"Er ist nicht mein Freund": Wenn es beim Sport antisemitisch wird

8. September 2016, 07:00
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Athletinnen und Athleten aus Israel sind immer wieder Unfairness oder offener Diskriminierung ausgesetzt. Auf allzu viel Solidarität sollten sie nicht hoffen

Schneller, höher, stärker – darum dreht sich so ungefähr das Sporteln. Schön, wenn der Produktion von Siegern und Verlierern auch noch ein fairer Wettstreit vorausgeht. So weit, so gut – doch es geht natürlich auch anders. Also sprach Ala Ghasoun, seines Zeichens Boxer aus Syrien: "Ich bin zum Kampf nicht angetreten, weil mein Rivale Israeli ist. Ich kann nicht gegen ihn antreten oder seine Hand schütteln, während er ein zionistisches Regime repräsentiert, das das syrische Volk tötet. Wenn ich gegen ihn kämpfe, würde das bedeuten, dass ich als Athlet, wie auch Syrien als Staat, Israel anerkenne."

Ob diese Aussage nun wahlweise auf ideologischer Verblendung, antisemitischer Indoktrination oder schlichter Dummheit fußt – sie reicht mehr als aus, um augenfällig zu illustrieren, womit sich israelische Sportler regelmäßig auseinandersetzen müssen: diskriminierendes, herabwürdigendes Verhalten, welches den Sportsgeist vor Zorn truthahnrot anlaufen lassen müsste.

Die Ausweichmanöver der exklusiv in muslimischen Ländern beheimateten Damen und Herren Athleten grenzen manchmal ans Wunderliche, wie im Fall der marokkanischen Rollstuhltennis-Cracks, denen ihre Verweigerung sogar Sperren des Internationalen Verbands (ITF) einbrachte – auf Bewährung.

Der jüdische Staat darf nicht sichtbar sein

Malaysia verweigerte zwei israelischen Surfern Einreisevisa für die zur Jahreswende dort ausgetragenen Jugendsegelweltmeisterschaften, beiden wurden gute Chancen auf Medaillen eingeräumt. Darüber hinaus gaben die Veranstalter bekannt, dass weder nationale Symbole Israels geduldet würden, noch im Falle des Falles ein Abspielen der Hymne erfolgen würde. Der israelische Segelverband verzichtete sodann auf eine Teilnahme an der Veranstaltung. Konsequenzen für die Malaysier? Keine.

Bereits zwei Jahre zuvor hatte es ein vergleichbares Bemühen gegeben, die Existenz einer Abordnung aus dem jüdischen Staat (und damit diesen selbst) ganz einfach zu negieren. Beim Weltcup der Schwimmer in Doha kam das Wort Israel nicht vor, weder schriftlich noch mündlich. Ein ziemlicher Aufwand: Kein Stadionsprecher darf bei der Vorstellung der Sportler einen Fehler machen, die bei Fernsehübertragungen üblicherweise neben deren Namen eingeblendete Grafik der Nationalflagge muss im Fall der Israelis fein säuberlich durch ein weißes Rechteck ersetzt werden.

Simpler umzusetzen ist da zweifellos das Vortäuschen von Verletzungen – besonders beliebt bei Kampfsportarten wie Judo, Ringen oder Boxen –, um dem Treffen mit dem Nichtexistenten aus dem Weg zu gehen. Faustkämpfer Ghasoun wählte eine verwandte Taktik, er war offiziell zu gewichtig. Leider. Dass er durch das Aus im Qualifikationsturnier auch seine Chance auf ein Ticket zu den Olympischen Sommerspielen in Rio de Janeiro verwirken sollte, war Ghasoun seine Prinzipientreue offenbar wert. Dabeisein ist eben nicht immer alles, auch wenn mancher der heldenhaften Akte des Widerstands sich als schnödes Ergebnis erpresserischen Drucks herausstellt. Sollte die Verweigerung nämlich verweigert werden, können Karrieren auch sehr zügig zu ihrem Ende kommen.

