"Zersplittertes Erinnern": Ein Drahtmaschenzaun für den Nervenhäusler

5. September 2016, 05:30
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Julian Schutting, einer der größten heimischen Dichter, wirft in seinem neuen Buch unsentimentale Blicke auf seine Kindheit und Jugend

Die ersten Schreib- und Zeichenbewegungen des Kleinkindes Julian gelten einem Mann namens Hitler. Der etwa Zweijährige hält einen Zimmermannsbleistift in der Hand. Mit ihm zieht er Schlingen und Schnörkel, auf die er wohlgefällig niederblickt.

Doch offenbar entgleist die Situation. Julian muss etwas Schlimmes verbrochen haben, denn aus seiner Nase tropft auf einmal Blut. Dafür verantwortlich ist eine "allzu frühe Ohrfeige" von "nichterinnerlicher Tante". Der Dichter Julian Schutting, der im Oktober 79 Jahre alt wird, hat ein Bild des "Führers" mit "Drahtmaschen" überzogen. "Den Führer zu verkratzeln!", empört sich eine Stimme aus dem Off.

Hitler wird dem Kind ein paar Jahre später wieder in die Hände fallen, als Figur in einem Bilderblock, den man früher einmal Daumenkino nannte. Lässt man die Porträts des Redners rasch über den Daumen gleiten, brüllt das Männchen unhörbar los und fuchtelt herum "wie ein Gespenster abwehrender Nervenhäusler".

Formvollendete Knappheit

In dem "Wie" liegt das ganze Geheimnis von Julian Schuttings neuem Buch Zersplittertes Erinnern. In formvollendeter Knappheit gedenkt der Dichter seiner Kindheitstage in Amstetten. Seine ästhetische Erziehung will der Dreikäsehoch ausgerechnet von der Kriegsküche empfangen haben. Damals kamen "Grenadiermärsche" auf den Teller. Frankfurter Würstel sprangen aufgeregt "in nicht gemochtem Kinderbuch" durch Suppentöpfe: "Ob das gach-rote Würstel im Dienst der Menschheit Verbrennungen abbekommen hat?"

Von kindlichen Skrupeln ist auf den insgesamt knapp 90 Seiten kaum jemals die Rede. Die kleinstädtisch-dörfliche Welt wird von Erinnerungsblitzen erhellt. Das Radio in der guten Stube verwandelt sich unter den Blicken des Kindes in ein Kriegsschiff mit grünem Glasfenster.

Gebannt wartet der kleine Julian auf das Aufrauschen der Musik, die die unvermeidlichen "Siegesmeldungen" ankündigen wird. Julian Schuttings lebenslange Faszination durch die Musik nimmt in dieser Urszene ebenso verführerisch wie abstoßend Gestalt an. Er müsse sich, wie er schreibt, noch heute, im hohen Erwachsenenalter, gegen die "Rückenmarksschauer" zur Wehr setzen, "sooft, selten genug, jenes lisztsche Prelude an dich dringt -" ("Hier spricht das Oberkommando der Wehrmacht ...!").

Augenblicke des Schreckens

Immer wieder kommt der Autor in der zweiten Person Singular auf sich – und mit sich – ins Sprechen. Er hat wohl alles in allem das verlebt, was man allzu oft mit schlampiger Generosität eine glückliche Kindheit nennt. Im Gespräch bestätigt Schutting: "Ich habe mich so weit geborgen gefühlt. Ich wüsste auch meinen Eltern nichts vorzuwerfen." Augenblicke des Schreckens und der Bangnis haben sich dennoch unverlierbar eingeprägt.

"In der Nazi-Volksschule habe ich mich tatsächlich gefürchtet, ich bin regelrecht zum Bettnässer geworden." Ein Pädagoge in SA- oder Arbeitsuniform (Organisation Toth) geht markigen Schrittes den Gang auf und ab – "der hat überhaupt keine Funktion gehabt". Der Dreikäsehoch lernt, den deutschen Gruß auszusprechen und die Hacken zusammenzuschlagen.

Er sieht aber auch bass erstaunt, wie auf viel zu nasser Schultafel die Lehrerin "mit nass werdender Kreide ins Leere schreibt und erst allmählich ihre Schrift auftaucht wie der Mond aus schwarzen Wolken". Wie beiläufig skizziert, entsteht in nuce eine kleine Poetologie, ein Programm der Wahrnehmung, das Schutting zur Herstellung seiner eindrucksvollen Dichtungsdestillate verhilft.

Die Macht poetischer Benennung

Ausgerechnet der damaligen Kriegskost verdankt Schutting die sublimsten Einsichten in die Macht poetischer Benennung. "In den gutgeheißenen Vortäuschungen von nicht Vorhandenem" wird die "nicht verfügbare Substanz" durch den Trug der Namensgebung ersetzt. "Paniertes Zellerkalbsschnitzel", "Fleischlos Faschiertes" oder "Semmelknödel mit einer Art Wildsauce" heißen solche Zauberformeln des "Als-ob".

