TAG-Spielplan: Das Unwahrscheinliche gelingen lassen

1. September 2016, 13:29
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Das Theater an der Gumpendorfer Straße startet barrierefrei mit Adaptionen von u. a. Lesssings "Nathan" in die neue Spielzeit und warnt vor Kürzung des Kulturbudgets

Wien – "Entschleunigung, Einfachheit, Effizienz, Ensemble", so beschreibt Ferdinand Urbach, kaufmännischer Geschäftsführer des Theaters an der Gumpendorfer Straße (TAG), die Stützen seines Hauses. Im Mai sind er und Gernot Plass (als künstlerischer Geschäftsführer) bis 2021 verlängert worden. Das Konzept, Klassiker zu überschreiben und gleichzeitig Theatermacher (vom weißen Blatt Papier bis zur Premiere alles aus einer Hand) ans Haus zu holen, setzen sie heuer in zehn Schauspielproduktionen fort.

Klassiker, neu geschrieben

Den Anfang macht am 8. Oktober Lessings Nathan der Weise in einer Bearbeitung von Thomas Richter: Nathan – Ein Ring ist ein Ring ist ein Ring fokussiert einerseits auf die drei clownesken Ring-Erben, zum anderen auf Nathans Tochter Recha als linke Revolutionärin.

Einen Abriss der Rezeptionsgeschichte von H. G. Wells' hierzulande eher unbekanntem zweitem Hauptwerk Die Insel des Dr. Moreau unternimmt das TAG in Kooperation mit Mara Mattuschkas The Practical Mystery in Die Inseln des Dr. Moreau (Premiere 2. 11.). Der Nachmittag der lebenden Toten (ab 3. 12.) bezieht sich nicht nur im Titel auf den Horrorfilm von George A. Romero, sondern verlegt diesen in ein Investitionsobjekt im 7. Wiener Gemeindebezirk: Die Zombies werden zu Bobos und zur Metapher für ein absinkendes soziales Klima.

Den Reigen der Uraufführungen beenden dann im neuen Jahr die Kleist-Adaption (Ein) Käthchen.Traum ("die erste Stalkerin der Literaturgeschichte", meint Plass, dessen Feder die Bearbeitung entstammt) und Weiße Neger sagt man nicht, eine Bearbeitung von Nestroys Talisman, die statt der Haar- die Hautfarbe zum inkriminierten Merkmal macht und den Stoff so ins Heute holt.

Wiederaufnahmen wie die von Ed. Hauswirths 2014 mit dem Nestroy ausgezeichneten Stück Der diskrete Charme der smarten Menschen, das bisher schon "fast 70-mal vor ausverkauftem Haus gespielt" wurde, komplettieren das Schauspielprogramm.

Improtheater und Co

Ganz am Anfang der Spielzeit steht aber das zum fünften Mal im TAG abgehaltene internationale Improvisationstheaterfestival "Moment!" vom 15. bis zum 20. September. Täglich stattfindende Shows komplettieren das Angebot an Workshops.

Zudem findet an mehreren Terminen (16. 10., 20. 11., 18. 12.) auch heuer wieder der Tagebuch-Slam statt.

Zahlen und Fakten

770.000 Euro Förderung von der Stadt Wien erhält man für die kommende Spielzeit, so die beiden Leiter – die stolz sind, damit, anders als vergleichbar dotierte Häuser, ein fixes fünfköpfiges Ensemble erhalten zu können, das mit Nancy Mensah-Offei einen Neuzugang verzeichnen konnte.

Die Eigendeckung der vergangenen Saison liegt übrigens bei 19,3 Prozent, 17.359 Besucher ("um 60 mehr als im Vorjahr") brachten – bei einem leichten Rückgang aufgrund einer gestiegenen Zahl an Aufführungen – 80,02 Prozent Auslastung. Die könnte in Zukunft u. a. steigen, weil das TAG dank Treppenlift nun vollständig barrierefrei zugänglich ist.

Eine Warnung sprachen Urbach und Plass hinsichtlich des städtischen Kulturbudgets aus und warnten vor Sparbestrebungen – auch an den großen Häusern. "Bei Häusern, die so an der öffentlichen Hand hängen, ist natürlich jede Einsparung eine Katastrophe", so Plass.

Zudem behindere das Förderwesen mit kurzen Fristen die Planungshorizonte der freien Szene, die durch die Vorgabe, Förderungen innerhalb eines halben Jahres umzusetzen, wegen Raum- und Terminproblemen in Nebenspielplätze wie Galerien gedrängt werde. "Da hast du Geld und kannst etwas machen, und die Theater sind voll – was die Freien dann wieder dazu zwingt, irgendwelche Pissoirs zu bespielen", so Plass.

Das Unwahrscheinliche gelingen lassen, so umschrieb Plass schlussendlich die Arbeit des Theatermenschen. Das TAG arbeitet dran. (wurm, 1.9.2016)

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