Sicherheitsexperte: "Können Zukunft nicht in Irans Hände legen"

Interview1. September 2016, 05:30
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Der Ex-Sicherheitsberater des israelischen Premiers, Yaacov Amidror, hält den Iran-Atomdeal für einen historischen Fehler

STANDARD: Der Atomdeal mit dem Iran wird von der internationalen Gemeinschaft überwiegend positiv beurteilt. Israels Regierung und Sie waren dagegen. Haben Sie inzwischen Ihre Meinung geändert?

Amidror: Es ist und bleibt ein schlechtes Abkommen. Die Amerikaner hatten ein sehr gutes Blatt in der Hand, weil das Sanktionenregime den Iran an den Verhandlungstisch gezwungen hat. Aber statt Teherans nukleare Fähigkeiten vollständig abzubauen, haben die USA entschieden, diese bloß zu reduzieren und das zu überwachen. Dazu kamen zwei weitere große Fehler: Sie haben den Iranern erlaubt, eine neue Generation von Urananreicherungszentrifugen zu entwickeln. Und es wurden keinerlei Beschränkungen für Langstreckenraketen vereinbart. Das Ergebnis dieses Abkommens wird sein: Nach dessen Auslaufen werden die Iraner in einer viel besseren Ausgangslage sein, eine Bombe zu bauen, wenn sie sich dazu entschließen. Die neuen Zentrifugen werden effektiver Uran anreichern, und auch die Langstreckenraketen werden dann für die Bombe bereitstehen. Gleichzeitig können sie ihre Wirtschaft umbauen und widerstandsfähiger gegen allfällige neue Sanktionen machen. Die Amerikaner haben zehn Jahre Zeit gekauft, die vor allem den Iranern nützt.

STANDARD: Wo genau lag aus Ihrer Sicht der Fehler der Amerikaner in der Verhandlungsführung?

Amidror: Sie haben die militärische Option vom Tisch genommen und wollten das Abkommen zu sehr. Das hat dem Iran genützt. Herausgekommen ist ein historischer Fehler, der Israel in zehn Jahren in eine problematischere Situation als heute bringen wird.

STANDARD: Was hätten Sie an ihrer Stelle anders gemacht?

Amidror: Ich hätte dem Iran zu verstehen gegeben, dass die militärische Option tatsächlich eine Option ist. Die USA haben die militärischen Fähigkeiten dazu, die iranischen Atomanlagen zu zerstören. Präsident Obama hat seine Militärs angewiesen, das sicherzustellen. Aber dann hat er einen politischen Schwenk vollzogen und Teheran erkennen lassen, dass der politische Wille fehlt, diese Option auch zu benutzen.

STANDARD: Ihre Annahme ist, dass der Iran den Staat Israel unbedingt nuklear vernichten will. Viele Beobachter allerdings sagen, dass Teheran eine Rolle als Hegemonialmacht im Nahen Osten anstrebt. In der jetzigen Situation sind Atomwaffen dafür gar nicht nötig.

Amidror: Das ist eine sehr interessante akademische Frage. Israel ist ein sogenannter One-Bomb-State (eine Atombombe genügt, um das ganze Land zu vernichten, Anm.). Wir können in diesem Fall einfach kein Risiko eingehen. Für akademische Fragen mögen theoretische Antworten genügen. Aber in diesem Fall müssen wir von einem Worst-Case-Szenario ausgehen, auf das sich unsere Politik einzustellen hat. Alles andere wäre unverantwortlich. Das einfache Faktum, dass sie eine Bombe bauen könnten, bringt Israel unter Zugzwang. Wir können unsere Zukunft nicht in ihre Hände legen.

STANDARD: Sie haben dieses Argument sicher auch in Washington und Brüssel vorgebracht. Was war die Antwort?

Amidror: In der Sekunde, in der die USA entschieden haben, dass die militärische Option nicht gezogen werden soll, konnte sie nichts mehr überzeugen. Sie wollten einfach keine Aktion gegen den Iran.

STANDARD: Warum nicht?

Amidror: Ich weiß es nicht.

STANDARD: Vielleicht weil es im Nahen Osten ohnehin schon zu viel Chaos gibt?

Amidror: Würde man den Iran aus der Nahost-Gleichung nehmen, gäbe es weniger Probleme, nicht mehr. In vielen Bereichen ist der Iran das Problem. (Christoph Prantner, 1.9.2016)

Yaacov Amidror (Jg. 1948) war Generalmajor der israelischen Streitkräfte. Von 2011 bis 2013 diente er als nationaler Sicherheitsberater des israelischen Premierministers Netanjahu. Am Montag nahm Amidror an einer vom österreichischen Bundesheer organisierten Debatte über "Resilienz – Führen in Krisensituationen" bei den Politischen Gesprächen in Alpbach teil.

  • Yaacov Amidror.
    foto: ira abramov

    Yaacov Amidror.

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