Olympisches Trauerspiel

Doch bleiben wir in Brasilien. Dort hatten die Spiele der XXXI. Olympiade noch gar nicht angehoben, als bereits der erste ungustiöse Vorfall zu verzeichnen war. Die libanesische Delegation weigerte sich, gemeinsam mit israelischen Sportlern in einem Bus zur Eröffnungsfeier zu fahren. In höchster Not hinderte der libanesische Delegationsleiter die Israelis gar mit körperlichem Einsatz am Einsteigen. Anstatt den Ausgesperrten nun etwa den Zugang zu ermöglichen, stellten Stewards den Israelis einen zusätzlichen Bus zur Verfügung. Die Segregationisten hatten obsiegt, man fuhr getrennt.

Während Israels Sportministerin Miri Regev die Sache beim Namen nannte und von einem "abscheulichen und antisemitischen Verhalten" sprach, war das Internationale Olympische Komitee (IOC) bemüht, dieses so weit wie möglich unter der Tuchent zu halten. Ein Sprecher meinte bloß: Beide Seiten hätten die Sache miteinander geklärt und seien glücklich damit. "Wenn sie glücklich sind, sind wir auch glücklich." Fall erledigt.

Eine "Bande von Verbrechern"

Doch ein nächster ließ nicht lange auf sich warten. Israels Judoka Or Sasson hatte eben seinen Kampf gegen den Ägypter Islam El Shehaby gewonnen, als dieser den angebotenen Handschlag verweigerte. Auch nach Aufforderung des Kampfrichters blieb El Shehaby bei seiner Haltung. Aus "persönlichen Gründen" könne man nicht von ihm verlangen, jemandem aus diesem Staat die Hand zu geben, sagte er später. Und über Sasson: "Er ist nicht mein Freund." Dass sich hinter den persönlichen Gründen des salafistischen Lackels womöglich antisemitische Vorurteile verbergen, ist eine nicht ganz unzulässige Vermutung.

In den "Gulf News" aus Dubai lieferte der Kommentator Tariq A. Al Maeena eine mörderische Rechtfertigung, in der die Tatsachen sanft an das eigene Narrativ angepasst werden: "Einige der israelischen Athleten in Rio sind Angehörige der israelischen Armee, eine Bande von Verbrechern in Uniform, die systematisch unschuldige Palästinenser getötet haben, darunter ganz gezielt Frauen und Kinder (…)" Während in den vermeintlich bluttriefenden Händen des Sportlers Sasson schlussendlich olympisches Bronze zu liegen kommen sollte, reagierte das IOC in gewohnter Schärfe auf den Affront: El Shehaby wurde eine Rüge der Olympier übermittelt, seine Karriere hat er offenbar mittlerweile beendet.

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Olympia: Kein Handschlag für den Israeli.

Ein Sensenmann im Celtic Park

Doch auch in Europa können sich Israelis einer sportlich fairen Atmosphäre nicht immer gewiss sein, wie zwei Episoden aus jüngster Vergangenheit illustrieren. Beim Hinspiel in der Qualifikation zur Champions League zwischen Celtic Glasgow und Hapoel Be'er Sheva am 17. August gaben sich Teile der schottischen Anhängerschaft ungustiöser Provokation hin.

Auf den Rängen wurden dutzende palästinensische Flaggen präsentiert, darunter das Banner eines in die Kufiya gehüllter Sensenmanns. Eine spezielle Geschmacklosigkeit angesichts der nun seit gut einem Jahr anhaltenden Serie von Mordanschlägen von Arabern auf jüdische Israelis, verharmlosend auch als "Messer-Intifada" bezeichnet. Die als typisch palästinensisch geltende Kopfbedeckung war erstmals in den 1930er-Jahren politisch aufgeladen worden, und zwar von Amin al-Husseini, dem Mufti von Jerusalem. Al-Husseini war die prägende Figur bei der Verbreitung des modernen Antisemitismus im arabischen Raum. Er hatte den Holocaust befürwortet und sich Nazideutschland wiederholt als Alliierter angedient.

Ähnliches wiederholte sich dann wenige Tage später bei einem Match zwischen dem AS St. Etienne und Beitar Jerusalem in der Europa League. Auch dort waren die palästinensischen Farben auf den Rängen präsent, während das Mitführen israelischer Fahnen offenbar untersagt worden war.

