Deutscher Ökonom: "Viele Menschen sehen sich in ihrer Identität bedroht"

Interview1. September 2016, 06:00
282 Postings

Ifo-Chef Clemens Fuest warnt wegen der starken Migration vor Parallelgesellschaften

STANDARD: Zuwanderung, Globalisierung und Jobängste bringen Rechts- wie Linksextremen einen Zustrom. Versagt die etablierte Politik?

Fuest: Die etablierte Politik hat das Problem, dass die Welt komplex ist und es keine einfachen Lösungen gibt. Wenn dann jemand einfache Lösungen anbietet, ohne sich in politischer Verantwortung bewähren zu müssen, hat man es dagegen schwer. Teilweise ist es eine unfaire Konkurrenz, teilweise sprechen diese Leute aber reale Probleme an. Die Politik versucht oft, diese Probleme zu beschönigen oder zu vertuschen. Insofern ist Kritik an den etablierten politischen Kräften hilfreich. Sie zwingt dazu, sich mit den Problemen auseinanderzusetzen.

STANDARD: Aber sind die Probleme wirklich derart gravierend? Immerhin verfügen wir in Deutschland oder Österreich über hohen Wohlstand und Rekordbeschäftigung.

Fuest: Das ist richtig. Zentrales Thema ist derzeit die Zuwanderung, weit mehr als Globalisierung oder Ungleichheit. Hier gibt es nicht nur bei notorischen Unterstützern populistischer Parteien, sondern in weiten Teilen der Bevölkerung große Unzufriedenheit. Wenn die etablierten Parteien das nicht adressieren, werden sie abgewählt.

STANDARD: Sind die Menschen wirklich so stark von Zuwanderung betroffen, wie es in der öffentlichen Diskussion den Anschein hat?

Fuest: Man darf sich nicht vertun. In Großbritannien sind in den letzten zehn Jahren 2,5 Millionen Menschen zugewandert. Das hat zum geplanten Austritt der Briten aus der EU geführt. Ähnliches gilt für Deutschland: Die Zuwanderung in Relation zur Bevölkerung war im Vorjahr größer als jene in die USA im Jahr 1907, das sind historisch schon einmalige Vorgänge. In Schweden und Österreich ist sie relativ noch stärker. Zuwanderung löst viele Ängste aus. Die ökonomische Seite ist dabei nur ein Teil. Viele Menschen fühlen sich in ihrer Identität bedroht, in ihren Werten, in ihrer Art zu leben. Ob zu Recht oder zu Unrecht: Die Ängste sind einfach da, und man kann sie nicht einfach wegwischen.

STANDARD: Es geht also um den Erhalt der Identität?

Fuest: Die Wahrung der Identität einer Gesellschaft hat viel mit dem Thema zu tun. Entscheidend ist, ob die Zuwanderer integriert werden oder in Parallelgesellschaften landen, die zu Konflikten führen. Der Arbeitsmarkt ist da sicher ein Schlüssel. Wer mit Menschen in Kontakt tritt, der wird sich integrieren.

STANDARD: Diskutiert wird mehr über Burka als den Arbeitsmarkt.

Fuest: Bei Problemen der Zuwanderung geht es nicht nur um den Arbeitsmarkt oder die Kosten von Sozialleistungen, es geht um die Bewahrung der eigenen Identität. Die Burka ist das medienträchtige Symbol der Herausforderungen, die Integration mit sich bringt. Allerdings kann der Arbeitsmarkt hier helfen: Die Neigung, mit der Burka herumzulaufen, wird letztlich sinken, wenn man täglich in die Arbeit geht.

STANDARD: Aber gibt es überhaupt eine Chance auf dem Arbeitsmarkt?

Fuest: Es besteht ein gewisser Widerspruch. Um die Migranten rasch zu integrieren, bräuchten wir einen hochflexiblen Arbeitsmarkt mit Niedriglöhnen. Unsere Arbeitsmärkte sind aber nicht so aufgestellt, sondern eher unflexibel und auf Hochqualifizierte ausgerichtet. Deshalb sind Länder mit weniger ausgebautem Sozialstaat besser geeignet, Migranten zu integrieren. Bei uns besteht die Gefahr, dass sich Arbeiten für die Zuwanderer nicht wirklich lohnt. Zu hohe Mindestlöhne sind da sicher ein Hemmnis. Andererseits kann Lohnsenkung nicht die einzige Antwort auf das Problem sein. Wir brauchen auch einen systematischen Ausbau der Ausbildungskapazitäten. Und die Zuwanderer müssen bereit sein, da mitzumachen. Viele sind es nicht, weil ihnen die Bedeutung von Ausbildungsinvestitionen nicht bewusst ist oder weil Unsicherheit darüber besteht, ob sie bleiben können.

STANDARD: Hängen die Ängste der Menschen nicht stark mit der schwachen Wirtschaftsentwicklung zusammen?

Fuest: Bestimmt. Das Vertrauen in Politik und Wirtschaft ist durch die Krise erschüttert worden. Zurecht. So wie der Finanzsektor reguliert war, war ihm auch nicht zu trauen. Doch man muss sich die Rezepte der Populisten genau ansehen. Was hat Syriza mit Griechenland gemacht? Aus einem krisengeschüttelten Land, das sich gerade stabilisierte, ein dauerhaftes Armenhaus. (Andreas Schnauder, 1.9.2016)

Clemens Fuest (48) leitet seit April das Münchner Wirtschaftsforschungsinstitut Ifo. Der Ökonom und Universitätsprofessor berät unter anderem das deutsche Finanzministerium.

  • Ifo-Chef Clemens Fuest sieht die Gefahr des Entstehens von Parallelgesellschaften.
    dpa

    Ifo-Chef Clemens Fuest sieht die Gefahr des Entstehens von Parallelgesellschaften.

  • Migranten müssen ihre Ausbildungsbereitschaft unter Beweis stellen, meint Clemens Fuest. Hier ortet der Ökonom Defizite – auch weil Zuwanderern die Bedeutung des Themas nicht bewusst sei.
    dpa

    Migranten müssen ihre Ausbildungsbereitschaft unter Beweis stellen, meint Clemens Fuest. Hier ortet der Ökonom Defizite – auch weil Zuwanderern die Bedeutung des Themas nicht bewusst sei.

Share if you care.