Warum Mexikos Präsident sich Trump ins Haus holte

1. September 2016, 11:10
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Vor Wochen verglich Staatschef Peña Nieto Trump mit Hitler und Mussolini – nun lud er ihn ein. Die Kritik daran ist groß

Puebla – Es war der wohl surrealste Moment des Blitzbesuchs von Donald Trump am Mittwoch in Mexiko. "Es war mir eine Ehre, und ich nenne Sie nun einen Freund", sagte der US-Präsidentschaftskandidat – und dann war die aus drei Fragen bestehende gemeinsame Pressekonferenz mit Mexikos Staatschef Enrique Peña Nieto auch schon zu Ende. Damit war klar, welchen Vorteil der in den Umfragen absackende Präsidentschaftskandidat aus dem Besuch schlagen wollte: In Echtzeit twitterte sein Team das Foto, das ihn und Peña Seite an Seite am Rednerpult zeigte und staatsmännische Statur suggerieren sollte.

Was genau Peña mit der Einladung bezweckt hatte, blieb Beobachtern hingegen bis zuletzt verborgen. Sollte es eine öffentliche Entschuldigung Trumps für die rassistischen und beleidigenden Ausfälle gegen Mexikaner gewesen sein, so ist sie ausgeblieben. Stattdessen bekräftigten beide Seiten ihre Differenzen. Höflich – auch Peña verzichtete auf früher getätigte Hitler- und Mussolini-Vergleiche –, aber in der Sache unerbittlich. Er halte die Grenzmauer für nötig, betonte Trump, um die US-Amerikaner zu schützen, auch wenn sie nicht darüber gesprochen hätten, wer die Mauer bezahlen solle.

"Dümmeres ist noch keinem Präsidenten eingefallen"

Peña wiederum erinnerte sein Gegenüber daran, dass US-Dollars und US-amerikanische Waffen den Drogenhandel anheizten. Dass die mexikanische Auswanderungswelle vor zehn Jahren ihren Höhepunkt erreicht habe und seither rückläufig, inzwischen sogar negativ sei. Dass sechs Millionen Arbeitsplätze in den USA von den Exporten nach Mexiko abhingen. Dass sich die Mexikaner von Trumps verbalen Attacken beleidigt fühlten. Selten schaute er in Richtung seines Gegenüber, und wenn, dann mit verkniffenem Gesicht.

Peña liebt außenpolitische Auftritte, die ihn die Probleme Mexikos vergessen lassen. Jener mit Trump aber dürfte wenig geholfen haben, das stete Absinken seiner Popularitätskurve aufzuhalten. Nahezu einhellig verurteilten ihn rechte und linke Opposition, Intellektuelle und einfache Bürger. Der konservative Ex-Präsident Vicente Fox erklärte, Trump sei in Mexiko nicht willkommen. Die linke Partei PRD warf Peña vor, einen gravierenden Fehler zu begehen und sich von einem verlogenen, antimexikanischen Demagogen ausnützen zu lassen. "Tyrannen muss man bekämpfen, nicht beschwichtigen", sagte der Historiker Enrique Krauze. "Etwas Dümmeres ist noch keinem Präsidenten eingefallen", kritisierte der Politologe Jesús Silva-Herzog.

"Unwürdige Gestalten"

Noch harscher reagierte die Bevölkerung, in der ohnehin latenter Antiamerikanismus herrscht. "Es ist eine Schande, solch unwürdige Gestalten einzuladen", ereiferte sich Manuel Molano, der sich zusammen mit ein paar Dutzend Demonstranten im Zentrum der Stadt zu einer spontanen Protestkundgebung eingefunden hatte. #TrumpenMexico war am Mittwoch Trending Topic auf Twitter mit tausenden Kommentaren, fast einhellig negativer Art: "Das ist, wie wenn ein Vergewaltigungsopfer sich mit dem Täter anfreundet", twitterte Marco Montalvan.

Selbst die Regierungspartei PRI rechtfertigte nur halbherzig den Besuch. "Es wird uns schlecht ergehen mit Trump", sagte der Gouverneur von Coahuila, Rubén Moreira. "Aber ohne Dialog geht es uns noch schlechter."

Ob die an beide US-Präsidentschaftskandidaten ausgesprochene Einladung eine Initiative des Präsidenten oder seiner Berater war, blieb unklar. Er glaube an den Dialog, um die Interessen Mexikos zu verteidigen, hatte sich Peña gerechtfertigt. Der Vorstoß kam jedoch selbst für ranghohe mexikanische Funktionäre völlig überraschend. "Vielleicht war die Einladung auf Hillary Clinton gemünzt, und niemand hat damit gerechnet, dass Trump sie annimmt und als Erster kommt", vermutete der Sicherheitsexperte Alejandro Hope. (Sandra Weiss aus Puebla, 1.9.2016)

  • Wenig zu lachen bei der Pressekonferenz: Mexikos Präsident Enrique Peña Nieto und Donald Trump.
    foto: reuters / henry romero

    Wenig zu lachen bei der Pressekonferenz: Mexikos Präsident Enrique Peña Nieto und Donald Trump.

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