Nach der Pleite: Was von Zielpunkt blieb

31. August 2016, 08:00
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Nach der Zielpunkt-Pleite sind 662 ehemalige Mitarbeiter noch ohne Job. Die Hälfte der Filialen ist unter dem Dach neuer Mieter, die kräftig umbauen

Wien – Die Erinnerungen an Zielpunkt verblassen. Exakt neun Monate ist es her, dass die Lebensmittelkette in die Insolvenz schlitterte. Seither fanden 2.038 der einst 2.700 Mitarbeiter einen neuen Job, wechselten in die Karenz oder die Pension. Gut die Hälfte der 226 Filialen kam unter das Dach anderer Unternehmen. Lieferanten suchten bei den verbliebenen Handelsketten Unterschlupf oder stellten ihre Geschäfte auf neue Beine.

Für Georg Freimüller beginnen sich Arbeit und Aktenberge zu lichten. Derzeit lässt der Masseverwalter interne Zahlungsflüsse des früheren Zielpunkt-Eigentümers Pfeiffer vom Wirtschaftsprüfer BDO auf fair verrechnete Leistungen abklopfen. Was, wie er betont, Routine sei. Zudem gehörten noch die Ansprüche einzelner Filialvermieter abgearbeitet.

Alles in allem aber sei er zuversichtlich, das komplexe Verfahren im ersten Halbjahr 2017 zu einem Ende zu bringen. Dann sollen die Gläubiger eine Quote von rund 20 Prozent erhalten – was viel für insolvente Handelsbetriebe sei, sagt Freimüller. Forderungen von 115 Millionen Euro hat er anerkannt. Die Zusammenarbeit mit Pfeiffer gestalte sich konstruktiv.

Meisten Jobsuchenden in Wien

Von den mit Stichtag 30. August 662 arbeitslos gemeldeten ehemaligen Zielpunkt-Mitarbeitern sind 126 in Schulungen, erhob das Arbeitsmarktservice auf Anfrage des STANDARD. Mit 379 Leuten ist die Mehrheit der Betroffenen in Wien auf Jobsuche. 140 sind es in Niederösterreich, 91 in der Steiermark und 51 im Burgenland. Ihre meist langjährigen Arbeitsstätten sind nicht wiederzuerkennen.

Sechs Standorte sicherte sich etwa Etsan, eine Supermarktkette mit türkischen Wurzeln. Vier davon sind in Wien bereits neu eröffnet, zwei noch im Umbau, erzählt ein Sprecher: Man sei damit zufrieden, es laufe gut. Etsan zählt damit in Summe 22 Filialen, untermauert von einem Großhandel, der zuletzt laut Firmenbuch mehr als 32 Millionen Euro Umsatz erzielte. In seiner Nische ist der Familienbetrieb damit schon lange kein Zwerg mehr. Wie auch Mitbewerber Sepas still und leise vor sich hinwächst. Drei seiner sechs von Zielpunkt übernommenen Filialen sind bereits umgeflaggt.

Auf breitere Beine gestellt hat sich Denn's: Die Bio-Supermarktkette hat fünf Ex-Zielpunkt-Shops im April und Mai neu gestartet, oft mit Unterstützung von früheren Zielpunkt-Leuten. Die Expansion entwickle sich gut, versichert Peter Kohls, Denn's-Marketingleiter. Zu früh für eine Bilanz ist es für Lagerhaus, das sich nun mit zwei aufgelassenen Zielpunkt-Märkten in Wien über ein Pilotprojekt in einem kleinen Citykonzept übt. Die Anrainer jedenfalls freue es, sich mit dem für Umzüge nötigen Sortiment in der Stadt eindecken zu können, berichtet ein Mitarbeiter.

Wettlauf um neue Fläche

Diskonter Hofer verleibt sich elf Standorte ein. Die ersten acht gehen im September und Oktober in Betrieb, wie der Konzern bestätigt. 180 neue Jobs entstehen. Mehr als ein Fünftel der Zielpunkt-Lehrlinge sei nun bei Hofer beschäftigt.

Auch Lidl hat der Wettbewerbsbehörde zehn mögliche Übernahmen gemeldet. Sieben davon sind bisher laut Eigenangaben fixiert.

Und die Drogeriemarktkette DM hat bei fünf Filialen zugeschlagen. Diese werden noch im Laufe des Sommers eröffnen, lässt Expansionschef Thomas Köck wissen.

Die größten Stücke vom Kuchen holten sich freilich Rewe und Spar mit 25 beziehungsweise 28 Märkten. Um einen weiteren am Wiener Biberhaufenweg ringen die beiden vor Gericht.

Rewe will den Umbau großteils heuer beendet haben. Spar investiert in die Adaptierung im Schnitt 1,5 Millionen Euro je Filiale. Zehn gingen bereits ans Netz, der Rest soll bis Frühjahr 2017 aufsperren. Sie sollen zumindest 70 Millionen Euro Umsatz bringen. 500 Arbeitsplätze entstehen, "300 Mitarbeiter werden noch gesucht", sagt Hans Reisch. Der Spar-Vorstandsdirektor sieht es vor allem im urbanen Raum an gutem Personal fehlen. (Verena Kainrath, 31.8.2016)

  • Letzte Erinnerungen an Zielpunkt am Tor einer aufgelassenen Wiener Filiale: Die Lieferanten mussten nach der Insolvenz überwiegend bei Spar oder Rewe anklopfen. Deren Marktmacht stieg einmal mehr.
    foto: kainrath

    Letzte Erinnerungen an Zielpunkt am Tor einer aufgelassenen Wiener Filiale: Die Lieferanten mussten nach der Insolvenz überwiegend bei Spar oder Rewe anklopfen. Deren Marktmacht stieg einmal mehr.

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