Pro und Kontra: Deutschkurs in jedem Flüchtlingsheim

Kommentar1. September 2016, 17:24
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Sollen Quartiergeber auch für Deutschkurse zuständig sein?

PRO: Lehren statt bloß betreuen

von Conrad Seidl

In Österreich gibt es eine unselige Tradition von Betreuung. Betroffen sind alle, die in die genormten Vorstellungen der Gesellschaft nicht hineinpassen – vom noch unselbstständigen Kleinkind bis zum wieder unselbstständig gewordenen Greis, vom Menschen mit allen möglichen körperlichen und psychischen Einschränkungen bis eben hin zu Schutzsuchenden, die nach langer Flucht in Österreich auf Bleiberecht hoffen.

Für all diese Personengruppen wird "Betreuung" organisiert – was oft ein Euphemismus dafür ist, dass man die Betroffenen aus den Augen und aus dem Sinn haben will. Glücklicherweise hat es vielfach ein Umdenken gegeben: Man hat den Bildungsbedarf von Kleinkindern entdeckt, man nimmt auf die Menschenwürde von Alten, auf die Bedürfnisse behinderter Menschen Rücksicht und schiebt sie eben nicht in irgendwelche "Betreuung" ab.

Bei den Flüchtlingen mahnt Verteidigungsminister Hans Peter Doskozil einen ähnlich geschärften Blick ein: Reicht es, sie in irgendwelchen abgesandelten Frühstückspensionen und ihrer Sterne entkleideten Hotels unterzubringen? Nein, da braucht es mehr als die Basisversorgung mit einem Dach über dem Kopf und einer Suppe im Essgeschirr.

Diese Menschen brauchen den Ansporn, Deutsch zu lernen. Wer ihnen – gegen sonst auf dem Markt nicht erzielbare Bezahlung – Quartier gibt, soll auch mehr als diese Grundbetreuung organisieren müssen. (Conrad Seidl, 1.9.2016)

KONTRA: Aus der Pflicht stehlen

von Gerald John

Die Zeugnisse gescheiterter Integration sind nicht zu überhören. Wer mit Flüchtlingen zu tun hat, trifft immer wieder Menschen, die lange in Österreich sind, aber dennoch nur gebrochen Deutsch sprechen. Das liegt nicht zuletzt daran, dass viele während der monate- bis jahrelangen Zeit des Wartens auf den Asylbescheid weder die Chance auf einen ernstzunehmenden Sprachkurs noch die Verpflichtung zu einem solchen hatten. Asylwerber, die in den Genuss eines Kurses kamen, verdankten das privaten Aktivisten und den Initiativen einzelner Länder. Die Bundesregierung wachte erst vor wenigen Wochen auf.

Hans Peter Doskozil würde für seinen Ruf nach mehr Deutschkursen auf dem Land deshalb Applaus gebühren – wenn er sich nicht im selben Atemzug aus der Verantwortung gestohlen hätte. Nicht der Staat, sondern die Betreiber der Asylwerberquartiere sollten die nötigen Kurse organisieren, fordert der Minister, aber bitte schön ums selbe Geld, um das sie bisher die Grundversorgung erledigten.

Was nichts kosten darf, wird auch nicht viel wert sein: Der aktuelle Tagsatz kann unmöglich reichen, um Kurse von vernünftiger Qualität auf die Beine zu stellen. So mancher Quartierbetreiber wird da lieber gleich abspringen.

Bildung anzubieten zählt zu den wichtigsten Staatsaufgaben – und der neunfach ausgebaute Apparat des föderalen Österreichs sollte wahrlich groß genug sein, um dieses Angebot bis ins letzte Tal hinein zu organisieren. (Gerald John, 1.9.2016)

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