Milo Rau: "Meine Hoffnung ist eine Revolution von unten"

Interview31. August 2016, 08:00
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Der Schweizer Regisseur vollendet mit dem multimedialen Stück "Empire" seine Europa-Trilogie. Er erzählt von seinen Reisen an die Ränder des Imperiums und von der Tragödie unlösbarer Konflikte

STANDARD: War Ihnen beim ersten Teil Ihrer Europa-Trilogie, die nun mit "Empire" vollendet wird, klar, dass es drei Teile geben wird?

Rau: Die Idee zur Trilogie entstand bei den Vorarbeiten zu "The Civil Wars". Ich merkte schnell, dass ich mehr als einen Teil brauchen würde. Als "The Civil Wars" rauskam, war es bereits der erste Teil eines geplanten biografisch-politischen Panoptikums.

STANDARD: Im ersten Teil ging es um Jihadisten, die von Europa in den Kampf nach Syrien ziehen. Für den dritten Teil reisten Sie an die IS-Front. Da schließt sich ein Kreis, den es damals nicht gab.

Rau: Das Kalifat an sich gab es noch nicht, als ich 2013 für "The Civil Wars" in Vororten von Brüssel und Paris recherchierte. Der IS wurde Monate später gegründet.

STANDARD: Wie hat sich Ihr Blick auf den Krieg in Syrien und im Irak durch Ihre Reise verändert?

Rau: Einerseits erhellen sich die lokale Komplexität des Konfliktes und die dahinterstehenden strategischen Notwendigkeiten. Es gibt im Nordirak oder in Nordsyrien nicht die eine Front gegen den IS, sondern eine dutzendfach gebrochene. Die Türkei ist gerade in Nordsyrien einmarschiert, um die kurdischen Milizen zu bekämpfen, die nordirakischen Kurden wiederum, die Peschmerga, können nicht vorrücken, weil die USA sie zum Halten zwingen – dazu kommen Russland, der Iran, die sunnitischen Milizen und so weiter. Es gibt sich überschneidende und widersprechende Pläne. Zudem blickt man vor Ort in die Tiefe der Zeit. In "Empire" arbeiten wir mit griechischen Dramen wie "Medea" oder der "Orestie". Wir sprechen über die Antike und über Tragödien, und dann steht man da auf einmal im Zweistromland, im Nahen Osten, mitten in den Zeitungsmeldungen, und an Orten, die bereits für die Griechen mythisch waren. Du überquerst den Tigris, besuchst die ältesten Siedlungen der Welt, und plötzlich steht die Aktualität im extremen Zeithorizont. Dazu kommt die Unlösbarkeit des Konflikts: Die Kurden im Nordirak und in Syrien sind auch untereinander verfeindet. Eine Tragödie, die ins Individuelle hineinspielt.

STANDARD: Auch in einzelne Biografien, mit denen Sie arbeiten.

Rau: Junge Menschen verlassen die Region, auch wenn sie pazifiziert ist. Wenn du nicht zum jeweiligen Herrschaftsklan gehörst, hast du keine realen Chancen. Es ist natürlich nicht so aussichtslos wie in islamischen Diktaturen. Kurdistan ist als Demokratie bei Religionsfreiheit und der Gleichberechtigung der Frau eine Ausnahme im arabischen Raum. Man bewegt sich relativ frei, es gibt eine funktionierende Zivilgesellschaft, aber auch hier entscheidet die Zugehörigkeit zu einem Klan.

STANDARD: "Empire" ist ein Erzählstück. Wie sehr spielen sich die Schauspieler – ein Kurde, eine Rumänin, ein Syrer und ein Grieche – selbst? Wann erzählen sie für alle?

Rau: Sie tun, wie in den zwei ersten Teilen, beides. Das zeichnet jede Biografie aus: Man ist man selbst, ein Individuum, aber immer auch ein Beispiel seiner Zeit. Meine Schauspieler sind Profis des Erzählens, die reflektieren, wie ein individueller Schauspieler zur Figur und ein Leben zum Schicksal werden kann. Wo ist die Grenze zwischen individueller und universaler Ebene, wie entstehen Identifikation und Katharsis? Bei der Trilogie kommt dazu, dass es tatsächlich erlebter, wahrer Text ist. Für viele Schauspieler ist das ein seltsamer Zwischenbereich.

STANDARD: Gab es Probleme damit?

