Dornbirn: Familie und Bürgermeisterin, das geht

Bericht19. September 2016, 12:00
3 Postings

Andrea Kaufmann (VP) wechselte von der Landesregierung in die Kommunalpolitik. Weil sie als Bürgermeisterin von Dornbirn mehr gestalten kann

Dornbirn – Andrea Kaufmann residiert in Eiche-Rustikal. Schwer und altbacken wirkt das Mobiliar. Das Dornbirner Bürgermeisterzimmer will nicht recht zur Frau passen, die seit 2013 darin arbeitet. Ja, sie habe ziemlich alles unverändert gelassen, lacht die 47-Jährige. "Stimmt, es schaut aus wie zu Zeiten von Wolfgang Rümmele." Seit sie den wegen seiner humorvollen Art allseits beliebten Langzeitbürgermeister 2013 abgelöst hat, gab es für die frühere Kulturlandesrätin Wichtigeres als das Ambiente ihres Büros.

Die Volkswirtin ist die erste und einzige Bürgermeisterin einer Vorarlberger Stadt, noch dazu der größten Kommune des Bundeslandes. Knapp 50.000 Menschen wohnen in Dornbirn, Kaufmann verantwortet ein Budget von 260 Millionen Euro. Sie ist die mächtigste Frau im Land.

So habe sie das noch nicht gesehen und möchte es auch nicht, reagiert Andrea Kaufmann stirnrunzelnd auf diese Feststellung. Macht sei relativ, sie überzeuge lieber durch Argumente. Dass sie nach vier Jahren aus der Landesregierung in die Stadt gewechselt sei, habe viele erstaunt, erzählt Kaufmann. Ihr Motiv: "Ich will gestalten, das kann man als Bürgermeisterin mehr als in der Landesregierung."

Familienarbeit teilen

Die Dornbirner Bürgermeisterin wurde quasi in die Volkspartei hineingeboren. Ihr Vater Wolfgang Blenk war langjähriger Nationalratsabgeordneter. Über die JVP und den ÖAAB kam Andrea Kaufmann mit Mitte 20 in die Kommunalpolitik. 14 Jahre lang betreute sie als Stadträtin die Ressorts Kultur, Bildung, Familie, brachte in dieser Zeit vier Kinder auf die Welt. "Natürlich gab es kritische Stimmen gegen eine Frau mit vier Kindern als Bürgermeisterin", bedauert Kaufmann und fügt an, dass die Berufstätigkeit von Müttern immer noch nicht selbstverständlich sei.

Kaufmann plädiert für die Aufteilung der Familienarbeit: "Es sollte möglich sein, dass beide Eltern ihre Berufstätigkeit auf 70 Prozent reduzieren – für ein, zwei, drei Jahre." Da müsse aber die Wirtschaft noch flexibler werden, und Männer sollten sich zudem nicht mehr über die Länge der Arbeitszeit definieren, sagt Kaufmann. Den Einwand, Politiker gingen da nicht mit gutem Beispiel voran, lässt sie gelten. "Ich arbeite auch zu viel, aber ich bin nicht stolz darauf, sondern weiß, dass ich das wieder runterfahren sollte."

Dass berufstätige Eltern die entsprechende Betreuungsinfrastruktur brauchen, ist für Kaufmann selbstverständlich. "Das ist nicht nur ein familienpolitisches Argument. Angebote für Familien sind längst wesentliche Kriterien für Betriebsansiedlungen." Und Standortpolitik sei schließlich einer ihrer Schwerpunkte. Im eigenen Haus, die Stadt beschäftigt inklusive der Gesundheitsbetriebe 1.800 Menschen, biete man flexible Arbeitszeiten.

Frühe Hilfen für Familien

Was Familien und Kinder brauchen, erfahre sie tagtäglich. "Mit meinen Kindern habe ich alle Bildungsphasen durchgemacht, Kindergarten, Volksschule, Unterstufe, Oberstufe. Dadurch habe ich direkten Einblick ins Bildungssystem." Ein Riesenvorteil sei das, "man hört in den Gesprächen mit anderen Eltern, wo es drückt. Wo Nachhol- und Verbesserungsbedarf besteht." Mittlerweile bekomme sie auch die Wünsche an die Jugendpolitik mit. "Ich bin da sehr geerdet."

Über die Tagespolitik hinauszudenken, ist eines der wichtigsten Anliegen der Bürgermeisterin. So wird im Herbst das Pilotprojekt "Dornbirn lässt kein Kind zurück" gestartet. Familien sollen durch frühe Hilfe vor Krisensituationen bewahrt werden. "Wir wissen, dass zehn bis 15 Prozent der Familien erschwerte Startbedingungen haben, da wollen wir durch gute Unterstützung von Anfang an helfen."

Über die Stadtgrenzen schauen

Ein Zukunftsprojekt, für das Andrea Kaufmann brennt, ist die Bewerbung der Rheintalstädte zur Europäischen Kulturhauptstadt 2024. "Da geht es weit über das Thema Kultur hinaus um das Generalthema, wie wir künftig im Rheintal zusammenleben können." Einen Schritt in die Zukunft habe man durch den Diskussionsprozess, an dem sich alle Städte beteiligen, bereits gemacht. "Es ist eine unglaubliche Dynamik in der Zusammenarbeit entstanden. In diesem kleinen Land gegeneinander zu agieren macht keinen Sinn. Auch wenn es nicht zu einer Bewerbung kommt, allein der Diskussionsprozess war schon ein Gewinn."

Bessere Rahmenbedingungen für Städte erhofft sie sich durch Neuordnung des Finanzausgleichs: "Eine Kompetenzbereinigung wäre mein Wunsch. Die Zuständigkeiten von Land, Bund, Gemeinden sollten klar definiert werden." Denn Kommunen müssten immer mehr Aufgaben übernehmen, "hier stimmen die Proportionen nicht mehr". (Jutta Berger, 19.9.2016)

Stadtvertretung Dornbirn, 36 Mandate: Dornbirner Volkspartei (16) , Dornbirner SPÖ (sieben), FPÖ Dornbirn (sechs), Dornbirner Grüne (fünf), Neos Dornbirn (zwei).

  • Andrea Kaufmann (47) regiert Dornbirn, Vorarlbergs größte Stadt.
    foto: stadt dornbirn

    Andrea Kaufmann (47) regiert Dornbirn, Vorarlbergs größte Stadt.

Share if you care.