Neuer IHS-Chef: Unterschicht wurde lange vernachlässigt

Interview2. September 2016, 07:26
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Österreich müsse verstärkt auf die untersten 20 Prozent achten, sagt Martin Kocher. Er will mehr Geld für Kindergärten

STANDARD: Ein zentrales Ziel der Politik ist, dass es Kindern einmal besser gehen soll als den Eltern. Ist dieses Versprechen zeitgemäß?

Kocher: Es kommt darauf an, wie man besser definiert. Sieht man es ganzheitlich, also wie angenehm ist das Leben, muss das Ziel von Politik sein. Rein ökonomisch geht es uns besser, wir können uns mehr leisten. Wenn sich der Nachbar aber noch mehr leisten kann, fühle ich mich vielleicht trotzdem schlechter. Objektiv gesehen geht es den Jungen heute besser. Es kommt aber darauf an, wo man in der Verteilung steht.

STANDARD: Warum sind viele dann so unzufrieden und verunsichert?

Kocher: Ein Problem sind die Erwartungen. Die 60er und 70er waren großteils eine sehr positive Zeit. Trotz vieler Konflikte und Krisen war die Stimmung positiv. Weil man sehr hohe Wachstumsraten hatte und die Zukunft gut erschien. Uns geht es heute objektiv besser, der Ausblick ist aber nicht so positiv. Und das ist ja auch tatsächlich realistisch. Es wird die nächsten zehn, 15 Jahre nicht so hohe Wachstumsraten geben wie damals. Die Welt ist heute sicherer als damals, es gibt weniger Terrortote, Morde, Kriminalität. Die Ansprüche sind heute ganz andere.

STANDARD: Hat die Verunsicherung nicht auf wirtschaftliche Gründe? Etwa die Globalisierung?

Kocher: Österreich hat von der EU, der Osterweiterung und der Globalisierung profitiert. Wir reden aber immer nur über den Durchschnitt. Es gibt zehn bis 20 Prozent, die nicht profitiert haben und auch jetzt nicht profitieren. Das ist sehr wichtig, wurde aber vernachlässigt. Die Politik der EU ist eine für Leute mit höherer Bildung, die mobil und viel im Ausland sind und sich das auch leisten können. Andere profitieren indirekt, sie haben ihren Job vielleicht nicht verloren, weil mehr exportiert wurde.

STANDARD: Wer sind die Verlierer?

Kocher: Junge Leute, die schlecht ausgebildet sind. Alleine durch die Öffnung der Märkte in China hat es auf einmal hunderte Millionen mehr Arbeitnehmer gegeben. Jede Firma konnte plötzlich nach China gehen, dadurch sinkt der Preis von Arbeit. Das war direkte Konkurrenz für diese Gruppe. Auf sie muss man am meisten Augenmerk legen.

STANDARD: Wie kann man ihnen helfen?

Kocher: Durch Aus- und Weiterbildung. Man muss aber früher anfangen. Viel zu viele Kinder können nach der Schule nicht richtig lesen und schreiben. Man muss die Kindergärten besser ausstatten, sich mehr um Migrantenkinder kümmern, das Personal besser ausbilden und bezahlen. Es müssen nicht alle Kindergärtnerinnen und Kindergärtner auf die Uni, aber es sollte jedenfalls die Möglichkeit geben. Auch ein zweites verpflichtendes Kindergartenjahr ist da eine Option. Die wichtigsten Jahre sind die vom Kindergarten bis zur Ende der Volksschule. Man kann über eine große Bildungsreform nachdenken, davon reden wir aber seit 20 Jahren. Es ist realistischer, das bestehende System zu optimieren.

STANDARD: TTIP scheint zumindest für unbestimmte Zeit tot zu sein. Macht Sie das als Ökonom traurig?

Kocher: Politisch ist es klug, es auf die Seite zu legen. Es gibt keine Mehrheiten. Grundsätzlich ist Freihandel positiv, TTIP geht aber weit über ein Freihandelsabkommen hinaus. Teile sind sicher gut, etwa die Vereinheitlichung von Standards, die ähnlich sind. Es besteht aber die Gefahr, dass Niveaus abgesenkt werden. Sich über eine stärkere Integration der beiden Wirtschaftsräume Gedanken zu machen, ist aber sinnvoll. Man könnte das aber völlig neu denken. Man muss nicht fünf Jahre hinter verschlossenen Türen verhandeln und am Ende steht ein 20.000-seitiger Vertrag, den nur mehr fünf Spezialverhandler verstehen.

STANDARD: Die Arbeitslosigkeit ist in Österreich so hoch wie nie zuvor. Was kann man kurzfristig tun?

Kocher: Nichts. Wegen der Osterweiterung der EU hatten wir in der Vergangenheit mehr Wachstum und Jobs. Das ist weg. Jetzt liegt auch noch die Finanzkrise hinter uns. Gleichzeitig gibt es aber immer noch einen starken Drang auf den Arbeitsmarkt. Wenn man diese drei Dinge zusammennimmt, ist es klar, dass die Arbeitslosigkeit steigt. Wir müssen uns darauf einstellen, dass wir nicht auf das Niveau von vor fünf, sechs Jahren zurückkommen. Langfristig braucht es eine Bildungsoffensive.

STANDARD: Alle internationalen Organisationen raten Österreich zu mehr Vermögens- und weniger Lohnsteuern. Sie auch?

Kocher: Ja, unter zwei Bedingungen. Erstens muss das mindestens aufkommensneutral sein, die Steuern sind schon sehr hoch. Und es muss sinnvoll administrierbar sein. Eine Möglichkeit ist eine Erhöhung der Grundsteuer, die sehr niedrig ist. Eine andere die Erbschaftssteuer, die halte ich nicht für unbedingt notwendig. Wenn man sie aber macht, sollte der Steuersatz niedrig sein und es dafür kaum Ausnahmen geben. Eine jährlich zu bezahlende Vermögenssteuer ist extrem schwierig, Besitz ist schwer zu bewerten. Die halte ich nicht für richtig.

STANDARD: Ist die Schere zwischen Arm und Reich hierzulande zu groß?

Kocher: Der Abstand zwischen ganz oben und ganz unten ist sehr groß geworden. Da würde ich sagen: zu groß. Wir verteilen in Österreich viel von der Mitte zur Mitte. Wenn wir mehr zu den unteren fünf bis zehn Prozent umverteilen, wäre es besser. Auch viele Förderungen sind zu hinterfragen. (Sator, 2.9.2016)

Der Österreicher Martin Kocher (42) ist seit 1. September Chef des Instituts für Höhere Studien (IHS). Der Verhaltensökonom unterrichtet an der LMU München.

  • Früh beginnende Aus- und Weiterbildung sind für Ökonom Kocher Kernfaktoren gegen Armut.
    foto: apa / helmut fohringer

    Früh beginnende Aus- und Weiterbildung sind für Ökonom Kocher Kernfaktoren gegen Armut.

  • Kocher: "Man muss die Kindergärten besser ausstatten, sich mehr um Migrantenkinder kümmern, das Personal besser ausbilden und bezahlen."
    foto: reuters/kai pfaffenbach

    Kocher: "Man muss die Kindergärten besser ausstatten, sich mehr um Migrantenkinder kümmern, das Personal besser ausbilden und bezahlen."

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