ÖBB-Chef schließt Trennung von Infrastruktur und Personenverkehr aus

2. September 2016, 06:11
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"Für viele viele Jahre" – Immo-Pläne sollen "steten Strom an Erträgen zurück ins Unternehmen sichern"

Wien- ÖBB-Chef Andreas Matthä sieht die größte Herausforderung für das öffentliche Unternehmen aktuell "im Bereich Güterverkehr aufgrund der gesamtwirtschaftlichen Situation", die durchaus angespannt sei. "Das Marktvolumen in Summe ist stabil, aber es tummeln sich immer mehr Mitbewerber auf diesem Segment", spielte er auf die Straßentransporter an, die aktuell vom niedrigen Dieselpreis profitieren.

"Es ist eine Verlagerung von der Schiene auf die Straße zu bemerken", sagte Matthä im APA-Interview am Rande des Europäischen Forum Alpbach. "Durch die Vielzahl an Mitbewerbern im nationalen Bereich verlieren wir natürlich Marktanteile. Dem versuchen wir zu begegnen mit unserer Internationalisierungsstrategie." Aber alle Güterbahnen in Europa stünden derzeit unter Druck, die Konjunktur bewege sich seitwärts. Die Menge der beförderten Gütertonnen bei den ÖBB liege derzeit im einstelligen Bereich unter dem Vorjahr, ähnliches gelte für den Umsatz in der Gütersparte. Verkaufsbemühungen gibt es derzeit praktisch keine – aus Mangel an Interessenten.

Massive IMpulse

Gemeinsam mit der ungarischen Güterbahn, die der ÖBB gehört, versucht die Staatsbahn Geschäfte mit Gütern zu lukrieren, die aus Südosteuropa nach Mitteleuropa gebracht werden sollen. Gleiches gilt für Nord-Ost – Polen und Tschechien – an die italienischen Adriahäfen (Baltisch-Adriatische-Achse) und zurück. "Wir konzentrieren uns hier auf Langläufe, wo wir unseren Industriepartnern ganzheitliche Logistiklösungen anbieten". Polen und Tschechien würden massive Impulse Richtung Italien setzen.

"Wir haben in den nächsten Jahren ein massives Investitionsprogramm in Arbeit, dank der Bundesregierung." Das betreffe die Modernisierung der Nordbahn ab der tschechischen Grenze, den fertiggestellten Hauptbahnhof in Wien, die Teileröffnung des Terminal Inzersdorf im Spätherbst – "das ist der Hauptbahnhof für den kombinierten Verkehr" -, den Ausbau der Pottendorfer Linie südlich von Wien, wo die Südbahn viergleisig wird und natürlich den Semmering Basistunnel und den Koralmtunnel. Bei den Großprojekten liege man im Zeitplan.

Mehr Infrastruktur

Im Laufe des nächsten Jahres hofft Matthä auf den Durchschlag im Koralmtunnel zwischen der Steiermark und Kärnten, trotz einer defekten Tunnelbohrmaschine liege man insgesamt noch im Zeitplan. 2024 sollte der Betrieb starten. Kapazitätsanalysen zeigten zudem, dass bei der Bahnstrecke entlang des Wörthersees kein Flaschenhals entstehen werde. "Kapazitätsanalysen zeigen, dass wir hier noch ausreichend Kapazität haben, Güterverkehr, Nahverkehr und Fernverkehr entlang des Wörthersees zu betreiben."

Wo konkret sieht der ÖBB-Chef das Unternehmen in zehn Jahren? "In zehn Jahren haben wir einen massiven Schritt vorwärts gemacht in der Modernisierung der Infrastruktur. Das ist wichtig, um attraktive Fahrzeiten anbieten zu können. Am Ende des Tages wollen die Reisenden moderne saubere pünktliche Züge mit attraktiven Fahrzeiten." Man sehe sich als "Gesamtmobilitätsdienstleister von Tür zu Tür; als Organisator der gesamten Reisebewegung". Das digitale Angebot werde ausgeweitet. "Das geht über Car-Sharing-Angebote über Taxilösungen über Bus entsprechend über digitale Lösungen in ein ganzheitliches Angebot zu gehen." Erste Applikationen gebe es schon – Stichwort: "Next Stop". Das müsse weiter ausgebaut werden, auch im Güterverkehr.