Antisemitische Solidarität

Bereits im Vorfeld beider Spiele war, inspiriert durch Aktivisten der BDS-Bewegung ("Boycott, Divestment and Sanctions"), agitiert und demonstriert worden. BDS hat zum Ziel, Israel durch Embargos, Kapitalabzug und sonstige Sanktionen unter Druck zu setzen und so weit als möglich zu isolieren. Bei näherer Betrachtung jedoch bleibt bei der Argumentation vieler der von einer vordergründig palästinensophilen Motivation angetriebenen Aktivisten als Quintessenz die Dämonisierung des jüdischen Staates und letztlich die Delegitimation seiner Existenz übrig.

Der französische Philosoph Bernard-Henry Lévy in der "Welt" (26.6.2015): "Die BDS ist angeblich eine weltweite zivilgesellschaftliche Bewegung, die für Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und Menschenrechte eintritt. Wenn dem so ist, warum nimmt sie dann das einzige Land in der Region ins Visier, das auf diesen Werten gründet und ihnen in guten wie in schlechten Tagen und trotz eines fast 70-jährigen Kriegszustands mit seinen Nachbarn im Großen und Ganzen immer treu geblieben ist?"

Die bei der Aufführung im Celtic Park federführende Ultra-Gruppierung Green Brigade, die sich übrigens selbst als antifaschistisch begreift, fechten solche Feinheiten nicht an. Auf Facebook veröffentlichten die "Celtic Fans for Palestine" folgende Erklärung: "Wenn Israel als Staat dargestellt wird, ist das leider nicht mehr nur ein Spiel. Fußball, die Uefa und Celtic wurden benutzt, um Israels wahres Wesen zu übertünchen und diesem Schurkenstaat den Hauch von Normalität und Akzeptanz zu verleihen, den er nicht genießen darf und kann, bis man seiner Straflosigkeit ein Ende setzt und gegen ihn alle notwendigen Sanktionen für die Verletzung zahlloser Uno-Resolutionen verhängt." Celtic selbst dürfte das anders sehen, der Klub hat bereits mehrfach versucht, gegen die 2006 gegründete Gruppierung vorzugehen.

Das irische Missverständnis

Celtic-Anhänger dürften für antiisraelische Geisteshaltungen aufgrund ihres Selbstbildes besonders empfänglich sein. Dieses ist stark geprägt durch den sektiererisch geprägten Gegensatz zu den Sympathisanten des Stadtrivalen Glasgow Rangers sowie die Identifikation mit der irisch-republikanischen Seite im nordirischen Bürgerkrieg. Linke Befreiungsideologie vom Kampf der (katholischen) Iren gegen die (protestantischen) britischen "Kolonialisten" legte eine Identifikation mit dem palästinensischen "Widerstand" nahe. Die Revolutionsromantik fand besonders in den 1960er- und 1970er-Jahren weite Verbreitung, von einem "grünen Kuba" vor Britanniens Küste war da die Rede. So gesehen führten die Paramilitärs von IRA und PLO einen gemeinsamen Kampf, wie auch auf Wandmalereien in Belfast zu lesen steht.

Sinn Féin, der politische Arm der Irisch-Republikanischen Armee, seit dem Friedensabkommen 1998 gemeinsam mit den Unionisten die Belfaster Koalitionsregierung formierend, ist bis heute in dieser Gedankenwelt verhaftet. Aengus Ó Snodaigh, SF-Fraktionschef im irischen Parlament, wurde wiederholt mit entsprechender Rhetorik auffällig. 2006 bezeichnete Ó Snodaigh, damals außenpolitischer Sprecher, Israel als eines der abscheulichsten und widerwärtigsten Regime des Planeten. 2010 verhinderten zypriotische Behörden sein Mitschippern in der ominösen Gaza-Flottille.

BDS ist in Großbritannien darüber hinaus stark verankert, besonders im universitären Umfeld. Jüdische Studenten berichten immer wieder von einer zunehmend aggressiven Atmosphäre auf dem Campus, einem Gefühl von Unsicherheit und Ablehnung. Die wahre Geisteshaltung der Aktivisten wird so deutlich.

Es ist Brendan Rodgers, dem nordirischen Celtic-Trainer, hoch anzurechnen, all dem einen Kontrapunkt entgegengesetzt zu haben. Es sei ihm ein Bedürfnis, so Rodgers am Ende seiner Pressekonferenz nach dem Rückspiel seines Teams in Be'er Sheva, sich für die herzliche Aufnahme in Israel zu bedanken, diesem "großartigen Land". (Michael Robausch, 8.9.2016)

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    foto: ap/schreiber

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