Die Technik der Dichtung", sagt Schutting, "ist der Vergleich." Er habe als Kind Führungen durch den Gemüsegarten seiner Mutter unternommen. Dabei hätte er einen Apfel vorgestreckt und den staunenden Gleichaltrigen salbungsvoll versichert: "Hier sehen Sie eine Karotte!" Der zarte Herr mit dem Oberlippenbart schüttelt heute den Kopf: "Die müssen mich für blöd gehalten haben!" Schutting hat in den vergangenen vierzig, fünfzig Jahren gelernt, sein makelloses Deutsch immer knapper zu halten. Scheinbar übergangslos wechselt in Zersplittertes Erinnern die Prosa in Lyrik über. Wobei jeder einzelne Satz ein Kondensat bildet, in dem weit schwingende Prädikate die Last der Mitteilung tragen, während die Personalpronomen häufig weggelassen werden.

Gebrüllte Drohung

Julian Schuttings Mutter war Mitglied des Deutschen Turnerbundes. Ihr anfängliches Engagement für die Sache des Nazis – der Sohn nennt das "jung-dumm" – weicht allmählich der Unerschrockenheit. Sie fälscht Ausweise für Zwangsarbeiter. Als sie inhaftiert wird, ruft der Vater, ein verträumter Veterinärmediziner, bei der lokalen Kommandostelle an und droht, sich und die beiden Kinder auf der Stelle zu erschießen, wenn ihnen die Gattin und Mutter nicht sofort zurückgegeben würde. Schutting sagt heute trocken: "Ich wusste gar nicht, dass er so theatralisch schreien konnte! Ich habe gewusst, dass er das niemals tun würde."

Die russische Besatzung erlebt das älter werdende Kind ganz entgegen dem Klischee als segensreiche Zeit. Er gewahrt, wie streng die Rotarmisten gehalten werden, denen jeder Kino- oder Wirtshausbesuch verwehrt bleibt. Das Bassin, in dem sie ihre Schwimmübungen machen, wird nach Gebrauch durch die Besatzer jedes Mal ausgelassen und frisch befüllt. Die Mutter entzündet am Weihnachtsabend an einem Obelisken eine Kerze für die russischen Gefallenen. Sie hofft, die Frauen in Moskau würden Ähnliches tun.

Der Tor ist rein

Gegen Schluss dieses kleinen, ingeniösen Buches sehen wir Schutting plötzlich durch Wien tänzeln, seltsam federnden Schrittes. Er macht eine Ausbildung an der Graphischen; sein Furor aber entzündet sich an den Sangeskünsten der Ljuba Welitsch, die im Theater an der Wien, dem Ausweichquartier der Wiener Staatsoper, mit Salomés Tanz der sieben Schleier die Sinne des jungen Schutting betört.

Die ersten Pferdeleberkäsesemmeln werden verzehrt. Geradezu eifersüchtig versagt es sich Schutting, heute klüger sein zu wollen, als er damals war. "Indolent" nennt er sich, sein Porträt des Künstlers als kaum noch erwachsener Mensch. Selbst von den Staatsvertragsfeierlichkeiten will er nichts mitbekommen haben. "Ich hatte gedacht, ich dürfe nur schreiben, was ich selbst erlebt habe und was ich weiß." Den Erwerb von Lexikonwissen für Schreibzwecke lehnt er rundheraus ab. Ob er mit Blick auf sein damaliges Ich sich als Toren empfinde? Der Dichter verneint höflich. "Als Tor hätte ich ja unschuldig sein müssen. Für die Gestalt des Toren fehlt es mir an Reinheit." (Ronald Pohl, 5.9.2016)

Julian Schutting
Zersplittertes Erinnern

Jung und Jung 2016
90 Seiten, 18,00 Euro

  • Dichter Julian Schutting (78) gedenkt in "Zersplittertes Erinnern" seiner Kinder- und Jugendtage: "Für die Gestalt des Toren fehlt es mir an Unschuld und Reinheit."
    foto: markus lipus

    Dichter Julian Schutting (78) gedenkt in "Zersplittertes Erinnern" seiner Kinder- und Jugendtage: "Für die Gestalt des Toren fehlt es mir an Unschuld und Reinheit."

  • Julian Schutting, "Zersplittertes Erinnern". € 18,00 / 90 Seiten. Jung und Jung,  Salzburg 2016
    foto: jung und jung

    Julian Schutting, "Zersplittertes Erinnern". € 18,00 / 90 Seiten. Jung und Jung, Salzburg 2016

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