Rau: Natürlich ist das problematisch. Es gibt die emotionale Ebene, Traumatisierungen, Schmerzpunkte, dann die professionelle Angst. Fragen wie: Werden die Leute verstehen, dass ich nicht nur über mich erzähle, sondern zugleich über eine Figur, eben beispielhaft? Ist es klar, dass es mehr ist als ein Seelenporno? Das war bei "The Civil Wars" ein Problem. Nachher wussten wir: Es funktioniert.

STANDARD: Sie haben sich in der Arbeit "Breiviks Erklärung" auch mit der kruden Gedankenwelt des rechtsradikalen Massenmörders Anders Breivik befasst. Was verbindet Rechtsextreme und junge Männer, die dem Jihadismus verfallen?

Rau: Sozialpsychologisch sind es natürlich die fehlenden Väter, die mit ideologischen Übervätern, seien es Imame, exklusive Peergroups oder imaginierte Gruppen, wie Breiviks Tempelritter, ersetzt werden. Wobei Breivik eine Ausnahme war: Er war für einen Attentäter ungewöhnlich alt, aber eben emotional unterentwickelt. Es gibt Ähnlichkeiten in der Persönlichkeitsstruktur, was zu seltsamen Fällen führt: etwa Rechtsradikale, die zum Islam übertreten. Man findet bei Attentätern aller Ideologien ein Fehlen der Erfahrung, dass es den anderen als leidensfähiges Gegenüber gibt.

STANDARD: Also ein Fehlen der Empathiefähigkeit?

Rau: Ja, die emotionale Intelligenz ist komplett unterentwickelt bei diesen Menschen – auch sich selbst gegenüber, das Ich wird ja genauso ausgelöscht wie das Gegenüber. Bei Breivik kam eine psychische Störung dazu, bei vielen jungen Männern ist es aber einfach eine Entwicklungsstörung, die durch eine Ideologisierung verstärkt wird. Da gibt es große Unterschiede von Generation zu Generation, was ich bei den Jihadisten beobachten konnte. Die ältere Generation, die ich für "The Civil Wars" interviewt habe, ist tatsächlich noch nach Syrien gefahren, um dort gegen Assad zu kämpfen und nicht um selbst zu sterben. Das hat sich sehr geändert ab dem Sommer 2014. Da kam plötzlich ein anderer Jihadismus auf, ein Popjihadismus, dessen Anhänger töten und herrschen wollen: eben in den Facebook-Filmchen mitspielen, die sie im Internet gesehen haben. Man kann das in jedem totalen Krieg beobachten: Die Idee des Kriegs an sich etabliert sich, der Tod und das Töten wird zum eigentlichen Inhalt. Da entwickelt sich ein Todeskult, die bei den Erstjihadisten, von denen ja viele zurück nach Europa gekommen sind, nicht da war.

STANDARD: Ihre Trilogie sprengt im letzten Teil die Grenzen Europas.

Rau: Die Trilogie ist retrospektiv. Europas Geschichte wird anhand von 13 Schauspielerbiografien aus elf Ländern erzählt. Im Grunde ist es eine sehr detaillierte soziologische Großstudie der letzten 70 bis 80 Jahre. Europa ist durch dekonstruktive Phasen gegangen, erlebte Brüche wie das "Nie wieder" nach dem Zweiten Weltkrieg und die Idee eines einheitlichen Marktes. Spätestens seit den 1970er-Jahren galten Nationalisten als Kleingeister. Europa sollte für alle da sein. Doch nun zeigt sich, dass der europäische Universalismus im Mittelmeer aufhört.

STANDARD: Der Steirische Herbst, der "Empire" ab 14. Oktober zeigt, widmet sich Merkels "Wir schaffen das".

Rau: Angela Merkel hat aus strategischen, vielleicht auch moralischen Gründen 2015 entschieden, die Grenzen einen historischen Moment lang zu öffnen. Aber hinter den Kulissen waren die Deals mit der Türkei schon geplant. Unsere Schauspieler, die früher nach Europa kamen, erzählen, wie das vor sieben, acht Jahren war. Da hat man sich ein Flugticket gekauft, das war keine lebensgefährliche Reise übers Meer, da standen da noch keine Grenzzäune.

STANDARD: Da gab es keine Verordnung, die es Fluggesellschaften verbietet, Flüchtlinge mitzunehmen.

