Luftkampf um Europas Kampfflieger-Markt

1. September 2016, 07:00
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Air-Show am Freitag und Samstag in Zeltweg als Werbung um Sympathie für die Nachrüstung der europäischen Luftverteidigung

Wien – Der Eurofighter darf den Reigen eröffnen: Mit Nachbrenner und entsprechendem Dröhnen wird am Freitag um neun Uhr früh der erste Flug der Airpower 2016 im steirischen Aichfeld starten. Das Bundesheer macht damit Stimmung für den politisch lange umstrittenen Flieger – aber die Zielgruppe reicht weit über Österreich hinaus.

Denn in ganz Europa klafft eine Lücke in der Luftverteidigung – doch das wird bisher allenfalls von der Bevölkerung der Ostsee- und Schwarzmeer-Anrainerstaaten wahrgenommen. Dort fliegen russische Jets seit vielen Monaten Luftmanöver, die von den Nachbarn als bedrohlich wahrgenommen werden. Nato-Flieger kontern, so gut sie eben können – man studiert die Taktik, vor allem aber die für eine moderne Kampfführung essenzielle Elektronik des jeweiligen Gegners.

Wie im Kalten Krieg

Es ist fast wieder so wie seinerzeit im Kalten Krieg – auch wenn niemand laut sagen will, dass die russische Aufrüstung in der Luft und mit weitreichenden Luftabwehrsystemen, u. a. in der Region Kaliningrad, de facto längst eine Bedrohung für Europa darstellt.

Dabei hat Westeuropa in den Jahren nach dem (irrtümlich vermuteten) Ende der Ost-West-Konfrontation massiv abgerüstet. Beispiel Großbritannien: Das hatte 1990 noch drei Militärflugplätze auf westdeutschem Boden – bestückt mit jeweils 60 Kampfflugzeugen. Heute würde eine einzige nationale Luftwaffe mit 60 Flugzeugen für europäische Verhältnisse als groß gelten.

Royal Air Force auf Sparflamme

Und das nicht nur im Vergleich mit den bescheidenen 15 österreichischen Eurofightern: Die immerhin für weltweite Einsätze gedachte Royal Air Force verfügt derzeit über 136 (von insgesamt 160 bestellten) Eurofighter – dafür sollen die letzten 109 der 1980 eingeführten Tornados im Jahr 2018 außer Dienst gestellt werden. Der Eurofighter soll künftig um die F-35 von Lockheed-Martin ergänzt werden – von diesem wegen seiner Stealth-Eigenschaften lange geheimnisumwitterten amerikanischen Gerät (ursprünglich als Joint Strike Fighter JSF geplant und nun "Lightning II" genannt), sind 138 Stück bestellt, aber erst fünf ausgeliefert.

Fünf Systeme buhlen um Europas Militärs

Die britischen Luftstreitkräfte sind ein gutes Beispiel dafür, wie umkämpft der Markt für Überschall-Kampfflugzeuge ist: Da sind auf der einen Seite die amerikanischen Hersteller Boeing (mit der F-18 Super Hornet) und Lockheed-Martin – und diesseits des Atlantiks Airbus (mit dem Eurofighter), Saab / BAE Systems (mit dem Gripen) und Dassault mit der Rafale. Die Rafale wird heuer erstmals in Zeltweg gezeigt.

Dieses Kampfflugzeug wurde in den 1980er-Jahren entwickelt, nachdem Frankreich beschlossen hatte, aus dem Projekt European Fighter Aircraft (EFA – heute Eurofighter/Typhoon) auszusteigen. Geplant war ursprünglich – es herrschte noch Kalter Krieg – der Bau von 900 Fliegern. Geworden sind es dann 100 für das Herstellerland Frankreich, dessen Armée de l'air zudem noch 124 Mirage 2000 in unterschiedlichen Versionen in Betrieb hat.

Exportkunden gesucht

Damit sich die Entwicklung eines solchen Flugzeugs aber rechnet, müsste Dassault viel mehr exportieren, wobei die ursprüngliche Planzahl von 900 Stück ohnehin unrealistisch ist. Bisher konnten erst Verträge über je 24 Flugzeuge für Katar und Ägypten abgeschlossen werden – ein Deal mit Indien (wo die Rafale den Typhoon und den Gripen überflügelt hat) wurde immer wieder hinausposaunt, aber immer noch nicht abgeschlossen.

Also bemüht sich Dassault um den europäischen Markt: Belgien will im Jahr 2018 eines der fünf auf dieser Seite dargestellten Flugzeuge auswählen – von den einstmals 136 F-16-Kampfflugzeugen hat es nur noch 49 im Dienst, sie sollen durch 36 neue Flieger ersetzt werden.

Auch Finnland könnte interessiert sein – hier gibt es ein Commitment, ab 2020 jedenfalls westliche Flieger zu kaufen, doch rechnen Experten der Aviation Week damit, dass hier der Gripen aus dem benachbarten Schweden zum Zug kommen wird. Der Gripen schien auch für die Schweiz längst festzustehen, doch dann wurde der Kauf 2014 durch eine Volksabstimmung gekippt.

Schwedens Gripen schlägt sich wacker

Nun soll es eine Neuausschreibung geben, bei der 2020 über eine Beschaffung ab 2025 entschieden wird. Wie in Finnland geht es in der Schweiz um den Ersatz alter F-18 sowie noch älterer Northrop F-5 Tiger (die zeitweise auch an Österreich verborgt waren).

In Ungarn und Tschechien bewährt sich der Gripen bereits, als wahrscheinlich gilt, dass er auch in der Slowakei die dort noch aus der Zeit des Warschauer Pakts in Betrieb befindlichen MiG-29 Fulcrum ersetzen wird.

Obwohl der Gripen sich über die Jahre im Exportgeschäft (Brasilien, Südafrika, Thailand) etabliert hat, ist die neueste Version JAS-39 E zunächst einmal für Schweden bestellt – und die schwedische Luftwaffe wird es angesichts der wahrgenommenen Herausforderung durch Russland nicht bloß bei den jetzt georderten 60 Stück belassen, sondern wohl mindestens zehn weitere kaufen.

Eurofighter-Nachrüstung ohne Österreich

Der Eurofighter hat – neben den vier Partnernationen – in Europa bisher nur in Österreich punkten können. Wobei Österreich explizit auf die Weiterentwicklungen (Air-to-ground-Fähigkeiten, Abstandswaffen und neues Radar) verzichtet hat, was eine Abkoppelung von der technologischen Entwicklung bedeutet. Für die europäischen Hersteller sind aber diese Weiterentwicklungen sehr bedeutsam, damit die Rüstungsindustrie nicht völlig von den USA abhängig oder von Russland überholt wird. (Conrad Seidl, 1.9.2016)

  • Eröffnet die Show in Zeltweg: Der Eurofighter Typhoon
    foto: apa/dpa/sven hoppe

    Eröffnet die Show in Zeltweg: Der Eurofighter Typhoon

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