Jon Ronson: Menschen, die auf Twitter starren

2. September 2016, 07:00
11 Postings

Der britische Autor untersucht in seinem etwas unglücklich betitelten Buch "In Shit-Gewittern" den neuen Trend in Social Media, gemeinsam mit die eigene Meinung verstärkenden Freunden die Moralkeule zu schwingen

Wien – Ob es einen gesunden Menschenverstand gibt, ist umstritten. Spätestens seit dem Auftauchen der Dampflokomotive heißt es nicht umsonst, dass mit jedem Zug ein Blöder kommt. Und wenn die Blöden irgendwann mehr werden, werden sie irgendwann zur Mehrheit. Das ist insofern problematisch, weil sich die Mehrheit traditionell im Recht fühlt, obwohl sie das nicht sagen muss, weil sie eine schweigende ist.

Tatsache ist auch, dass die sogenannte schweigende Mehrheit spätestens seit dem Auftauchen von Social Media endlich jene kräftige eigene Stimme bekommen hat, die vorher an ihrer statt von diversen Krawallmedien eingesetzt wurde, um das laute Schweigen durchzusetzen. Am besten, einfachsten und daheim im Schutz der zugesperrten Wohnungstür und meist auch noch hinter irgendwelchen Pseudonymen verschanzt, wird vor allem über Twitter eine neue Form des Prangers betrieben, die laut Jon Ronson auf mehreren Grundvoraussetzungen beruht.

Britischer Michael Moore

Journalist, Dokumentarfilmer und Radiomoderator Jon Ronson ist so etwas Ähnliches wie das britische Gegenstück zum US-Kollegen Michael Moore, aber mit feinerem Humor. Er hat sich schon in der Vergangenheit mit heftigen Themen auseinandergesetzt. Von Ronson stammt nicht nur die irrerweise tatsächlich auf Fakten beruhende Sachbuchvorlage für die New-Age- und Psycho-Soldatenkomödie Männer, die auf Ziegen starren (und mittels Willenskraft durch Wände gehen wollen). Zuletzt kam er in seiner im Zeichen der antisozialen Persönlichkeitsstörung stehenden Reise Die Psychopathen sind unter uns (Ein Roadtrip durch die Psyche "normaler" Menschen) der ganzen Sache mit dem gesunden Menschenverstand, der Stimme der schweigenden Mehrheit und dem Wahnsinn und der Blödheit in uns allen schon gefährlich näher und nahe.

Jetzt liegt mit einjähriger Verspätung Jon Ronsons im angloamerikanischen Raum damals von der New York Times bis zum britischen Independent und Guardian hochgelobte Twitter-Studie So you've been publicly shamed auf Deutsch vor.

Unter dem selten blöden Titel In Shit-Gewittern – Wie wir uns das Leben zur Hölle machen (Tropen-Verlag) geht es zwar kurzweilig, aber heutzutage wahrscheinlich schon wieder tödlich ernst(haft) nicht nur um das Wiederauftauchen des Scham- und Schandebegriffs. Es geht anhand diverser berühmter Fallbeispiele aus der Twitter-, Facebook- und Medienwelt auch um sogenannte Shitstorms. Ausgehen tun diese von einer Kultur, die sich von der vor einigen Jahren noch dominierenden Beschwerde mittlerweile auf das Beleidigt-, Verletzt- und Angegriffenwerden sozusagen "passiv-aggressiv" verlegt hat.

Die Moralkeule auspacken

Im Schutz einer "Wertegemeinschaft", die als perfekt geschmierte Schwarmintelligenz (und oft auch unter dem Schutz der sehr gern von allen Seiten missbrauchten politischen Korrektheit) ständig nach neuen Aussagen und Ansichten jagt, über die man sich moralisch entrüsten kann, wird die Moralkeule ausgepackt. Die gesunde Watsche, der neue elektronische Puritanismus verstärkt sich in dieser der reinen Selbsterhebung und dem Alarmismus dienenden Welt voller Gut und Böse über ein Phänomen, das Jon Ronson sehr gut herausarbeitet. Es sind die aus der Sozialpsychologie bekannten Feedbackschleifen, auf die bei Twitter und Facebook immer alle so scharf sind.

Die Formate dienen als riesige soziale Echokammern, in denen die Zustimmung und Bestärkung der eigenen Ansichten durch gleichgesinnte Follower und Freunden eigene Meinungen einzementieren. Dass sogenannte Täter, also Auslöser eines Shitstorms, mitunter zu Opfern werden, denen man keine Gnade, geschweige denn Rehabilitation zugesteht, wird in Kauf genommen. Die Mehrheit hat immer recht. Die Mehrheit ist der Maßstab. (Christian Schachinger, 2.9.2016)

Jon Ronson
In Shit-Gewittern

Wie wir uns das Leben zur Hölle machen
Tropen Verlag 2016
330 Seiten, 14,95 Euro

  • Artikelbild
    foto: istock
Share if you care.