Gemeinschaftsdusche

1. September 2016, 14:00
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Bahnhof der Sportskanonen oder einer der größten Fehler der Menschen

foto: reuters / clodagh kilcoyne

Pro
von Margarete Affenzeller

Die Schüchternheit gegenüber Gemeinschaftsduschen liegt nur in der Disziplinlosigkeit begründet, zu der sich Menschen gerne hinreißen lassen. Ja, es ist ein Jammer.

Fremde Haare von der Rasur nebenan kommen – an ganz schlechten Tagen – mit dem Duschwasser an die Zehen herangeschwappt. Muss das sein? Trägt denn das Yogastudio einen neuseeländischen Schafschurwettbewerb aus? Auch ist der spritzfreudige Einschäumfuror besonders hygienisch eingestellter Damen strikt abzulehnen.

Doch was kann die Gemeinschaftsdusche dafür? Sie ist unschuldig, gibt nur das Beste: warmes Fließwasser für alle, Duschgelspender überall. Sie ist geräumig und effizient gebaut, hat weniger Mauern und folglich viel Licht. Und in ihr sind, so man von der einen oder anderen Delle absieht, alle Menschen gleich.

Sie ist der Bahnhof der Sportskanonen. In Wahrheit kann kein noch so gegen jede Etikette gehendes Betragen die Erhabenheit herumwuselnder Nackter stören. Schon ausprobiert: als Letzte kommen, wenn schon alle weg sind, und sich wie der Kaiser von China fühlen?

Kontra
von Sigi Lützow

Einer der größten Fehler des Menschen ist seine Neigung zur Rudelbildung – zu jeder möglichen und unmöglichen Gelegenheit. Gemeinsam ein Stück des Weges gehen, Pokémon jagen, Musik hören, Fußballspiele anschauen, tafeln, saufen, sonst was – nichts geht mehr allein.

Gemeinsame Körperpflege ist ein besonderer Graus, weil zumeist aus Platz- und Ressourcenmangel erzwungen – im Internat, beim Bundesheer, im Sportverein. Da lauern Fußpilz und Nagelfäule. Aber auch mit über längere Zeit schlafraubenden An-, Aus-, und Einsichten muss gerechnet werden. In den seltensten Fällen steht nämlich eine schaumgeborene Venus, ein veritabler Adonis mit unter der Brause.

Das private Badezimmer ist eine große Errungenschaft. Der beste Rückzugsort nach dem Örtchen. Dazu bleibt Unhygienisches innerfamiliär. Ein Klotz, der beim Beheben einer Abflussverstopfung angesichts eines triefenden Büschelchens von Haaren seines Kindes nicht leise Rührung verspürt.

In der Gemeinschaftsdusche ist bei gleicher Verlegenheit bestenfalls Würgen angesagt. (RONDO, 2.9.2016)

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