen Stoß mit der Faust auf die linke Schulter. "Ich war eher in Panik. Ich war umzingelt", behauptet er. "Von zwei Beamten?", fragt Böhm ungläubig nach. "Na ja, einer links und einer rechts. Ich war in Panik und wütend."

K. beteuert auch, an sich sehr beherrscht zu sein. Allerdings sorgt der Staatsanwalt für eine Überraschung: Denn der Angeklagte hat schon eine offene Diversion aus dem Vorjahr nach einer gefährlichen Drohung. Der Mediziner kann sich zunächst nicht erinnern.

Dann fällt es ihm wieder ein: "Da gab es einen Politstreit in einem Lokal. Ich habe gedroht, dass die Leute schon sehen würden, was die derzeitige politische Entwicklung noch bringen würde." Ganz offensichtlich in anderen Worten, sonst wäre eher keine Anzeige aufgenommen worden.

Nach einer kurzen rechtlichen Diskussion zwischen dem Staatsanwalt und Böhm entscheidet sich Letzterer für eine Diversion. 3.500 Euro muss K. zahlen, an Verwaltungsstrafen waren es schon 8.000 Euro. (Michael Möseneder, 6.9.2016)

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