"La La Land": Verloren im Land der Kinoträume

Video31. August 2016, 16:28
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Damien Chazelles verschwenderisches Musical lieferte dem Filmfestival Venedig einen bravourösen Start. Um das Filmerbe geht es auch in Michael Palms "Cinema Futures"

Das Filmmusical fordert das ganze Kino, ist es doch eine grandiose Wunschmaschine. Wenn der Leidensdruck in der richtigen Welt zu groß wird, befreien sich die Figuren in Tanz- und Gesangsnummern aus ihren Fesseln. Damien Chazelles La La Land, der am Mittwochabend das Filmfestival von Venedig mit Bravour eröffnet hat, macht dieses Potenzial schon in seiner erstaunlichen Eröffnungssequenz deutlich. Auf den Freeways von Los Angeles steht wieder einmal alles still. Dann beginnt eine junge Frau am Steuer zu singen, und im nächsten Moment tanzen in knallbunte Farben gekleidete Menschen über das Blech hinweg und beschwören einen prächtigen Sonnentag herauf.

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Der 31-jährige US-Regisseur, dem 2014 mit dem pointierten Jazzdrama Whiplash ein großer Erfolg gelang, hat sich für seine Hommage an das vielleicht verschwenderischste Hollywoodgenre viel vorgenommen. Seine archetypische Geschichte von dem glücklosen Jazzpianisten Sebastian (Ryan Gosling) und der Schauspielerin Mia (Emma Stone), die eine Casting-Niederlage nach der anderen erleidet, funktioniert wie ein schillerndes Kaleidoskop. Die Utopie von romantischem Glück und einem Leben in Ruhm, wie sie nur das Kino zu formulieren vermag, bricht darin wie eine Welle an den Unvollkommenheiten der Realität.

Besonders in der ersten Stunde verblüfft La La Land auch durch seine Lust an visuell überbordenden Auflösungen. Die Nummern sind bewusst "bigger than life" arrangiert, sie beschwören den Geist – und die Schauplätze – klassischer Hollywoodfilme von Vincente Minnelli, Gene Kelly / Stanley Donen oder Nicholas Ray. Doch nicht als Selbstzweck, denn die szenischen Ausflüge umkreisen auch Fantasien, ja die Träume der beiden Figuren. Sebastian, den man sich wie einen tanzenden James Dean vorstellen darf, ist ein Liebhaber des traditionellen Jazz, ein Vintage-Man, der an der Ignoranz der Gegenwart leidet. Emma Stone bildet den emotionalen Fluchtpunkt des Films, in ihren Blicken wird nicht nur die Sehnsucht greifbar.

Dankenswerterweise sonnt sich Chazelle nicht in der Nostalgie, er will ihr ein gegenwärtiges Gesicht verleihen. Man spürt, wie sehr er das klassische Hollywoodkino (und französische Ableger von Jacques Demy) verehrt, doch er weiß auch, dass man den Blick nach vorne richten muss. Wie bewahrt man eine Form, wie verrät man seine Träume nicht? Das sind die Fragen dieses bittersüßen Films. Justin Hurwitz hat dafür einen melancholischen Score komponiert, dessen Melodien nicht nur die Figuren verführen: "City of Stars, are you just shining for me?" Das Lied schwirrt einem auch nach dem Kino noch im Kopf herum.

Paradoxien des Wandels

Um das Nachwirken des Kinos, um seine Metamorphosen und den damit verbundenen Verlust geht es passenderweise auch in Michael Palms Dokumentarfilm Cinema Futures, der sich mit dem Rückzug des analogen Filmbilds aus dem regulären Kinobetrieb befasst. Die während des 50-Jahr-Jubiläums des Österreichischen Filmmuseums initiierte Arbeit versammelt eine beeindruckend große Riege an Experten – darunter Martin Scorsese, die Künstlerin Tacita Dean, Filmwissenschafter wie Tom Gunning oder David Bordwell und eine Reihe von Archivaren; in klug gebauten, dichten thematischen Blöcken entwirft Palm eine Art Archäologie des Filmbilds, in der auch über das Kino hinausführende Fragen nach Erinnerung und kollektivem Gedächtnis anklingen.

Die Paradoxien des digitalen Wandels wie die kürzere Haltbarkeit von Datenträgern werden vermerkt, zugleich wird noch einmal die Eigentlichkeit des analogen Kinos beschworen. Fast verstohlen aus unserem Blick geschieden, ist die Musealisierung von Film ungelöst. Palms eigene Reflexionen lassen Cinema Futures zum Essay werden, der ein Stück Kulturgeschichte einholt, die nicht abgeschlossen ist, sondern weiterer intensiver Betreuung bedarf. (Dominik Kamalzadeh aus Venedig, 31.8.2016)

  • Tanzen, bis der neue Tag erwacht: Emma Stone und Ryan Gosling fliehen in "La La Land" in die Utopie romantischen Glücks – und beschwören den Geist klassischer Hollywoodfilme.
    foto: filmfestival venedig

    Tanzen, bis der neue Tag erwacht: Emma Stone und Ryan Gosling fliehen in "La La Land" in die Utopie romantischen Glücks – und beschwören den Geist klassischer Hollywoodfilme.

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