Prozess um Widerstand: Der Austrianer und die "Fotze"

5. September 2016, 06:00
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Ein 21-jähriger Fußballfan soll einer Polizistin gedroht haben. Er leugnet – und geht frei, obwohl ihm der Richter nicht glaubt

Wien – "Wir kennen uns ja schon", stellt Richter Daniel Schmitzberger leicht resigniert fest, ehe er die Generalien von Kevin B. überprüft. Der 21-Jährige hat nämlich bereits zwei Vorstrafen. Er ist Angestellter, seit kurzem Vater – und Anhänger des Fußballklubs Austria Wien.

Diese eigentlich vernünftige Einstellung hat ihn mit einer Anklage wegen versuchten Widerstands gegen die Staatsgewalt in das Straflandesgericht Wien gebracht. Er soll am 17. April vor dem Wiener Derby gegen den SK Rapid recht unfein verlangt haben, dass eine Polizistin einen Fanschal zurückgibt.

Trotz Festnahme ins Stadion geschafft

"Wir haben uns zum normalen Fanmarsch bei der Oper getroffen und eingesungen", erzählt der ohne Verteidiger erschienene Angeklagte. "Hinter einer Polizeikette sind ein paar Austrianer kontrolliert worden. Ich habe mich ganz normal mit einem Kollegen unterhalten, plötzlich bin ich wegen versuchter Nötigung festgenommen worden." Alles sei friedlich verlaufen, er habe bei der Polizei seine Aussage gemacht – genauer, sie dort verweigert – und es sogar noch rechtzeitig zum Anpfiff ins Stadion geschafft.

Dass er davor mit 500 anderen "ACAB" (die Abkürzung steht für "All cops are bastards", eine unhöfliche Generalisierung von Exekutivbeamten, Anm.) geschrien und dafür eine Ordnungsstrafe kassiert habe, gibt er zu, das ist aber nicht Schmitzbergers Thema.

Sturmhaube und Bengalen im Gepäck

Den Richter interessiert dafür etwas anderes. "Bei Ihnen sind auch eine Sturmhaube und ein Bengale gefunden worden?" B. gibt das zu. "Warum haben Sie denn die Sturmhaube dabei?" Der Angeklagte zuckt mit den Schultern und schweigt.

"Eine Sturmhaube ist weder bei einem Marsch, im Stadion oder sonst wo eine gute Idee", gibt der Richter zu bedenken. "Jetzt waren Sie schon im Vorjahr hier und haben gesagt, jetzt, wo ein Kind kommt, wird es anders. Und jetzt machen Sie locker-flockig weiter. Das verstehe ich nicht. Irgendwann muss man doch erwachsen werden!"

Aber worin soll nun der Widerstand gegen die Staatsgewalt bestanden haben? Das erklärt der festnehmende Polizist. Der schildert, er sei in einer Sperrkette gestanden, um die Kolleginnen und Kollegen, die Identitätsfeststellungen durchführten, vom Rest der Fans zu trennen.

Normale Stimmung vor Abmarsch

"Eine Kollegin hat dabei einen Austria-Schal in der Hand gehabt." Plötzlich habe der fünf bis zehn Meter entfernte Angeklagte laut "Die Fotze soll den Schal hergeben, sonst foit s'!" geschrien haben. Die Stimmung sei eigentlich normal gewesen, dennoch sei man sicherheitshalber zu dritt zu B. gegangen, um ihn mitzunehmen.

Gewehrt habe sich der Angeklagte nicht, allerdings wertet die Staatsanwaltschaft die Drohung als Nötigung und damit als Sonderform des Widerstands.

B. beteuert am Ende nochmals, er habe das nie geschrien. "Ich kann auch den Kollegen als Zeugen einberufen", bietet er an, ehe ihn Schmitzberger schon im Aufstehen unterbricht. Er verkündet nämlich einen rechtskräftigen Freispruch.

Weder Nötigung noch Drohung

"Dass Sie das geschrien haben, glaube ich. Aber da geht es mehr um Rechtliches. Ich glaube nicht, dass Sie geglaubt haben, dass irgendetwas passiert, dass die Beamtin reagiert." Bliebe noch die Möglichkeit einer gefährlichen Drohung – angesichts der Übermacht der Polizei scheidet für den Richter aber auch das aus. "Wenn ich mir den Zeugen alleine anschaue, hätte es den Rest der Sperrkette gar nicht gebraucht, um Sie zu stoppen."

Dennoch ermahnt Schmitzberger den jungen Vater nochmals: "Sie sollten dringend darüber nachdenken, das zu lassen!" Das damalige Spiel hat das Interesse vielleicht ohnehin gedämpft – die Austria hat es 0:1 verloren. (Michael Möseneder, 2.9.2016)

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