Wechsel an der Parteispitze bringt nicht oft erhofften Stimmenzuwachs

Blog31. August 2016, 10:47
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Die Popularität des Spitzenpersonals überträgt sich nicht zwingend auf die Partei

Das altbekannte Spiel, das für gewöhnlich schwarzen Landeshauptleuten und Bünde-Spitzen vorbehalten ist, wird derzeit fleißig von Innenpolitikjournalisten gespielt: Sägen am Sessel des ÖVP-Vorsitzenden. Allerorten ist zu lesen, dass Außenminister Sebastian Kurz in naher Zukunft Reinhold Mitterlehner an der Parteispitze ablösen soll. Mittlerweile scheint sogar der ÖVP-Chef selbst nicht mehr an seinen Verbleib zu glauben.

Was sich manche in der ÖVP von einem solchen Wechsel versprechen, ist klar: Kurz ist außerordentlich populär und könnte seiner Partei als Spitzenkandidat für die nächste Nationalratswahl bitter nötigen Aufwind verschaffen. Viele Beobachter scheinen diese Ansicht zu teilen.

foto: apa/dostal
Es wird kolportiert, dass Außenminister Sebastian Kurz in naher Zukunft Reinhold Mitterlehner an der Parteispitze ablösen soll.

Hinter dem konkreten Fall verbirgt sich eine tiefer gehende Frage: Wie viel Zugewinn darf sich eine Partei erhoffen, wenn sie ihr Spitzenpersonal austauscht? Nun ist es sehr schwer, diese Frage seriös zu beantworten – die dafür notwendigen Daten liegen selten vor. Ein Problem bei der empirischen Überprüfung ist, dass Parteivorsitzende oft dann gewechselt werden, wenn eine Partei in den Umfragen schlecht liegt. Wenn sich die Werte nach dem Wechsel dann verbessern, kann das an der neuen Person an der Spitze liegen oder einfach ein Fall von Regression zur Mitte sein.

Jedoch können uns ein paar Fallbeispiele illustrieren, in welcher Größenordnung der Effekt eines neuen Parteivorsitzenden überhaupt ausfallen kann. Die Abbildung unten zeigt die Werte für den ehemaligen SPÖ-Vorsitzenden Werner Faymann und den aktuellen Bundeskanzler Christian Kern in der hypothetischen Kanzler-Direktwahl-Frage.

Wie allgemein bekannt, war Werner Faymann in den letzten Monaten seiner Amtszeit kein besonders beliebter Kanzler mehr. Im Mittel der abgebildeten Umfragen hätten in nur etwa 19 Prozent der Befragten direkt zum Bundeskanzler gewählt. Demgegenüber liegt Christian Kern im Schnitt zwischen Mai und August 2016 bei 41 Prozent. Die SPÖ hat also einen Parteivorsitzenden mit schlechten Persönlichkeitswerten gegen einen mit sehr gutem Standing in der öffentlichen Meinung getauscht (ähnlich wie es bei einem Wechsel von Mitterlehner zu Kurz wohl der Fall wäre).

Wie hat sich diese massive Verbesserung in der Wahrnehmung des SPÖ-Vorsitzenden auf die Umfragewerte der SPÖ ausgewirkt? Die zweite Grafik zeigt, wie sich die Werte für die Parlamentsparteien seit der letzten Nationalratswahl entwickelt haben (die Daten kommen aus einem Umfrage-Aggregationsmodell, das hier näher erklärt wird). Seit Mai ist ein leichter Aufwärtstrend für die SPÖ erkennbar. Das Plus beträgt etwa zwei Prozentpunkte.

Die Installation eines deutlich populäreren Vorsitzenden hat der SPÖ also bisher nur einen recht mageren Zuwachs beschert. Nun ist es wohl zu früh, um eine umfassende Bewertung des "Kern-Effekts" auf die SPÖ-Werte vorzunehmen. Bisher schaut es allerdings nicht so aus, als hätten sich die Wählerpräferenzen massiv verschoben.

Mitterlehner-Schub

Zur weiteren Einordnung bietet sich der Wechsel von Michael Spindelegger zu Reinhold Mitterlehner an der ÖVP-Spitze im August 2014 an. Die ÖVP lag damals bei rund 20 Prozent. Innerhalb von drei Monaten verbesserte sich ihre Position um sechs Prozentpunkte, womit sie in etwa mit SPÖ und FPÖ gleichzog. Der Mitterlehner-Schub für die ÖVP war also deutlich stärker, als der Kern-Effekt für die SPÖ zu sein scheint (wiewohl die ÖVP sich mittlerweile wieder bei den Spindelegger'schen 20 Prozent eingependelt hat).

Was können wir für die aktuelle Diskussion über Mitterlehner und Kurz aus diesen Beispielen lernen? Zum einen ist es gut möglich, dass ein neuer Parteivorsitzender frischen Wind bringt und die Partei um ein paar Prozentpunkte nach vorne katapultiert (wie Mitterlehner die ÖVP im Herbst 2014). Zum anderen kann es genauso sein, dass eine populäre Persönlichkeit an der Spitze installiert wird, deren Strahlkraft sich aber kaum auf die Partei überträgt (wie derzeit bei Kanzler Kern und der SPÖ).

Dass die ÖVP durch einen Wechsel zu Sebastian Kurz wieder an die Spitze zurückkehren könnte, ist allerdings fraglich. Derzeit liegt sie rund 14 Prozentpunkte hinter der FPÖ. Um diese Lücke zu schließen, ist wohl mehr notwendig als ein neuer Parteiobmann. Immerhin ist das Spitzenpersonal einer Partei ja nur einer von vielen Faktoren, die ihre Attraktivität bei den Wählern bestimmen. Strukturell negativ wirkende Faktoren wie die Regierungsbeteiligung als Juniorpartner und die Dominanz des Flüchtlingsthemas (das die FPÖ begünstigt) können auch durch einen Obmannwechsel nicht so einfach wettgemacht werden. (Laurenz Ennser-Jedenastik, 31.8.2016)

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