Schneeberger: "Serie wie 'Vorstadtweiber' wäre in Deutschland unmöglich"

Interview18. September 2016, 09:00
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Wie die TV-Ikone Gerhard Polt entdeckte und was ihr am ORF gefällt

STANDARD: In dem Film "Bergfried" geht es um ein dunkles Kapitel verdrängter Kriegsvergangenheit. Was hat Sie an dem Stoff interessiert?

Schneeberger: Mir war in dem Ausmaß nicht bekannt, wie sich die Nationalsozialisten in Italien aufgeführt haben. Der Film zeigt das nicht schulmeisterlich, sondern auf Grundlage einer persönlichen Geschichte. Ich schätze die Zusammenarbeit mit Jo Baier, weil er auch kleinere Rollen ernst nimmt und ein genaues Auge hat.

STANDARD: Gutes Stichwort: In der ersten Einstellung sieht man Sie in Nahaufnahme, und da zeichnen sich unter der Unterlippe deutlich sichtbare Härchen ab. Normalerweise wird so etwas unsichtbar gemacht. Wussten Sie das nicht?

Schneeberger: Ich habe den Film noch nicht gesehen. Man sieht, dass ich einen Damenbart habe? Ja, den habe ich wohl auch in echt! Anscheinend hat der Jo bewusst nichts gesagt. Ich finde das auch nicht schlimm, weil ich mich für die Rolle sowieso noch einmal älter machen habe lassen, als ich bin, und da gehört das dazu. Ich bin zwar privat sehr eitel, aber wenn so ein Detail für eine Figur so glaubhaft sein muss, werde ich mich dagegen nicht sperren.

STANDARD: Worin äußert sich Ihre private Eitelkeit?

Schneeberger: Dass ich immer aus dem Haus gehe und etwas geschminkt bin. Ich maschele mich nicht unbedingt auf, ziehe aber gerne Sachen an, die mir gefallen.

STANDARD: Und wenn Sie auf die Straße gehen, und die Menschen erkennen Sie – ist Ihnen das recht?

Schneeberger: Das kommt immer auf die persönliche Laune an. Mir ist ehrlich noch nie etwas Unangenehmes passiert, aber manchmal wäre ich vielleicht ganz gerne ein bissl anonymer in der Stadt unterwegs. Und manchmal erkennen mich die Leute erst, wenn ich meinen Mund aufmache. Ich habe mich mittlerweile daran gewöhnt, und meistens lächeln sie mir verstohlen zu. Ich möchte umgekehrt nicht in einem abgekapselten Leben sein und fahre nach wie vor Bus und U-Bahn.

STANDARD: Das klingt, als sei Ihnen Ihre Berühmtheit einmal nicht so angenehm gewesen.

Schneeberger: Ich musste mich eben daran gewöhnen, und jetzt habe ich mich daran gewöhnt und empfinde es als völlig normal. Mir geht es ja auch so: Wenn ich jemanden nur vom Fernsehen kenne, drehe ich mich auch um. Da bin ich genauso neugierig.

STANDARD: Stolz sind Sie gar nicht auf sich?

Schneeberger: Manchmal bin ich auch stolz auf mich, und natürlich hat es ja auch Vorteile, wenn man ein bissl hofiert wird, das schmeichelt ja auch.

STANDARD: Sie sind vielen ein Idol des deutschen Fernsehens mit seiner großen Tradition des bayerischen Humors. Wie lernten Sie eigentlich Gerhard Polt kennen?

Schneeberger: Über den Regisseur Hanns Christian Müller, mit dem ich damals verheiratet war. Er ist im Vorderhaus aufgewachsen, der Gerhard im Hinterhaus. Jahre später trafen sie einander wieder, da war mein Mann in der Regieklasse, Gerhard war ausgebildeter Skandinavistik-Übersetzer. Wir wollten mit Jochen Busse ein kleines Theaterstück machen, der hatte dann aber ein anderes Engagement, und ich schlug den Gerhard für die Rolle vor. Ich habe ihn entdeckt, und das wird auch offiziell von ihm bestätigt, weil ihn ganz viele entdeckt haben wollen.

