"Sta(d)ttwohnen": Willkommen in der Wanderbox

Blog1. September 2016, 07:57
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Architekturstudierende der TU Wien setzen sich in Alpbach mit den sozialen, kulturellen und politischen Komponenten von Städte- und Raumplanung auseinander

Zwischen der Fahnenreihe vor dem Kongresszentrum und der Glasfassade ragt ein aus weißen LKW-Planen zusammengespannter Pavillon hervor. "Welcome to Europe" steht auf dem Schild vor der sogenannten Wanderbox, in der sich ein Kissen, bestickt mit dem Slogan "Make yourself at home", und ein provisorisches Bett befinden.

foto: stattwohnenmeetsefa16

Der seit zwei Wochen an unterschiedlichen Plätzen im Ort aufgestellte Pavillon ist eine spontane Intervention der Gruppe von 15 Architekturstudierenden1 der TU Wien. Neben der spontanen Aktion wurden drei Ideen aus dem Entwurfsprojekt "Sta(d)ttwohnen" in Alpbach umgesetzt. Student Thomas Musil geht es darum, das "Wandern müssen, aber nicht Wandern wollen" zu thematisieren. Welche Schutzräume werden für Menschen auf der Flucht produziert?

Wertegerüst

Als Kritik an der Entstehung gesellschaftlicher Werte ist Michael Wallingers Skulptur "Worthless Room" zu verstehen. Die selbst hergestellten Ziegelsteine bilden ein uniformes Wertegerüst, das im Ortskern auf eigene Gefahr betreten werden kann.

foto: stattwohnenmeetsefa16

Um neue Perspektiven, Austausch und Partizipation ging es in einem von Bernhard Mayer und Thomas Musil organisierten Workshop. Zwanzig Kinder im Alter von sechs bis dreizehn Jahren planten auf drei Platten eine Stadt. Mayer erzählt, dass sich bei der Arbeit mit Kindern nicht alles planen lässt und Spontanität bei der Umsetzung partizipativer Konzepte gefordert ist. Die Studierenden vermittelten, dass Stadtplanung den Austausch auf Expertenebene sowie mit und unter den Bewohnern braucht. Am Ende des Workshops wurden die unterschiedlichen Stadtteile zusammengefügt. Das Modell scheitert an den dazwischenliegenden Mauern und regt die junge Generation an, in Zukunft die Verbindungslinien in der Stadt und Gesellschaft mitzudenken.

foto: stattwohnenmeetsefa16

Öffentlichen Raum aneignen

Eine weitere Intervention findet bei der Eröffnung des Built-Environment-Symposiums am 1. September statt. Lea Moser regt zur Aneignung des vorhandenen Raums durch selbst gebaute Möbel an. Räume sollen neu gedacht, vorgegebene Strukturen aufgebrochen werden. Die Möbel wurden in Wien und in Alpbach mit Materialien aus der Region von den Studierenden hergestellt und stehen nach der Eröffnung der Baukulturgespräche zum Verkauf.

foto: stattwohnenmeetsefa16

Die Aktionen der Architekturgruppe erinnern daran, dass simple Eingriffe Veränderungen bewirken können und kollaboratives Vorgehen zu neuen Ideen und Lösungen führen kann. Das kann als Inspiration für all jene gelten, die im Laufe des Forums nach dem eigenen Potential für Veränderungen suchen. (Judith Bauder, 1.9.2016)

Judith Bauder studierte Jus und Politikwissenschaft mit Schwerpunkt Menschenrechte und internationale Beziehungen und ist zum ersten Mal als IG-Wien-Stipendiatin am Europäischen Forum Alpbach.

Das Europäische Forum Alpbach widmet sich heuer von 17. August bis 2. September dem Thema "Neue Aufklärung". Im Alpbach-Blog auf derStandard.at bloggen junge Stipendiatinnen und Stipendiaten.

1 Die Projekte wurden durch die Zusammenarbeit von Faruch Achmetov, Edoardo Barbato, Nicole Feiner, Matthias Garzon, Dominik Gehmaier, Alexandra Kossina, Bernhard Mayer, Lea Maria Moser, Thomas Musil, Caterina Revedin, Barbara Reiberger, Jannis Richter, Florian Spießberger, Carmen Trifina, Michael Wallinger unter Anleitung von David Calas, Ralph Reisinger umgesetzt.

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