"Testo Junkie": Geschlecht ist nur ein Artefakt

Rezension2. September 2016, 07:38
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Der Körper als Plattform für Experimente: In "Testo Junkie" beschreibt Paul B. Preciado Selbstversuche mit Testosteron

Es beginnt einfach, wenn auch nicht harmlos: Wir schreiben das Jahr 2005, und die Philosophin, Gender-Aktivistin und Theoretikerin Beatriz Preciado nimmt – ohne medizinische Anleitung und ohne eine Umwandlung zum "Mann" zu intendieren – Testosteron als Gel, das sie auf die Haut aufträgt. Sie beginnt diese Aktion unter dem Eindruck des Todes ihres Schriftstellerfreundes Guillaume Dustan (im Buch als G.D. bezeichnet) und einer beginnenden Liebes- und Sexbeziehung zu der Filmemacherin Virginie Despentes (im Buch V.D.).

Testosteron in synthetischer Form ist verschreibungspflichtig, ohne weiteres kann eine Frau also nicht an zusätzliche, nicht körpereigene Androgene kommen, es sei denn, es liegen medizinische oder psychologische Gründe vor, etwa eine ärztlich diagnostizierte Transsexualität. Für Preciado ist das der Skandal, denn er/sie identifiziert sich weder als Frau noch als Mann und auch nicht als transsexuell.

Pharmapornografisch

So wird Testosteron für ihn/sie zur illegalen Droge, und "Testo Junkie" selbst entwickelt sich zu einem Schreibrausch, der alle Genregrenzen sprengt. Das Buch enthält eine Theorie über postfordistischen Kapitalismus, es ist politisches Pamphlet, rasende Polemik gegen Geschlechterregime und ein teilweise ins Poetisch-Romanhafte, teilweise ins Pornografische gehender Bericht über die eigenen sexuellen Befindlichkeiten.

Preciado beschreibt ihre Testosteroneinnahme als politisch-erotischen Akt, es ist eine Anverwandlung, "T. werden", schwul werden wie G.D., Drogen nehmen, Droge sein und – Pardon – V.D. ficken. Hier fließt alles in eins, und daher ist auch nicht so ganz klar, wie viel von der Rage am Testosteron liegt und wie viel an der Liebesbeziehung zu V.D., in der Preciado alle erdenklichen Dildogrößen ausprobiert. Der Text erweitert auf erstaunliche Weise die Vorstellung dessen, was Sex ist oder sein kann. Bei Preciado wird der ganze Körper – mit allem, was zur Verfügung steht: Zunge, Finger, Hände, Mund, Anus – zu einem Fluidum polymorpher Geschlechtsorgane.

Eigentlicher Kern des Ganzen ist aber Preciados These, die Welt sei spätestens seit Mitte des 20. Jahrhunderts einem "pharmapornografischen Regime" unterworfen, das die Körper durch und durch reguliere. "Pharmapornografisch" heißt dieses System, weil pharmazeutisch-synthetische Stoffe und eine intendierte Lustproduktion die Gesellschaft wie zwei Tentakel im Griff hätten.

Nichts mehr natürlich

Mit Berufung auf einen erheblichen Theorieapparat beschreibt Preciado, dass es im derzeitigen postfordistischen Kapitalismus nicht mehr um die Produktion von Gütern gehe, sondern um die Produktivmachung und Ausbeutung unserer Genussfähigkeit, der "potentia gaudendi".

Arbeit ist demnach die Herstellung von Erregung, die allerdings der Logik der Sucht folge, also keine Befriedigung verschaffe, sondern einen endlosen Zyklus von "Erregung – Frustration – Erregung" in Gang setze. In diesem System sind wir alle Produzentinnen und Konsumentinnen zugleich – also im echten oder übertragenen Sinne Sexarbeiter. Teilweise lesen sich die Schilderungen Preciados wie paranoide Szenarien, teilweise sind sie erschreckend plausibel.

In dem den Körper durchdringenden "Biokapitalismus" wird alles zum Artefakt. Von der Onkomaus über die Botoxbehandlung bis zur Reproduktionsmedizin ist nichts mehr natürlich. Ausführlich kann man im Buch nachlesen, wie sich historisch die Entdeckung und synthetische Herstellung von Geschlechtshormonen abspielte – dies geschah teilweise mit obskuren Experimenten, etwa durch Transplantation von Hodengewebe in Hennen oder kastrierte Ratten.

Theoriegeraune

Beschrieben ist im Buch auch die Entwicklung der Antibabypille, die überdies zunächst nicht an US-Amerikanerinnen, sondern an Frauen in Puerto Rico getestet wurde. Was Verhütungsmethoden und überhaupt Körperpolitik betrifft, geht Preciado hart mit dem liberalen Feminismus ins Gericht, der sich zum Vollzugsgehilfen des herrschenden Regimes gemacht habe. Einfallsreich sind die Alternativen, die Preciado für die Antibabypille einfallen, etwa Sexstreiks, Abbinden der Eileiter, Infantizid oder eben: eine monatliche Mikrodosis Testosteron verabreichen.

Der pharmazeutische Selbsttest Preciados, die sich heute mit Vornamen "Paul" nennt, ist politisches Programm. Der Körper müsse zu einer Experimentierplattform werden, sich selbst freiwillig vergiften, denn Widerstand gegen das System sei nur möglich, indem man sich die pharmazeutischen und pornografischen Mittel anarchistisch aneigne und sie selber verwalte.

Wie gesagt, "Testo Junkie" ist ein Rausch, das Buch – das bereits 2008 auf Spanisch und Französisch erschien und 2013 in einer englischsprachigen Ausgabe – versteht sich selbst als "Punk", strebt also nicht das Prädikat "wertvoll" an. Lange war die deutsche Übersetzung angekündigt und verschob sich immer wieder, was in Anbetracht des teilweise nebulösen Theoriegeraunes nicht verwundert. Die Lektüre aber lohnt sich, denn dieses Buch ist anstrengend, ärgerlich, verstörend, extrem vielschichtig und daher auf ungewöhnliche Weise inspirierend. (Andrea Roedig, 2.9.2016)

Andrea Roedig ist Mitherausgeberin der Zeitschrift "wespennest". Das aktuelle Heft zum Thema "Testosteron" enthält u. a. Beiträge von Michael Kumpfmüller, Peter Rehberg, Klaus Theweleit, Jan Koneffke und Johanna Öttl.

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    foto: apa/epa/rungroj yongrit

    Mann und Frau – diese Dualität hat für Paul B. Preciado nichts mit Natürlichkeit zu tun – sie ist reiner Zwang.

  • Paul B. Preciado: "Testo-Junkie. Sex, Drogen, Biopolitik in der Ära der Pharmapornografie".Aus dem Französischen von Stephan Geene.€ 20,60 / 453 Seiten. b_books, Berlin 2016
    foto: b_books

    Paul B. Preciado: "Testo-Junkie. Sex, Drogen, Biopolitik in der Ära der Pharmapornografie".
    Aus dem Französischen von Stephan Geene.
    € 20,60 / 453 Seiten.
    b_books, Berlin 2016

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