STANDARD: Sie wurden gehandelt als Liesl Karlstadt und Karl Valentin. Zielten Sie auch darauf ab?

Schneeberger: Das ist ein großes Lob, aber so ein bissl war das schon. Ich kannte von Karl Valentin anfangs gar nicht so viel, aber Gerhard hat ihn aufgesogen, diesen Blick für die Absurditäten des Alltags.

STANDARD: Sie sind gewohnt, Ihre Figuren selbst zu entwickeln – wie war das beim "Monaco Franze"?

Schneeberger: Ich bin dankbar, wenn der Regisseur selbst gute Ideen hat, aber im Grunde will ich immer sagen, wie meine Figur ist. Ich habe einen guten Instinkt für Situationen. Als Helmut Dietl mich engagierte, war ich unbekannt. Er weiß, wie man richtig besetzt, und er ist ein Regisseur, dem man jede Regieanweisung glaubt. Die meisten Schauspieler waren nie wieder so gut wie bei ihm.

STANDARD: Sie aber doch schon?

Schneeberger: Ich musste mich erst entwickeln. Wenn ich heute die ersten Folgen von "Fast wia im richtigen Leben" sehe, da wüsste ich vieles, das ich heute besser machen würde. Erst in den letzten Folgen habe ich gemerkt, je weniger ich mache, umso besser ist es.

STANDARD: Ihre Figur in "Bergfried" ist vielschichtiger als sonst, wo ganz oft ältere Frauen entweder auf Heilige oder Hexe reduziert werden. Okay für Sie?

Schneeberger: Ich habe seit Jahren einen Film über eine ältere Frau im Kopf, die mit allen Konventionen bricht. Sie ist saufrech und grantig, weil mich das Frauenbild im deutschen Unterhaltungsfernsehen sehr stört. Zurzeit sind Frauen in Mode, die eine Trennung hinter sich haben, dann in ein tiefes Loch fallen, sich wieder aufraffen, dann noch einmal einen Tiefschlag haben, und am Ende ist alles gut. Es gibt viel zu wenige wirklich wahrhaftige Figuren. Vor allem wäre mir wichtig, dass so ein Film kein Happy End hat. Happy Ends sind fast immer unrealistisch.

STANDARD: Das glückliche Ende scheint im deutschen Unterhaltungsfernsehen unverzichtbar.

Schneeberger: Absolut! Eine Serie wie diese "Vorstadtweiber" wären in Deutschland unmöglich. Deshalb liebe ich oft das österreichische Fernsehen, weil es unkonventioneller ist. (Doris Priesching, )

Gisela Schneeberger (68) spielte mit allen Größen des bayerischen Fernsehens, zuletzt unter der Regie von Paul Harather in "Im Schleudergang". ORF 2 zeigt "Bergfried" am 21. September um 20.15 Uhr.

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  • Im Geschichtsdrama von Jo Baier spielt Gisela Schneeberger eine steirische Dorfbewohnerin, die einem jungen Italiener hilft: Er sucht den SS-Mann, der vor Jahren in Italien seine ganze Familie ermordet hat. Einer der Alten im Dorf muss es sein.
    foto: orf/epo film/petro domenigg

    Im Geschichtsdrama von Jo Baier spielt Gisela Schneeberger eine steirische Dorfbewohnerin, die einem jungen Italiener hilft: Er sucht den SS-Mann, der vor Jahren in Italien seine ganze Familie ermordet hat. Einer der Alten im Dorf muss es sein.

  • Gisela Schneeberger mit Gerhard Polt bei Dreharbeiten zu dem Film "Und Äktschn!".
    foto: dpa/tobias hase

    Gisela Schneeberger mit Gerhard Polt bei Dreharbeiten zu dem Film "Und Äktschn!".

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