Personenverkehr und Infrastruktur laufen bilanziell gesehen "planmäßig". Zahlen zum Geschäftsjahr wollte Matthä aber noch nicht nennen.

Keine Trennung Personenverkehr- Infrastruktur

Eine Trennung der ÖBB-Infrastruktur vom Personenverkehr kommt für Matthä derzeit nicht infrage. Es brauche eine Integration des gesamten Prozesses. Der frühere ÖBB-Infrastrukturchef erklärte, dass es im Infrastrukturbereich "furchtbare Schnittstellen" gegeben habe, als dort die bauliche und die betriebliche Abwicklung noch getrennt waren. Nach einer Zusammenlegung habe es einen Qualitätsschub gegeben.

"Wenn Sie in Wörgl einsteigen in den Zug, dann sind Sie am Bahnsteig Teil der Infrastruktur. Steigen Sie in den Zug ein, dann sind Sie Teil des Verkehrsunternehmens – nur musst Du den Kunden durchgehend informieren und die Informationskette sicherstellen. Ich denke, das wird noch lange, viele viele Jahre brauchen, bis sich das System so diversifiziert, dass das keinen Sinn mehr macht", erklärte der Manager. Derzeit würden nur teure Schnittstellen entstehen, "wo man sich fragt, was hat der Kunde davon?".

Zum Thema Sicherheit im Zug, das zuletzt wegen diverser Vorkommnisse und einer offenbar gestiegenen Sensibilisierung ja verstärkt diskutiert wurde, sagte Matthä, dass man dem mit Schwerpunktaktionen zu begegnen versuche. Mit Mitarbeitern, Securities, würden Züge "bestreift", um das Sicherheitsgefühl der Reisenden zu gewährleisten. Auch werde versucht, die Kooperation mit dem Innenministerium zu verstärken. Die Polizei bestreift monatlich 350 Züge. Es gibt auch Schleierfahndungen. Insgesamt sind bei den ÖBB derzeit 385 Securities im Einsatz. Zum Jahresende sollen es 500 sein. Zugbegleiter erhalten Deeskalationstrainings.

"Personalwechsel" in den kommenden Jahren

Grundsätzlich stehe der ÖBB-Konzern auch vor "einem durchaus relevanten Personalwechsel", sagte Matthä. "Wir sind vor einem Generationswechsel. Wir werden in den nächsten sechs Jahren etwa 10.000 neue Mitarbeiter aller Hierarchiestufen ins Unternehmen holen. Das ist fast ein Viertel. Das ist eine Riesenchance für uns, uns entsprechend kundenorientiert aufzustellen, neue Jobs in allen Ebenen anzubieten und so die Unternehmenskultur wieder einen Tick weiterzudrehen."

Zum Wiener Hauptbahnhof und dem dortigen Einkaufszentrum, wo viele Geschäfte über mangelnden Umsatz klagten, sagte Matthä, dass es der ÖBB wichtig sei, dass die Pächter in den Bahnhöfen ein entsprechendes Geschäft machen. "Sonst bleiben sie ja nicht." Am Hauptbahnhof liegt die Frequenz "deutlich über 100.000" Menschen pro Tag. "Wichtig ist jetzt, dass die Shopbetreiber das entsprechend in Umsatz umwerten." Es gehe auch darum, dass Bahnhöfe nicht mehr als reine Ankunftsstation betrachtet werden, sondern als Ort, wo man auch seine täglichen Lebensbedürfnisse decken kann.

Beim Kartellverfahren der EU-Kommission gegen die ÖBB und andere Eisenbahnen handle es sich um eine Vorerhebung. Unterlagen wurden angefordert. Es geht um die Untersuchung von Waggonverkäufen und wie diese abliefen. (APA, 2.9.2016)

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