Wozu braucht es das Forum in Heimatfilmkulisse?

Blog4. September 2016, 12:05
27 Postings

Ein Blick zurück auf das Europäischen Forum Alpbach und die Frage, ob man in zweieinhalb Wochen die Welt verändern kann

Was man in Alpbach lernt? Theoretisches und Praktisches. Nach der ersten Woche weiß man als Stipendiat, wie man sich zu viert ein Badezimmer teilt, wie man bei Empfängen hineinkommt, ohne eingeladen zu sein, wo es den besten Kaiserschmarren gibt und dass man das Selbstgebrannte der ukrainischen Studenten nicht trinken sollte.

Spätestens wenn sich das Klientel zu mischen beginnt, die ersten Bundesminister neben den Alpbacher Schützen an der Bar stehen, werden auch die Stimmen im Denkerdorf lauter, die fragen, was denn nach dem Forum überhaupt herauskommt?

Neue Aufklärung

Zur Halbzeit des Forums lädt der Club Alpbach Senza Confini, eine der Interessensgemeinschaften für Stipendiaten, zu einem sogenannten Kamingespräch. Diskussionsthema ist, was – neudeutsch gesprochen – der Impact des Europäischen Forum Alpbach sein kann.

Der Andrang ist groß für eine Veranstaltung bei der es weder freie Getränke noch Essen gibt. Einige finden in der Gaststube nur mehr Platz am Teppichboden, andere strecken von der Terrasse aus ihre Köpfe durch die geöffneten Fenster, um mithören zu können.

Auch in seinen frühen Zwanzigern hat man erkannt, dass Lebenszeit limitiert ist, und verteilt sie nicht wahllos. Viele Stipendiaten bleiben zweieinhalb Wochen in Alpbach und drücken bei ihren Seminararbeiten, Prüfungsvorbereitungen und Lehrausbildungen – ja, auch Lehrlinge bekommen Stipendien – auf Pause. Und natürlich machen sie sich Gedanken, was sie an Inhalten mitnehmen können, wie sie sich profilieren und wen sie kennenlernen.

Eine Nutzenfrage

Über der Frage nach dem individuellen Nutzen steht eine andere. Braucht es so etwas wie das Europäische Forum Alpbach überhaupt? Und wer so fragt, meint, ob wir diese Blase in der Heimatfilmkulisse als Gesellschaft brauchen, um uns weiterzuentwickeln. Welchen Einfluss haben die Vorträge und Gespräche zwischen Kongresshalle und Zirbenstube auf die Geschichte der Welt?

Große Namen

Was in der Berichterstattung über die Veranstaltung am stärksten wahrgenommen wird, sind die großen Namen, die Tiroltage in provokanter Wortwahl eröffnen, oder mit Amtskollegen zum Frühstück sitzen und darüber auf Twitter schreiben. Die Prominenz besonders aus Politik und Wirtschaft erhält dem Forum seine Bekanntheit und gibt ihm gleichzeitig einen elitär exklusiven Anstrich.

Es ist aber letztlich mehr als Kurzbesuche von Ministern und Entscheidungsträgern. Unter die bekannten Gesichter mischen sich unbekannte, nämlich mehr als 700 Stipendiaten, denen der Aufenthalt und die Seminare finanziert werden.

Zuhören und konfrontieren

Und hier treffen die Frage nach dem individuellen und gesamtgesellschaftlichen Nutzen zusammen. Dieses Jahr war ich unter den Stipendiaten, bin mit ihnen in Seminaren und bei Kamingesprächen gesessen und habe mir ihre Gedanken erzählen lassen.

Es mag abgedroschen klingen, aber das Forum ist insgesamt tatsächlich eine Gelegenheit, denen nicht nur zuzuhören, die Meinungen bilden und öffentliches Interesse anziehen, sondern sie auch zu konfrontieren. Und sie lassen sich bereitwillig ausfragen, geben Einblicke, schätzen den Austausch und lassen Schnittpunkte zwischen ihrer Welt und der des Fragenden zu.

Die Abgeschiedenheit des Bergdorfs macht den Grundton der besonderen Stimmung am Forum, man fährt nicht schnell einmal wohin, man fährt lang, deshalb bleibt man gleich da, setzt sich in den Jakober, geht spazieren und läuft so immer Gefahr, in eine Diskussion verwickelt oder zu einem Kamingespräch eingeladen zu werden.

Elitäre Denkerblase

Wenn man nach dem Nutzen der Veranstaltung fragt, kann man leicht in die Kritik der elitären Denkerblase kommen. Das liegt vielleicht einerseits an geschlossenen Empfängen und Veranstaltungen, die auch den Großteil der Stipendiaten ausschließt, und eine Parallelwelt aufblasen. Aber viel eher liegt es an dem Problem, dass sich manches schwer beziffern lässt, Wissen zum Beispiel oder Begeisterung und das Wecken von neuem Interesse.

Was bleibt

Wenn das Europäische Forum Alpbach keinen unmittelbaren Effekt hat, dann einen auf Raten. Jedes Gespräch, das ein junger Mensch am Forum geführt hat, ist eines, das sich zu seiner persönlichen Geschichte addiert, ihn verändern, vielleicht sogar prägt und ihm eine neue oder deutlichere Richtung im Leben geben wird. Insofern hat das Forum sehr wohl einen Einfluss auf die Geschichte der Welt, durch die Menschen, die mit offenen Augen und Ohren dort waren.

Dazu kann das Europäische Forum Alpbach einen Beitrag wirken und das tut es auch. Das habe ich in Alpbach gelernt. (Madlen Koblinger, 4.9.2016)

Madlen Koblinger (23) studiert an der Universität Innsbruck.

Das Europäische Forum Alpbach widmet sich heuer von 17. August bis 2. September dem Thema "Neue Aufklärung". Im Alpbach-Blog auf derStandard.at bloggen junge Stipendiatinnen und Stipendiaten.

Link

  • "Neue Aufklärung" in den Bergen. Was bleibt vom Forum Alpbach? Eine Antwort aus Sicht einer Stipendiatin.
    foto: europäisches forum alpbach/maria noisternig

    "Neue Aufklärung" in den Bergen. Was bleibt vom Forum Alpbach? Eine Antwort aus Sicht einer Stipendiatin.

Share if you care.