Rau: Genau. Heute schaut man, wen man hereinlässt. In Erbil oder Dohuk gibt es Schnellkurse für angehende Ärzte oder Ingenieure, die Deutsch lernen. Wenn sie einen bestimmten Geldbetrag auf dem Konto haben, dann dürfen sie kommen: eine elitäre Form des offiziellen Schleusertums. Die ländliche Bevölkerung hat keine Chance. Aber das ist eben die alte imperiale Logik: Es gibt zerstörte Randgebiete des Imperiums, wo man mit Eliten kooperiert und die Besten ins Kernland abzieht.

STANDARD: Welche Utopien bräuchte Europa? Oder wird es untergehen wie antike Hochkulturen?

Rau: Europa hat die ganze Welt kolonialisiert, physisch und imaginär. Ob Marxismus, Marktliberalismus, Industrialisierung und Konsum – all diese Ideen kamen von hier. "Europa" ist also sowieso bereits überall. Aktuell kommt ein engerer Begriff von Europa auf, weil viele das Gefühl haben, sie haben sich in der Globalisierung verloren. Die Frage ist: Wie kann man einen europäischen Universalismus entwickeln, der auf Augenhöhe mit der globalen Realität unserer Wirtschaft und der Informationsströme ist? Wie kann man Europas Rechtsprechung und Arbeitsmarktpolitik in die ganze Welt bringen, wie den Wohlfahrtsstaat updaten? Nicht durch abstraktes folgenloses Gequassel in machtlosen Parlamenten, während Wirtschaftslobbys die Dinge regeln und man uns erklärt, es sei alles zu kompliziert für tatsächliche politische Steuerbarkeit.

STANDARD: Zusammenhänge kompliziert darzustellen ist für Herrschende eben sehr praktisch.

Rau: Kompliziert sind die Dinge nur, solange man sich die Welt als Unmenge konkurrierender individueller Lebenspläne vorstellt. Demokratie ist die Erkenntnis, dass man nicht allein ist, sondern eine Lobby bilden kann. So wie die Industriearbeiter, die im 19. Jahrhundert gesagt haben: Wir wollen nicht mehr 16 Stunden pro Tag arbeiten und mit 40 an Lungenkrebs sterben. Denen hat man auch gesagt, das ginge nicht. Aber nach und nach wurden Arbeitnehmerrechte etabliert. Das ist ein Vorgang, den man auf alle Imperiumsbürger ausweiten muss.

STANDARD: Auf alle Bürger der von Europa kolonialisierten Länder?

Rau: Meine Hoffnung ist eine Revolution von unten, dass ein revolutionäres Subjekt entsteht – etwa ein Zusammenschluss der Migrantenverbände, wie das gerade in Belgien und Holland geschieht. Es ist die Konsequenz der globalen Wirtschaft, dass die Leute ins Kernland wollen, wo es Wohlstand und Frieden gibt. Damit muss aber die Neuverhandlung der Rechte einhergehen. Es ist völlig zufällig, dass wir in die Aristokratie dieser globalen Klassengesellschaft hineingeboren sind, ein Privileg, das gemäß der Logik der Aufklärung verhandel- und teilbar ist, wie einst Privilegien der Feudalgesellschaften. Trotzdem tun wir so, als wären die nach demografischer und wirtschaftlicher Notwendigkeit definierten Grenzen naturgegeben. Weil wir Angst Probleme fürchten, die wir verursachen. Letzthin sagte ein Bekannter, er verstehe, dass wir den Braindrain im Nahen Osten brauchen – für die wirtschaftliche Entwicklung. Aber warum kann die Wirtschaft Europas nicht schrumpfen? Ich denke, er hat recht. Die Idee des ständigen Aufschwungs, die hinter allem steht, muss hinterfragt werden. (Colette M. Schmidt, 31.8.2016)

Milo Rau (39), in Bern geboren, ist Regisseur, Autor und Gründer der Theater- und Filmproduktionsgesellschaft International Institute of Political Murder, die politische und soziale Konflikte analysiert. "Empire" hat am 1. September im Zürcher Theater Spektakel Premiere und wird ab 14. Oktober beim Steirischen Herbst in Graz gespielt.

  • Regisseur Milo Rau, ganz rechts, bei den Dreharbeiten zu "Empire", dem dritten Teil seiner Europa-Trilogie, an der IS-Front im Nordirak.
    foto: stefan blaäske

    Regisseur Milo Rau, ganz rechts, bei den Dreharbeiten zu "Empire", dem dritten Teil seiner Europa-Trilogie, an der IS-Front im Nordirak.

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