Was Kant zum Burkaverbot zu sagen hätte

1. September 2016, 08:00
435 Postings

Braucht es angesichts einer radikalisierten Gesellschaft eine "neue Aufklärung"? Wissenschafter geben Antworten, die ambivalenter nicht sein könnten

Alpbach/Wien – Ob Burkaverbot, Türkei-Beitritt oder islamischer Terrorismus: Werte der Aufklärung wie Toleranz, Handlungsfreiheit, Bürgerrechte oder Bildung sind bei aktuellen Debatten schnell zur Hand. Im tagespolitischen Diskurs fällt auf, dass es immer die eigenen Argumente sind, die der Aufklärung dienlich sind – nie sind die Gegenargumente die vernünftigen. Und dennoch befindet sich die Aufklärung aktuell in einer Krise. Manchen geht sie nicht weit genug, denkerisch wie geografisch; für andere reicht sie nicht aus, um Herausforderungen der Gegenwart zu meistern. Doch wie kann eine neue Aufklärung aussehen und was die Wissenschaft dazu beitragen? Diesen Fragen widmete sich das Europäische Forum Alpbach.

"Neue Aufklärung" bedeutete dabei keine Wiederbelebung von Immanuel Kant, John Locke oder Voltaire. Im Rahmen der Technologiegespräche ging es zum Beispiel darum, die aufklärerische Kraft und die Gefahren der Digitalisierung und technologischer Umbrüche zu thematisieren. Denn einerseits besteht durch den freieren Zugang zu Wissen, den Digitalisierung und Internet ermöglichen kann, die Hoffnung, Menschen vor Radikalisierung zu schützen. Andererseits hat sich gezeigt, dass globale Kommunikation der kulturübergreifenden Verständigung nicht unbedingt zuträglich ist – und extreme Positionen schnell verbreitet und von den Empfängern der Nachrichten allzu gern geglaubt werden.

Entscheidungen abnehmen

Für Dirk Helbing, Soziologe an der ETH Zürich, führt die Digitalisierung gar zu einer Entmündigung und könnte so der Aufklärung kaum mehr zuwiderlaufen: "Die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien nehmen uns immer mehr Entscheidungen ab: den Weg zu finden, das Reiseziel, den Flug zum Urlaubsort, das Hotel, sogar den richtigen Partner." Das führe dazu, dass wir mehr und mehr "von Großunternehmen gesteuert" werden, die "Unmengen von Daten über uns sammeln".

An dieser Stelle lohnt es sich, zu Kant zurückzukehren. Wie Konrad Paul Liessmann, Professor für Philosophie an der Universität Wien, in seinem Essay zur "Neuen Aufklärung" im STANDARD ausführte, formulierte der deutsche Philosoph aus Königsberg nicht nur das Ideal der Autonomie und Mündigkeit, sondern benannte auch die Ursachen, die das Projekt der Aufklärung immer wieder scheitern lassen: "Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben; und warum es Anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen."

Frei nach Kant ließe sich also fragen, ob es denn wirklich in der Natur der digitalen Medien liegt, das Projekt der Aufklärung zu unterwandern, oder nicht die menschliche Faulheit einen wesentlichen Teil dazu beiträgt, dass wir personalisierte Empfehlungen, die Algorithmen für uns ermittelt haben, immer wieder gerne annehmen.

Die Intelligenz des Schwarms

Für Alexander Bogner, Soziologe am Institut für Technikfolgenabschätzung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien, sind die Digitalisierung und neue Technologien nicht für sich genommen aufklärerisch oder entmündigend – auf die Nutzung kommt es: "Phänomene wie Cybermobbing, Hasspostings oder Shitstorms zeigen, wie leicht mithilfe digitaler Vernetzung irrationale Bewegungen gefördert werden." Doch auf der anderen Seite gibt es Versuche der Demokratisierung von Wissen oder Gesellschaften, die ebenfalls auf der fortschreitenden Digitalisierung basieren.

In seiner Disziplin, der Technikfolgenabschätzung, fällt ihm auf, dass diese bei ihrer Entstehung in den 1970er-Jahren von dem Ideal geprägt war, es gebe eine überlegene und einstimmige Stimme der Vernunft der Experten. Heute sei die Technikfolgenabschätzung dagegen vielfältiger, neben Experten- wird auch Laienwissen miteinbezogen. "Die Idee einer 'Wisdom of the Crowd' war hier ansteckend. Diese Entwicklung reflektiert eine differenziertere Sicht auf das Projekt Aufklärung", sagt Bogner.

Eurozentrische Weltsicht

Während Kants Rezept noch darin bestand, mithilfe wissenschaftlicher Vernunft kirchliche Dogmen, politische Ideologien und Vorurteile als irrational zu entlarven, hätten sich in der heutigen Wissensgesellschaft die Wissens- und Wahrheitsansprüche vervielfältigt. Bogner: "Wissenschaft ist nur eine Stimme unter vielen."

Den Wahrheitsanspruch, den die Aufklärung stellt, kritisiert auch die Wissenschaftsforscherin Helga Nowotny: "Die Aufklärung beansprucht, universalistisch zu sein, während sie doch nur eine eurozentrische Weltsicht widerspiegelt." Weiters gibt sie zu bedenken, dass in unserer Gesellschaft "die Rolle der Emotionen vernachlässigt wurde. Das bekommen wir heute in den von Ärger, Wut und Hass getragenen populistischen Wellen zu spüren."

Neben der Ausblendung von Gefühlen sahen sich aufklärerische Strömungen immer schon mit der Gretchenfrage konfrontiert: "Nun sag, wie hast du's mit der Religion?" Liessmann betont dazu: "Es ist ein grobes Missverständnis, dass die Vernunft gegenüber Glaubenswahrheiten tolerant sein muss."

Eine Denkart lernen

Die aktuelle Debatte um das Burkaverbot ist ein Beispiel dafür, wie sowohl Befürworter wie auch Gegner gerne die Aufklärung ins Treffen führen, um ihren Standpunkt zu untermauern. Heiner F. Klemme, Professor für Geschichte der Philosophie an der Universität Halle-Wittenberg und Mitglied im dortigen Interdisziplinären Zentrum für die Erforschung der Europäischen Aufklärung, sagt, dass man aus Kants kategorischem Imperativ zwar kein Burkaverbot ableiten könne, dennoch biete der Bezug zur Aufklärung Denkanstöße – auch in dieser Frage: "Von der Aufklärung können wir eine bestimmte Art zu denken lernen: Welche Dinge und Aspekte sind für Probleme, mit denen wir uns heute herumschlagen, relevant, und welche sind es nicht?"

Umgemünzt auf das Burkaverbot heiße das: "Dass mir die Konfession einer Nachbarin vielleicht nicht gefällt, kann für die Frage, ob sie ihr Gesicht verhüllen darf, nicht entscheidend sein. Entscheidend ist die Frage, ob es meine grundlegenden Freiheitsrechte tangiert, wie das Recht auf freie Meinungsäußerung, wenn meine Nachbarin eine Burka trägt." (Tanja Traxler, Peter Illetschko, 1.9.2016)

  • Eine Figur in der Wallenrodt-Bibliothek im Königsberger Dom erinnert an den deutschen Philosophen Immanuel Kant – er ist einer der wichtigsten Denker der Aufklärung.
    foto: picturedesk / tass / vladimir smirnov

    Eine Figur in der Wallenrodt-Bibliothek im Königsberger Dom erinnert an den deutschen Philosophen Immanuel Kant – er ist einer der wichtigsten Denker der Aufklärung.

Share if you care.