"The Young Pope": Mehr Macht als Glauben

3. September 2016, 17:15
4 Postings

Paolo Sorrentino präsentierte auf dem Filmfestival Venedig seine TV-Serie in der Jude Law als unberechenbarer Papst besticht

Die Qualitätsfernsehserie hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten zu einem Zufluchtsort für arrivierte Filmregisseure entwickelt. Auch Filmfestivals müssen diesem medialen Austausch Tribut zollen, wollen sie als Fachmesse für bewegte Bilder genügen. Am Lido gibt es von einem der namhaftesten italienischen Filmemacher, Paolo Sorrentino, deshalb nun den Auftakt zu seiner ersten TV-Serie zu sehen. Es handelt sich schon deshalb um ein interessantes Projekt, da Sorrentino, Regisseur von Filmen wie "La grande bellezza" oder "Youth", zu aufwändig komponierten Bildern neigt, die eigentlich erst auf der großen Leinwand ihre ganze Wirkung entfalten.

"The Young Pope", eine Koproduktion von Sky, HBO und Canal+, setzt mit einer solchen verschwenderischen Szene ein. Ein Raum voller Babys ist zu sehen, der sich schließlich zu einem Haufen türmt, aus dem ein neuer Papst herauskriecht. Es ist der erste amerikanische Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche. Seine Name könnte auch der eines Mafiosos sein: Lenny Bernardo. Als Pius XIII. tritt er in die Nachfolge eines umstrittenen Namenvorgängers. Ein Omen?

Doch Politik ist seine Sache zunächst gar nicht. Jude Law verkörpert den Pontifex als undurchschaubaren Schönling, der in der Früh Cherry Coke Light bestellt und sich gerne eine Zigarette anheizt. Die Kardinäle haben sich für ihn als das geringere Übel entschieden, als Papst, den man bewerben kann, um die Attraktivität der Kirche wieder zu heben. Während seiner ersten Ansprache an die Gläubigen am Petersplatz tritt tatsächlich die Sonne hinter einer Wolke hervor, doch dann beginnt er ein Loblied auf die Masturbation und Schwulenehe zu singen, und die Gesichter verfinstern sich wieder.

Wunsch- oder Alptraum?

Die Szene entpuppt sich als Traum, doch das Raffinierte an "The Young Pope" ist, dass man auch danach lange nicht weiß, ob es sich um einen Wunsch- oder um einen Alptraum handelte. Sorrentino hat sich in seiner ersten TV-Serie für eine Form entschieden, die Elemente der Soap-Opera mit den Mitteln einer Groteske vereint. Die Gesichter des vatikanischen Personals — "eine Stadt verlorener Seelen, die nie gelebt haben", so Diane Keaton als Schwester Mary, die dem Papst zur Seite steht —wurden eindeutig nach besonders hervorstechenden Merkmalen ausgewählt.

Nach den ersten beiden Teilen der Serie ist schwer auszumachen, ob das alles nur höherer Blödsinn ist — oder ob die allmähliche Wandlung des Jungpapstes zu einem autoritären Kirchengeneral als politische Allegorie überzeugt. Denn Pius XIII. enttäuscht all jene, die ihn nur als Marionette begriffen haben. Seine unorthodoxen Manöver sind nicht nur gegen tradierte Abläufe (und Intrigen) im Vatikan gerichtet, sondern auch gegen einen Zeitgeist, der vom Papst verlangt, sein Konterfei zu vermarkten.

Eines jedenfalls ist sicher: Für den Briten Jude Law, der zuletzt kein großes Glück in seiner Rollenwahl hatte, ist dieser Part ein Geschenk. Die Ebenmäßigkeit seiner Gesichtszüge, die selbstsichere Süffisanz, die sich in seinem Lächeln versteckt, die Bestimmtheit seiner Stimme verleihen diesem Jungpapst die unangenehme Aura eines gerissenen Machiavellisten. (Dominik Kamalzadeh aus Venedig, 3.9.2016)

  • Jude Law als Papst
    foto: sky/hbo/canal+

    Jude Law als Papst

Share if you care.