Für kleine Händler tickt auf dem Wiener Kohlmarkt die Uhr

1. September 2016, 09:00
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Traditionsbetriebe raus, internationale Ketten rein: Die teuerste Einkaufsmeile des Landes zieht Immobiliendeals an

Wien – Susanna Petkov zieht einen Schlussstrich unter den Wiener Kohlmarkt. Jahrzehntelang führte ihre Familie an der teuersten Einkaufsstraße Österreichs eine Modeboutique für Strickwaren. Petkov entwirft die Kleider selbst, genäht wird in der eigenen Produktion in Wien-Mariahilf. Im Vorjahr jedoch brach ihr Umsatz auf dem Kohlmarkt um 90 Prozent ein, erzählt sie. "Ich kann mir die Fixkosten hier nicht länger leisten." Per Ende September ist sie weg.

Petkov zählte zu den letzten eigentümergeführten Händlern, die an der noblen Meile zwischen Michaelerplatz und Graben die Stellung halten. Namen wie Schullin, Rozet & Fischmeister, Bühlmayer, Manz, Loden Plankl und Mohilla wurden kleine Inseln. Längst beherrschen internationale Luxuslabels das Pflaster. Mit ihnen schossen die Mieten nach oben. Vereinzelt werden für den Quadratmeter monatlich mehr als 600 Euro hingelegt, sagt der Immobilienexperte Stefan Goigitzer von Colliers.

Hohe Ablösen

Für viele alteingesessene Familienbetriebe tickt die Uhr. Zumal die Mietpreise mit der Übergabe an die nächste Generation schrittweise an das marktübliche Niveau angehoben werden. Hohe Ablösen wiederum führen dazu, dass ihre aufgelassenen Standorte fast ausschließlich für weltweit vernetzte Konzerne erschwinglich sind.

Der Kartenhersteller und Buchhändler Freytag & Berndt verließ den Kohlmarkt 2014 nach 239 Jahren. Kurz zuvor gab Buchhandelskollege Berger auf. An Douglas erinnert nur noch die Markise: Die jüngst ausgezogene Parfümerie ersetzt als Zwischenmieter ein Souvenirshop. Dessen Nachfolger ist noch offen. Wie auch jener für Petkovs Outlet. Wobei es hierbei erste Gespräche mit einem Juwelier gebe, wie der Wiener Immobilieninvestor Jamal Al Wazzan sagt.

Petkov, die sich auf eine Filiale in der Wollzeile zurückzieht, sieht Wiens Innenstadt ihr Flair völlig verlieren. "Paris, Rom, Florenz, Wien – überall sind nur noch die gleichen großen Ketten." Für viele sei es offenbar einerlei, ob die Mitarbeiter mangels kaufkräftiger Kundschaft monatelang Däumchen drehten.

Kirche mischt kräftig mit

Die meisten Gebäude am Kohlmarkt sind in der Hand des Salvatorianerordens und der Generali-Versicherung. Raiffeisen und die Notariatskammer sind Hausbesitzer, auch der Holzindustrielle Gerald Schweighofer, die Familien Dogudan, Brühl und Manz. Über eine Gesellschaft in Liechtenstein ist überdies ein Ukrainer investiert.

Petkov zahlte der Kirche für die Boutique Haider-Petkov den alten Mietzins. Ihr Nachfolger wird ein Vielfaches davon aufbringen müssen. So üppig Ablösen, die für diese Lagen geboten werden, klingen, vergleichbare Filialen lassen sich damit jedoch nicht aufbauen, sagt Maria Mohilla, die schräg vis-à-vis in siebenter Generation Tabakspezialitäten verkauft. Die Hälfte gehöre der Steuer, oft kassiere eine weitverzweigte Familie mit. "Klar sind Flächen auf dem Kohlmarkt Goldes wert – wir zahlen es ja auch."

Angst vor Generationswechsel

Auch sie wisse nicht, wie lange sie die Miete, die seit der Übernahme des kleinen Traditionsbetriebs von ihrem Vater Jahr für Jahr kräftig steige, noch finanzieren könne. "Aber ich will hier nicht weg. Ich bin hier aufgewachsen, ohne dieses Geschäft existiere ich nicht."

All das hier sei ohne Altmieten nicht mehr zu schaffen, sagt Elisabeth Nettel. Die Geschichte ihrer Apotheke Zum goldenen Hirschen reicht zurück bis ins 15. Jahrhundert. Seit 1840 ziert sie den Kohlmarkt. Wie für die meisten familiengeführten Händler der Wiener Innenstadt ist der Generationswechsel ein heikles Thema.

Designerin Petkov sieht Betriebe wie den ihren durch eine Vielzahl von Hürden in der Bredouille. "Horden an Touristen werden täglich durch den Kohlmarkt geschoben." Diese kauften wenig bis gar nichts – zahlungskräftige Kunden wie Russen blieben zugleich aus. "Die Lohnkosten werden höher, ständig neue Abgaben erfunden." Und die Verkehrspolitik sei eine reine Schikane. "Wien ist für kleine selbstständige Händler wie mich unlebenswert geworden."

"Der Lauf des Lebens"

Für Al Wazzan, der sich stetig neue hochkarätige Handelsflächen im ersten Bezirk sichert, ist die Bereinigung zugunsten weniger großer Ketten nicht aufzuhalten. "Das ist der Lauf des Lebens – und es ist kein Wiener Problem, sondern ein weltweites." Dass die teuren Immobilien auch für viele Luxuslabels schlicht unrentabel seien und etliche durch Knebelverträge in Vierteln wie dem Goldenen Quartier gehalten würden, wie in der Branche immer wieder zu hören ist, sei falsch. "Da spricht wohl der Neid. Ich jedenfalls hätte gern ihre Margen."

Makler Goigitzer sieht internationale Ketten anders als viele Wiener Händler sich ständig neu erfinden. "Sie sind innovativ, binden Kunden, ruhen sich auf keinen Lorbeeren aus." Viel Vergangenes werde idealisiert. "Um einzukaufen, flog man früher nach Paris, Mailand Rom – aber sicher nicht nach Wien." (Verena Kainrath, 1.9.2016)

  • Die Traditionsstrickerei Haider-Petkov verlässt nach Jahrzehnten den Kohlmarkt, wenige familiengeführte Betriebe bleiben.
    andy urban

    Die Traditionsstrickerei Haider-Petkov verlässt nach Jahrzehnten den Kohlmarkt, wenige familiengeführte Betriebe bleiben.

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